Heilsversprechen und Terror

Eine Biographie über den rumänischen christlichen Faschistenführer Corneliu Zelea-Codreanu

Der in Wien lehrende Historiker und Geschichtsprofessor Oliver Jens Schmitt veröffentlichte 2016 mit „Căpitan Codreanu – Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers“ eine erste biographische Studie über Leben und Wirken von Corneliu Zelea-Codreanu (1899-1938). Schmitt hat sich bereits in anderen Arbeiten mit dem rumänischen Faschismus auseinandergesetzt. In dem gemeinsam mit Armin Heinen herausgegebenen Sammelband „Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die ‚Legion Erzengel Michael‘ in Rumänien 1918-1938“ veröffentlichte er 2013 die Studie „‘Zum Kampf, Arbeiter‘. Arbeiterfrage und Arbeiterschaft in der Legionärsbewegung (1919-1938)“ die das Verhältnis von faschistischer Legionärsbewegung und Arbeiterschaft thematisiert und wichtige, oftmals neue, Erkenntnisse über die einflussreiche Rolle und die durchaus revolutionären Absichten von Arbeitern in der nationalistisch-faschistischen Massenbewegung Rumäniens publik macht und analysiert. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse aus dieser Studie ist die Tatsache, das viele ideologische Elemente der Legionärsbewegung in der national-kommunistischen Ceaușescu-Diktatur zwischen 1967–1989 Platz fanden.

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„Wir müssen den ‘Fluss der Anarchie’ anzapfen, wir müssen Risiken eingehen. Wir müssen beginnen, die Mauern einzureißen.“

Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler, Philosophen und Anarchisten Adrian Tătăran

BUNĂ: Lieber Adrian, wie bist auf das Thema Anarchismus und Geschichte des Anarchismus in Rumänien gekommen?

Adrian Tătăran: Mein Interesse an anarchistischen Ideen und der anarchistischen Bewegung begann vor ca. 10 Jahren, als ich eine rumänische Übersetzung von Bakunins „Gott und der Staat“ in die Hände bekam. Wenn ich nun zurückblicke, kann ich sagen, dass dieser aufrührerische Text so etwas wie ein Funke war, der viele Ideen, die ich diffus in mir trug, erhellte und ihnen einen klaren Ausdruck verlieh.

Ich bin im Rumänien der 90er aufgewachsen. Es war eine wirklich chaotische und unbeständige Zeit, die auf eine brutale Diktatur folgte, deren Spuren noch immer in der Gesellschaft präsent waren. Ich wuchs als Metalhead in einem Land auf, das zu dieser Zeit ausgesprochen konservativ und autoritär war. Wir waren nicht explizit politisch bewusst und wussten nur ungefähr was Anarchismus bedeutet. Wie auch immer, wir lebten Metal als eine Form der Rebellion. Wir bildeten zusammen eine kleine Gemeinschaft, eine Art von Gegen-Gesellschaft, in der wir frei sein konnten, hier und jetzt; frei von all dieser „Welle von Betrug, Durchtriebenheit, Ausbeutung, Verdorbenheit, Laster – in einem Wort: Ungleichheit – die sie in all unsere Herzen gegossen haben“, wie es Kropotkin möglicherweise ausgedrückt hätte; frei von Unterwürfigkeit, Angst und Uniformität, die als höchste Form der Moral verklärt wird, frei von einer ausweglosen Zukunft als Menschen in einer Sackgasse. Das erklärt, weshalb für mich die Begegnung mit Bakunins Text ein so befreiendes und kraftvolles Ereignis darstellt.

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Buchbesprechung: Kischinew. Das Pogrom von 1903

