Vorwort zur ersten Ausgabe

BUNA LogoLiebe Leserinnen und Leser,

wir sind der Auffassung, dass es höchste Zeit ist, eine Zeitschrift herauszugeben, die kritisch auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten und Entwicklungen in Rumänien blickt und über Neuigkeiten aus dem Land zwischen Banat und Schwarzem Meer informiert. Die BUNĂ soll dazu dienen, genauer hinter die Kulissen zu blicken. In den meisten Medien kommt Rumänien nur als Randthema vor. Dabei nimmt das Land eine wichtige geopolitische und –strategische Rolle in den Plänen der wirtschaftlichen und politischen Eliten ein. Fracking („Gase de sist“), Goldauswaschungen („Roșia Montană“) oder die geplanten Erdölbohrungen im Meer vor Constanța dienen dem internationalen Kapital als Quelle des Profits. Dafür werden Menschen vertrieben, die Natur vergiftet und zerstört. Als Mitglied der NATO und der Europäischen Union kommen ihm wichtige militärische Aufgaben für dieses kapitalistische Staaten- und Militärbündnis zu. Rumänien ist „EU-Außengrenze“.

In geheimen Bukarester CIA-Gefängnissen wurden Gefangene gefoltert. Die rumänische Armee beteiligt sich schon seit langem an sog. „Auslandseinsätzen“, u.a. in Afghanistan und im Irak. Regiert von Familienclans und anderen Machtcliquen, denen es nur vordergründig um politische Überzeugungen geht, hinter denen sie ihren Willen nach dem eigenen satten Vorteil auf Kosten der ausgebeuteten Menschen, (nur mäßig) verstecken, verschlechtert sich die Lebenssituation der einfachen Bevölkerung, der Lohnabhängigen und Erwerbslosen, beständig. Preise für Wasser, Gas, Holz und Strom sind in den letzten Jahren wiederholt stark gestiegen. Selbsttötungen häufen sich aufgrund einer als ausweglos empfundenen Situation. Und doch gibt es Widerstand. Dorfbewohnerinnen und –bewohner wehren sich gegen das Fracking, besetzen Grundstücke und müssen sich der Jandarmerie erwehren; Arbeiterinnen und Arbeiter treten in selbstorganisierte Streiks gegen ausstehende Lohnzahlungen, es regt sich Widerstand gegen Zwangsräumungen etc. Hunderttausende Menschen aus Rumänien sind aufgrund der bedrückenden sozialen Situation gezwungen, in anderen Ländern zu leben und zu arbeiten. Gerade in Deutschland wird ihnen oftmals Lohn vorenthalten, horrende Summen für Unterkunft und Verpflegung berechnet und kein Versicherungsschutz für sie gezahlt. Auch darüber will die BUNĂ berichten, und, wo möglich, die Akteure zu Wort kommen lassen und Solidarität vermitteln. Von unserer Seite aus wird es zudem keinen geschönten Blick auf die rumänischen Gegebenheiten oder eine Idealisierung des Landes geben. Wir überlassen das Schönreden und Ausredenfinden gerne den „patriotischen“ Medien und Gruppen in Rumänien, die wahre Meister darin sind, immer wieder neue Sündenböcke für Auswirkungen grundlegender, durch Kapitalismus, Herrschaft und Unfähigkeit verursachter Übel zu präsentieren. Seien es „die Juden“ oder „die Zigeuner“.

Einen weiteren Schwerpunkt legen wir auf die „Geschichte von unten“. Wir möchten Kenntnisse über das widerständige und revolutionäre, das „bessere“ Rumänien vermitteln und Akteure aus der anarchistischen, syndikalistischen, sozialistischen Arbeiterbewegung vorstellen. Wir möchten fortschrittliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller bekannter machen, an Ereignisse und Kämpfe erinnern und versuchen, daraus Lehren für uns heute zu ziehen. Es geht uns also um mehr, als die reine Information. Wie im Untertitel beschrieben, soll die BUNĂ einen Beitrag für Befreiung und Emanzipation leisten: Der Befreiung von Ausbeutung und Herrschaft sowie der Emanzipation zu einem freien, selbstbestimmten Leben in Würde. Solch ein Leben kann es nur ohne Staat, Patriarchat und Kapitalismus geben. Auf dem Weg dorthin wollen wir Gespräche und Interviews mit interessanten Zeitgenossen führen, Bücher besprechen und gute Literatur vorstellen. Wir wünschen uns weiterhin, dass wir mit dieser Zeitschrift auch die Möglichkeit haben, Menschen zusammen zu bringen, die auf die eine oder andere Weise mit Rumänien verbunden sind oder sich dafür interessieren und fortschrittliche Ideen hegen. Nicht zuletzt sehen wir die Zeitschrift daher auch als Mittel des Erkenntnisgewinns für uns selbst.

Während diese Zeilen geschrieben werden, finden in der Ukraine kriegerische Auseinandersetzungen zwischen der von Faschisten gebildeten und unterstützten Regierung in Kiew und sogenannten „russischen Separatisten“ statt. Während die Machthaber in Kiew vom Westen und der NATO politisch, finanziell und militärisch unterstützt werden, trifft das gleiche für die „Separatisten“ zu, die aus Moskau Unterstützung erhalten. Schon mit den ersten Kämpfen in der Ukraine (hier sei auch an das Massaker im und um das Gewerkschaftshaus am 2. Mai 2014 in Odessa erinnert, sowie an die Annexion der Krim durch den russischen Staat) begann in Rumänien eine Vorbereitung auf den „Ernstfall“. Zum einen setzte hektische Betriebsamkeit in den staatlichen Vorratslagern (den „Rezervelor de stat“) ein, deren Aufgabengebiet sich nicht nur auf die Hilfe und Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln bei Naturkatastrophen beschränkt, sondern auch den Eingriff bei „speziellen Problemen“ wie einer Kriegsbeteiligung vorsieht. Zum anderen erhielten zahlreiche männliche Staatsangehörige Vorladungen zu Musterungen in den Kasernen, zu denen auch Reservisten im Alter von über 50 Jahren einbestellt wurden. Für den rumänischen Staat und die Nationalisten ist die Annexion der Krim durch Russland eine Bedrohung der eigenen Absichten. Schließlich wollen diese eine „Wiedervereinigung“ mit der Republik Moldawien, wie der Ministerpräsident Victor Ponta erst jüngst wieder verkündete. Allerdings existieren dort, vor allem in der abgespaltenen Provinz Transnistrien, auch starke pro-russische Kräfte, die sich durch das „Referendum“ auf der Krim ermutigt sehen, sich Russland anzuschließen.

