Buchbesprechung: Kischinew. Das Pogrom von 1903

Das grauenvolle antisemitische Pogrom von 1903 im damals zum russischen Zarenreich gehörenden Kischinew (Chișinău, heute Hauptstadt der Republik Moldawien), ist Gegenstand einer von Andreas W. Hohmann und Jürgen Mümken herausgegebenen Textsammlung unter dem Titel „Kischinew. Das Pogrom 1903“. Die beiden haben sich des Pogroms in der bessarabischen Hauptstadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil im Jahr 1903 bei 48% lag, sowie der generellen Judenfeindschaft und des Antisemitismus innerhalb der russischen, rumänischen und deutschen Bevölkerung der Region und des russischen Staatsapparates zu Beginn des 20. Jahrhunderts angenommen. Dabei haben sie eine eindrückliche Fülle von Informationen, Berichten und Dokumenten zusammengetragen. Sie referieren über die von Kirchen und Zaren geschürten antisemitischen gesellschaftlichen Einstellungen und die von den Zaren erlassenen antisemitischen Gesetze und Bestimmungen. Erläuternde Hinweise, z.B. in den Fußnoten, vertiefen gelesenes. Das Buch gliedert sich in drei Bereiche. Der erste behandelt die Pogrome und steht unter der Unterüberschrift „Darstellungen, Einordnung, Reaktionen“, der zweite behandelt den „literarischen Widerhall des Oster-Pogroms“ und der dritte schließlich befasst sich mit den Ereignissen und der Auswanderung der Juden in der US-amerikanischen Literatur.

Heranleitungen an historische Texte bieten eine Einführung und Einordnung. Jürgen Mümken nimmt sich so dem „Literarischen Widerhall des Oster-Pogroms in Gedicht, Erzählung und Theaterstück“ an, Andreas W. Hohmann referiert über „Die Pogrome von Kischenew in der us-amerikanischen Literatur“. Die USA wurden für eine Vielzahl von Jüdinnen und Juden aus Osteuropa zu einer Zufluchtsstätte vor dem beständig schwelenden Antisemitismus, der so oft in gewalttätige Angriffe und Morde mündete. Diese MigrantInnen hielten die Erinnerungen an die schlimmen Erlebnisse und zahlreichen Pogrome lebendig und gaben sie in Form von Erzählungen und Gedichten weiter. Dabei kommt durch die beiden Herausgeber auch zur Sprache, dass der 1986 von Walt Disney produzierte Zeichentrickfilm Feivel, der Mauswanderer, die jüdische Migration aus Osteuropa thematisiert. Berthold Feiwel ist der Autor des Textes „Die Judenmassacres in Kischinew“, der im Buch auszugsweise wiedergegeben ist. Konkret das Pogrom zu Ostern 1903 in Kischinew führte zu einer massenhaften Auswanderung. „Das Oster-Pogrom von Kischinew“, so die Herausgeber, „ist das Symbol für den Antisemitismus und antijüdische Pogrome in Osteuropa und ist fest verankert im kollektiven Gedächtnis US-amerikanischer Jüd_innen mit osteuropäischen Wurzeln.“ Angeführt und initiiert von der zaristischen Geheimpolizei, zog ein enthemmter Mob durch Kischinew und plünderte, brandschatzte und mordete unter der jüdischen Bevölkerung, da diese angeblich ein christliches Kind zu rituellen Zwecken ermordet hätte. 50 JüdInnen wurden ermordet, mehr als 400 verletzt und verkrüppelt. Im Buch versammelte Beiträge berichten über Einzelheiten. Leo Motzkin (A. Linden) berichtet in „Der Prozess von Kischinew“ detailliert über den von der zaristischen Justiz widerwillig geführten Prozess gegen Täter und Mörder. Ein Prozess, der unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand und dennoch weltumspannend verfolgt wurde. Bei den Verfassern der allesamt interessanten Berichte und Erzählungen handelt es sich teils um Anhänger der zionistischen Bewegung, teils um Sozialisten und Anarchisten. So finden sich auch Stellungnahmen von Leo Tolstoi, Maxim Gorki, Karl Kautzky und Peter Kropotkin zu dem Pogrom. Anders als die Zionisten, die auf eine Besiedlung Palästinas und die Gründung eines jüdischen Staates orientierten, rief Kropotkin die jüdische Arbeiterschaft zur „großen sozialen Revolution“ auf.

Alle im Buch versammelten Beiträge tragen zur Kenntnis des Pogroms und des Antisemitismus in Russland und Osteuropa sowie ihrer Ver- und Aufarbeitung durch Jüdinnen und Juden bei. Doch so wichtig und kenntnisreich die Beiträge sind, so schwach ist dabei leider die Ausführung. Das Buch hat eine dermaßen große Anzahl an Schreib- und Satzfehlern, dass diese den Lesefluß bisweilen wirklich stören. Auch finden sich fragwürdige Angaben in den zahlreichen Fußnoten. U.a. wird die sozialistisch-revolutionäre Zeitschrift „Rewoluzjonnaja Rossja“ als „Organ der russischen Terroristen“ tituliert und Pogrome von Studenten in Herrschaftssprache als „Unruhen“ bezeichnet. Von einem anarchistischen Verlag muss man hier mehr erwarten. Diese Mängel schmälern leider den Gesamteindruck. Mehr handwerkliche Sorgfalt hätte diesem wichtigen Buch, dem als Referenz zu den verwendeten Beiträgen Textnachweise im Anhang beigegeben sind, gut getan.

Martin Veith

Kischinew – Das Pogrom 1903
Herausgegeben von Andreas W. Hohmann und Jürgen Mümken

246 Seiten, 16 €, ISBN 978-3-86841-123-2

Verlag Edition AV

Diese Besprechung ist erschienen in BUNĂ #5

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