Das grauenvolle antisemitische Pogrom von 1903 im damals zum russischen Zarenreich gehörenden Kischinew (Chișinău, heute Hauptstadt der Republik Moldawien), ist Gegenstand einer von Andreas W. Hohmann und Jürgen Mümken herausgegebenen Textsammlung unter dem Titel „Kischinew. Das Pogrom 1903“. Die beiden haben sich des Pogroms in der bessarabischen Hauptstadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil im Jahr 1903 bei 48% lag, sowie der generellen Judenfeindschaft und des Antisemitismus innerhalb der russischen, rumänischen und deutschen Bevölkerung der Region und des russischen Staatsapparates zu Beginn des 20. Jahrhunderts angenommen. Dabei haben sie eine eindrückliche Fülle von Informationen, Berichten und Dokumenten zusammengetragen. Sie referieren über die von Kirchen und Zaren geschürten antisemitischen gesellschaftlichen Einstellungen und die von den Zaren erlassenen antisemitischen Gesetze und Bestimmungen. Erläuternde Hinweise, z.B. in den Fußnoten, vertiefen gelesenes. Das Buch gliedert sich in drei Bereiche. Der erste behandelt die Pogrome und steht unter der Unterüberschrift „Darstellungen, Einordnung, Reaktionen“, der zweite behandelt den „literarischen Widerhall des Oster-Pogroms“ und der dritte schließlich befasst sich mit den Ereignissen und der Auswanderung der Juden in der US-amerikanischen Literatur.

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Mord an Gheorghe Ursu – Anklagen gegen ehemalige Securitate Chefs

Mord an Gheorghe Ursu – Anklagen gegen ehemalige Securitate Chefs (Rubrik: Rumänien Staatskapitalismus,„Realsozialismus”)

Wegen des Foltermordes an dem emanzipatorischen, antifaschistischen und linken Dichter und Ingenieur Gheorghe Ursu im Jahr 1985 kündigte die rumänische Staatsanwaltschaft im August 2016 Anklagen wegen Mordes gegen vier hochrangige Securitate Offiziere an. Unter diesen befindet sich der frühere Chef des national-kommunistischen Geheimdienstes Tudor Postelnicu (84) und der Innenminister zu Zeiten des „Realsozialismus“ George Homostean (92). Ihnen wird vorgeworfen, die Verhaftung des Dichters angeordnet zu haben, nachdem ein Informant systemkritische Einträge in dessen privatem Tagebuch an den Geheimdienst weitergeleitet hatte. Nach dem Mord im Kerker Rahovei in Bukarest verschleierten die Behörden den wirklichen Tathergang und gaben als Todesursache eine Bauchfellentzündung an. Tatsächlich wurde Ursu nach einem der täglichen „Verhöre“ totgeschlagen. Nach dem Systemwechsel 1989 wurden zwei seiner Mörder, die Securitateoffiziere Tudor Stănică und Mihail Creangă des Mordes angeklagt und 2003 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Ursus Sohn Horia Andrei setzt sich seit Jahren dafür ein, dass auch die Hauptverantwortlichen des Mordes an seinem Vater zur Rechenschaft gezogen werden. Unterstützt wird er dabei von der Stiftung „Gheorghe Ursu“. Der 1926 geborene Gheorghe Ursu wurde in jungen Jahren überzeugtes Mitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens und gehörte dort zum linken-progressiven Flügel. Nach dem Machtantritt der KP erkannte er ihr wahres autoritäres und Arbeiter- und freiheitsfeindliches Wesen. Während der national-kommunistischen Diktatur sprach er sich mehrere Male mutig öffentlich gegen die Ungerechtigkeiten des Systems aus und wurde deswegen 1950 aus der KP ausgeschlossen. Er äußerte dennoch weiterhin seine Kritik, u.a. warf er der KP Opportunismus und Antisemitismus vor. An sein Leben, sein Wirken, den Mord an ihn und die politischen und juristischen Ereignisse darum, erinnert die Webseite der Fundația Gheorge Ursu: http://gh-ursu.ong.ro/

2007 wurde ein Film von Cornel Mihalache über sein Leben mit dem Titel „Babu – Cazul Gheorghe Ursu“ („Babu – der Fall Gheorghe Ursu“) in Sibiu vorgestellt.

Diese Meldung ist erschienen in BUNĂ #4

Bessarabiendeutsche: Täter oder Mitläufer?

Bessarabiendeutsche: Täter oder Mitläufer?

Das Buch Die „Rückführung“ der Volksdeutschen am Beispiel der Bessarabiendeutschen von Heinz Fieß ist eine vertane Chance, bessarabiendeutsche Geschichte durch Aktive der Bessarabiendeutschen Gemeinschaft endlich kritisch zu behandeln.

