Es braucht starke Argumente und Geduld – Interview mit einem rumänischen Atheisten

„Menschen zu überzeugen erfordert harte Arbeit, starke Argumente und eine Menge Geduld“

Auf dem sozialen Netzwerk Facebook informiert seit 2014 die Seite „Ducatul Ateist de Alba“ über Religion, Kirche und Gesellschaft in Rumänien. Atheistische Überzeugungen werden mit „Humor, Sarkasmus, Blasphemie und allen anderen Zutaten, die der Religion Schaden zufügen“ den über 42.000 „followern“ nahegebracht. Mit dieser großen Anzahl erreichter Menschen nimmt das „Atheistische Herzogtum von Alba“ – eine Anspielung auf das orthodoxe Erzbistum in der Stadt Alba Iulia, in dem sowohl eine staatlich finanzierte orthodoxe Hochschule mit Priesterausbildung, als auch eine Kathedrale von landesweiter Bedeutung ihren Sitz haben – eine herausragende Position ein. Aufmerksame LeserInnen der BUNĂ wissen von dem verhängnisvollen Einfluss der orthodoxen Kirche und weiterer reaktionär religiöser Gruppen auf die rumänische Gesellschaft.

Wir sprachen mit einem der ehrenamtlich tätigen Aktivisten des atheistischen Herzogtums im Dezember 2015.

Wie kamt ihr auf die Idee, solch eine Seite zu machen? Was ist euer Antrieb?

Nun, durch reinen Zufall. Das Leben hat mich in eine Gesellschaft geworfen, die komplett von Religion dominiert ist. Ich habe in einem Land gearbeitet in dem es absolut inakzeptabel ist, nicht an Gott zu glauben, in dem alle Gesetze durch Religion vorgeschrieben werden und alles dem Glauben untergeordnet ist. Unter solchen Zuständen begann ich mich zu fragen, ob Religion eine gute oder schlechte Sache für die menschliche Gesellschaft ist, sowohl beim Blick auf ihre Geschichte als auch auf ihren gegenwärtigen Einfluss. Und das Resultat dieser Analyse war klar: Wir wären deutlich besser dran ohne.

Wie groß ist der Einfluss der orthodoxen Kirche und anderer religiöser Gruppen in die Gesellschaft?

Hier müssen wir getrennt nach Altersgruppen vorgehen. Die ältere Generation ist sehr tief in der traditionellen Interpretation von Religion verankert und unterstützt den christlichen Glauben. Sie sehen ihn als einen positiven Faktor in der Ausbildung einer starken Moral im Volk. Wie auch immer, die jüngere Generation, aufgewachsen mit dem Internet unter ihren Fingerspitzen, viel gebildeter und informierter, zeigt sich unwillig in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Hier sehe ich die Wahrscheinlichkeit größeren Ärgers. Ich erhalte viele Nachrichten von Jugendlichen, die nach Rat fragen, weil sie mit unnachgiebigen Eltern umgehen müssen, die nicht gewillt sind Atheismus im Leben ihrer Kinder zu akzeptieren.

Mit dem oben Gesagten und zurückkehrend zu eurer Frage, ist der Einfluss der orthodoxen Kirche in Rumänien schwindend. Hauptsächlich aufgrund von Missmanagement und Korruption. Es scheint so, als ob sie von der Gesellschaft und deren Bedürfnissen abgekoppelt ist. Das tragische Ereignis mit dem Brand während des Rockkonzerts  zeigte uns eine fundamentalistische Kirche, unwillig mit den Opfern mitzufühlen und sich mit den Unterstützung suchenden Eltern zu solidarisieren, da sie der Auffassung ist, das Rockkonzerte einen „satanischen“ Aspekt in sich tragen. Im Gegensatz dazu fährt die katholische Kirche einen deutlich besseren Kurs um mit den Gläubigen verbunden zu bleiben, speziell nach den Skandalen des sexuellen Missbrauchs und der Pädophilie. Papst Franziskus macht einen guten Job um die Verbindung der Kirche mit den Gläubigen und deren Wertvorstellungen aufrechtzuerhalten.

Würdet ihr sagen, dass etwas in Bewegung gekommen ist, wenn man betrachtet, dass der Religionsunterricht in den Schulen nun auf freiwilliger Basis durchgeführt werden soll und, dass das Milliarden verschlingende Mammutprojekt eines religiösen Zentrums in Bukarest vorerst auf Eis gelegt wurde?

Gerade heute haben wir die Nachricht erhalten, dass die Regierung die Kirche definitiv finanzieren wird. Wie auch immer, ein paar Jahre früher wäre es außerhalb jeglicher Diskussion gewesen auch nur eine solche Sache (die Ablehnung der Finanzierung der Kirche durch die öffentliche Hand, Anm. BUNĂ) zu fordern. Diese Tatsache zeigt uns die zunehmende Gebrechlichkeit der Kirche und des Glaubens. Ja, die Dinge entwickeln sich von unserem Standpunkt aus betrachtet in die richtige Richtung, und der Motor dafür ist das Internet und die neue Generation, die viel weniger bereit ist Religion als Lösung für ihre Bedürfnisse zu akzeptieren.