Ein Besuch des russischen Vize-Premiers Rogosin im Mai 2014 in Transnistrien führte zu einem verbalen Schlagabtausch. Nachdem Rumänien Rogosin Überflugrechte über sein Territorium verweigerte, drohte dieser: „Das nächste Mal komme ich mit einer Tupolew 160“, einem Langstreckenbomber. Die rumänische Regierung erklärte daraufhin, das die „Drohung mit dem Einsatz eines russischen strategischen Bombers durch einen russischen Vize-Ministerpräsidenten im aktuellen Kontext eine ausgesprochen schwerwiegende Erklärung” sei. Der rumänische Staatspräsident Traian Băsescu legte nach, wie es seine Art ist, und bezeichnete Rogosin indirekt als Säufer („Wir müssen herausfinden, wie viel Wodka Rogosin vor diesen Äußerungen getrunken hat“). 2011 hatte Băsescu die russische Öffentlichkeit mit der Aussage in einem Fernseh-Interview provoziert, den deutschen Angriff auf die damalige Sowjetunion 1941 gut zu heißen. Wäre er damals Führer Rumäniens gewesen, so Băsescu, dann hätte er seinen Soldaten befohlen, mit der Wehrmacht gegen Russland zu ziehen, genauso „wie es die damalige Führung in Bukarest getan hat“. Dabei würdigte er die Nazi-Wehrmacht ausdrücklich als „Alliierte“. Was der heutige Krieg in der Ukraine für die Bevölkerung bedeutet, berichtete das „Neue Deutschland“ vom 14. August 2014 am Beispiel der Stadt Luhansk, im Osten des Landes. „In Luhansk sind seit fast zwei Wochen 250.000 Einwohner ohne Trinkwasser und Strom. Laut örtlichen Medien droht ein Ausbruch von Krankheiten. Viele Menschen können sich nur mit technischem oder Flusswasser versorgen. Die Stadt werde nicht mit Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff beliefert. Soziale Zuwendungen, Renten und Löhne würden nicht ausgezahlt.“ Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen sollen nach UN-Angaben bis zum 29. August bereits 3.000 Menschen getötet worden sein. In diesem Krieg gibt es keine Seite, auf der wir stehen. Als grundsätzliche Gegner von Nationalismus und Kapitalismus unterstützen wir nach Möglichkeit die emanzipatorischen und anarchistischen Kräfte in Russland und der Ukraine, die sich gegen den Krieg wenden. Aus diesem Grund veröffentlichen wir in dieser Ausgabe die „Erklärung der Linken und AnarchistInnen betreffend die Konfrontation in der Ukraine“, die wir inhaltlich mittragen.

Es gibt aber auch Anlässe und Menschen, über die wir gerne berichten, und an welche wir gerne erinnern. In der vorliegenden Ausgabe würdigen wir zwei der markantesten Persönlichkeiten der rumänischen Arbeiterbewegung. Zum einen den Anarchisten Panait Mușoiu, dessen Geburtstag sich zum 150-mal jährt. Dazu präsentieren wir in deutscher und englischer Erstübersetzung eine 1944 verfasste Erinnerung des Schriftstellers Tudor Arghezi. Zum anderen gedenken wir dem Anarcho-Syndikalisten Ștefan Gheorghiu. 2014 sind es 100 Jahre, seit er an den Folgen einer Tuberkulose, die er sich im Kerker zuzog, verstarb und eine große Lücke in den Reihen der revolutionären Arbeiterbewegung hinterließ.

Die BUNĂ wird mindestens zweimal im Jahr erscheinen. Der Umfang der einzelnen Ausgabe kann dabei variieren. Ein Heft erscheint dann, wenn wir der Auffassung sind, genügend Material zusammengetragen zu haben. Über eine (deine?) Mitarbeit freuen wir uns. Auch sind immer Menschen gesucht, die uns bei Übersetzungen helfen sowie eigene Artikel beisteuern möchten. Auch über Hinweise auf Ereignisse, interessante Artikel oder Sendungen/Dokumentationen freuen wir uns. Schreibt uns einfach an.

Ein großes Dankeschön geht an den Verlag Barrikade (Hamburg) und Folkert Mohrhof für die Möglichkeit, die BUNĂ in ihrem Verlag herauszubringen. Ohne Zögern erklärten sie sich auf unsere Anfrage hin sofort bereit, das Publizieren der Zeitschrift zu übernehmen. Dieses ist natürlich mit Kosten verbunden. Wenn ihr die Zeitschrift unterstützen wollt, dann schließt ein Abo ab oder werdet Wiederverkäufer. Spenden und Werbung für die Zeitschrift freuen uns natürlich ebenfalls und helfen bei der weiteren Entwicklung des Hefts.

Und nun: Viel Spaß mit der ersten Ausgabe.

Die Redaktion

Übrigens: Bună ist rumänisch für „Hallo“.

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