Ende 2015 erschien im Selbstverlag ein Buch des langjährigen Funktionärs der bessarabiendeutschen Landsmannschaft (heute Bessarabiendeutscher Verein e.V.) und Redaktionsleiters deren Mitteilungsblattes, Heinz Fieß. Unter dem Titel „Die ‘Rückführung’ der Volksdeutschen am Beispiel der Bessarabiendeutschen“ behandelt er die Umsiedlung der ca. 95.000 Bessarabiendeutschen im Jahre 1940. Aufgrund seiner langen Beschäftigung mit den Belangen der Bessarabiendeutschen, seiner Bekanntschaft mit Teilnehmern der Umsiedlung sowie deren Erfahrungsberichten und dem Umstand, dass der Autor selbst aus einer bessarabiendeutschen Familie stammt, sollte man von dem vorliegenden Buch detaillierte Einblicke in den Ablauf der Umsiedlung, aber auch zu den gesellschaftlichen Hintergründen dieser kaum bekannten deutschen Volksgruppe erwarten können.

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Einblicke in den rumänischen Fußball und den Nationalismus in den Fan-Kurven

Zwischen Liga-Frust und EM-Patriotismus

Einblicke in den rumänischen Fußball und den Nationalismus in den Fan-Kurven

Von F. List

Es hätte so schön sein können: Eine Liga, prallgefüllt mit Traditionsvereinen, langjährig bekannten Ultragruppen und so ganz ohne selfiesuchende Eventfans. Fast wäre dieser Traum eines manchen rumänischen Fans wahr geworden. In den letzten Jahren mussten diese leider immer öfter mit ansehen, wie sich große Namen des rumänischen Vereinsfußballs aus den oberen Ligen verabschiedeten und sich entweder im unterklassigen Niemandsland neugründen oder sogar ganz verschwinden mussten. Am Ende dieser Saison kam jedoch ein Funke Hoffnung auf, dass die 2. Liga bald eine Art „Klassentreffen alter Fußballklubs“ werden könnte. Mit Rapid Bukarest, Universitatea Cluj, Farul Constanța, Gloria Buzău, UTA Arad, Poli Timișoara und FC Brașov hätte das nostalgische Herz gleich wieder schneller geschlagen. Leider platzte aber dieser Traum, ehe er wirklich zur Realität werden konnte. Während man Rapid Bukarest den Aufstieg in die 1. Liga noch gönnte, musste sich U Cluj im Playout geschlagen geben und nach 16 Jahren wieder in die 3. Liga zurück kehren. Bangen müssen aktuell auch die Jungs von der Schwarzmeerküste. Der nach dem rumänischen Wort für „Leuchtturm“ benannte FC Farul Constanța steckt mal wieder in massivsten Geldnöten und bereits jetzt diskutieren Anhänger über eine mögliche Neugründung des Vereins. Hier spalten sich jedoch die Geister. Während die jetzigen Ultragruppen einen von Fans ins Leben gerufenen Verein strikt ablehnen, streben ältere Ultras genau solch ein Projekt an. Zu guter Letzt wird auch die Elf aus Buzău beim Traditions-Wiedersehen fehlen. Die nord-östlich von Bukarest gelegene Stadt beklagt ebenso finanzielle Probleme und konnte im entscheidenden Relegationsspiel noch nicht einmal einen spieltauglichen Kader zusammenstellen.

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Keine Angst vor großen Namen – Die rumänische Zeitschrift „Facla“

Im Herbst 2014 gelang es einer Genossin in Rumänien, eine Sammlung von 71 Heften der kämpferischen sozialistischen Zeitschrift „Facla“ („Die Fackel“) aufzukaufen. Die erste Folge der Wochenschrift erschien von 1910 bis 1914. Eine zweite Folge wurde 1916 bis zu ihrem Verbot Ende August 1916, bedingt durch den Kriegseintritt Rumäniens in den Ersten Weltkrieg, publiziert. Weitere Nummern erschienen danach erst wieder 1923 sowie zwischen 1925-1926. Die längste ununterbrochene Periode ihrer Herausgabe stellt der Zeitraum von 1930 bis 1940 dar. Bei den uns vorliegenden Ausgaben handelt es sich um Nummern der Jahrgänge 1911 und 1912. Der Zustand der meisten Exemplare ist altersbedingt kritisch, Seiten sind lose, an den Heftklammern hat sich Rost gebildet, manche Seiten sind eingerissen. In verschiedenen Ausgaben finden sich handschriftliche Anmerkungen und Unterstreichungen, die darauf schließen lassen, dass die „Facla“ auch von ihren Gegnern aufmerksam gelesen wurde.

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