Wie ernsthaft betreibt der rumänische Staat die Trennung von Religion und Staat, wie dies in der Verfassung festgeschrieben ist?

In der Vergangenheit haben wir tief reichende Eingriffe in das politische Geschehen durch die Kirche erlebt, u.a. durch hochgestellte religiöse Funktionäre, die politische Parteien unterstützten. Dies muss gestoppt werden und wir werden solch Verhalten – wann immer möglich – angreifen. Ich muss hinzufügen, dass dies aufgrund der Tatsache, dass die politische Klasse nur Vorteile bei der Kollaboration mit der Kirche für ihre Wahlkandidaturen sieht, schwierig wird.

Welchen Schwierigkeiten begegnet ihr bei eurer Kritik an Kirche, Religion und der Verquickung von Staat und Kulten?

Es ist schwer Menschen zu überzeugen, die ihr gesamtes Leben unter einer religiösen Mentalität verbracht haben, dass sie diese ändern müssen. Selbst im Angesicht der überzeugendsten rationalen Beweise, verweigern sie die Einsicht darin, dass eine Gesellschaft, in der Religion keine große Rolle spielt, viel besser wäre. Menschen zu überzeugen erfordert harte Arbeit, starke Argumente und eine Menge Geduld.

Erlebt ihr negative Reaktionen von Seiten der Kirche oder Gläubiger auf euch und eure durchaus bissigen Stellungnahmen? Gab es Bedrohungen und wie geht ihr damit um, wenn man weiß, dass überzeugte ChristInnen auch gerne mal vermeintlich „Verhexte“ oder „Besessene“ Folter unterziehen oder töten, wie dies vor wenigen Jahren in einem Kloster in Tanacu* an die Öffentlichkeit kam.

Natürlich, ich wurde verflucht, beleidigt, bedroht, Morddrohungen inklusive, doch blieb es bislang bei Worten. Dennoch glaube ich nicht, dass ChristInnen besonders gewalttätig sind. Sie haben einen weiten Weg der Entwicklung zurückgelegt, von dem Zustand, in dem sie sich im Mittelalter befunden haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass fundamentalistische ChristInnen nicht zu schlimmen Dingen in der Lage sind. Ein Beispiel sind die Jugoslawien Kriege. Der Fall in Tanacu war ein Akt der Dummheit und keine von der Kirche organisierte Gewalt.

Seht ihr Chancen gerade in der jüngeren Generation eine kirchen- und religionskritische Einstellung wachzurufen?

Absolut. Die junge Generation ist mit dem Internet verbunden, sie können jede Information in Sekundenschnelle überprüfen, sie sind die Generation Google. Es ist sehr schwer sie durch Religion zu indoktrinieren. Die Religion befindet sich in einem steilen Niedergang und wird nur auf einem überschaubaren Level in einer nicht all zu fernen Zukunft überleben. Wenn sie ihre Doktrin nicht radikal ändern, sich öffnen und wissenschaftliche Tatsachen ohne Zurückhaltung akzeptieren, werden sie nicht überleben. Sie werden in den Bibliotheken in der Abteilung für Mythologie enden.

In welcher Gesellschaft würdet ihr gerne leben?

In einer Gesellschaft, deren Antrieb Bildung ist. Von dort entwickeln sich alle guten Dinge.

Hab vielen Dank für das Interview

*Exorzismus und Mord in Tanacu

Im Mai 2005 folterten der rumänisch-orthodoxe Priester Daniel Petre Corogeanu und vier Nonnen im Kloster der „Heiligen Dreifaltigkeit“ in Tanacu (Kreis Vaslui) die 23-jährige schizophrene Novizin Maricica Irina Cornici, deren epileptische Anfälle sie als Teufelsbesessenheit betrachteten. Die junge Frau wurde an Armen und Beinen an ein Holzkreuz gebunden und drei Tage lang von den Geistlichen gequält. Nahrung und Wasser erhielt sie nicht. Am dritten Tag starb sie an den Folgen der schweren Misshandlungen. Nach dem Tod der jungen Frau verteidigten zahlreiche Gläubige die menschenverachtenden Taten des Priesters und der Nonnen. Vor Gericht behauptete der Priester, dass es sich bei der Tat um „Gottes Willen“ gehandelt hätte. Ein Gericht in Vaslui verurteilte ihn 2007 zu 14 Jahren Gefängnis, reduzierte die Strafe aber nach einem Berufungsverfahren auf 7 Jahre. Nach zwei Dritteln seiner Haftzeit wurde er 2011 aus dem Vollzug entlassen.

Dieses Interview ist erschienen in BUNĂ #3

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