Heilsversprechen und Terror

Eine Biographie über den rumänischen christlichen Faschistenführer Corneliu Zelea-Codreanu

Der in Wien lehrende Historiker und Geschichtsprofessor Oliver Jens Schmitt veröffentlichte 2016 mit „Căpitan Codreanu – Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers“ eine erste biographische Studie über Leben und Wirken von Corneliu Zelea-Codreanu (1899-1938). Schmitt hat sich bereits in anderen Arbeiten mit dem rumänischen Faschismus auseinandergesetzt. In dem gemeinsam mit Armin Heinen herausgegebenen Sammelband „Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die ‚Legion Erzengel Michael‘ in Rumänien 1918-1938“ veröffentlichte er 2013 die Studie „‘Zum Kampf, Arbeiter‘. Arbeiterfrage und Arbeiterschaft in der Legionärsbewegung (1919-1938)“ die das Verhältnis von faschistischer Legionärsbewegung und Arbeiterschaft thematisiert und wichtige, oftmals neue, Erkenntnisse über die einflussreiche Rolle und die durchaus revolutionären Absichten von Arbeitern in der nationalistisch-faschistischen Massenbewegung Rumäniens publik macht und analysiert. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse aus dieser Studie ist die Tatsache, das viele ideologische Elemente der Legionärsbewegung in der national-kommunistischen Ceaușescu-Diktatur zwischen 1967–1989 Platz fanden.

Die nun vorgelegte Biographie über Corneliu Zelea-Codreanu, den Gründer und Führer der Legionärsbewegung, ist ausgesprochen kenntnisreich und basiert auf einer Vielzahl gesichteter Quellen. Sie folgt chronologisch dem Lebensweg des in eine faschistische Familie in Huși im Nord-Osten Rumäniens geborenen Zelea-Codreanu, dessen Vater orthodoxer Christ, Militarist, glühender rumänischer Nationalist, Gymnasial- und Deutschlehrer war. Von einem beachtlichen Teil der lokalen Bevölkerung wurde dieser geachtet und respektiert. Schon früh zählte der Vater zu den treuesten Gefolgsleuten und Propagandisten der bekannten Antisemiten Nicolae Iorga (1871-1940) und A.C. Cuza (1857-1947). Der nationalistische Politiker war mehrfach zum Parlamentsabgeordneten gewählt worden und landesweit als antisemitischer Propagandist aktiv. In dieser Umgebung geformt, betrachtete sich Corneliu Zelea-Codreanu schon in jungen Jahren als „auserwählt“ und zur Führung berufen. Seine Familie unterstützte ihn in diesem Glauben. Seine politischen Aktivitäten begann er als Anhänger A.C. Cuzas und dessen Bewegung, der sog. „Cuzisten“. Christlich-Orthodoxer Mystizismus, rumänischer Nationalismus, der Wunsch nach Vernichtung und Vertreibung der Juden – als Sündenböcke für die wirtschaftlich miserablen Lebensumstände, die große Armut der Mehrheit der Bevölkerung, der Bauern, und die ausgeprägte Korruption – sowie ein prinzipieller Hass auf Ideologien und Ideen von Gleichheit, Gleichberechtigung und rationaler Erkenntnis formten sowohl das Weltbild als auch den Willen zum politischen Handeln des jungen Codreanu. Die ersten Aktionen richteten sich dementsprechend gegen streikende Arbeiter – er und seine Anhänger stürmten eine bestreikte Fabrik, rissen die dort gehisste rote Fahne herunter und setzten die rumänische Trikolore über den Eingang – sowie gegen die Abschaffung des Gottesdienstes zu Beginn neuer Unterrichtssemester an der Universität von Iași. In beiden Fällen agierten Codreanu und seine Anhänger, in den Anfangsjahren vornehmlich nationalistisch-christliche Studenten, mit exzessiver Gewalt.

Die Lebensgeschichte Codreanus wird in zahlreichen kürzeren Kapiteln behandelt, wobei einige auf wichtige gesellschaftliche Ereignisse näher eingehen. Hier sei auf die angebliche „Gotteserscheinung“ 1935 im Dorf Maglavit (Bezirk Dolj) verwiesen, die, durch die Massenmedien der damaligen Zeit angeheizt, zu einer religiösen Hysterie im gesamten Land führte und der Legion des „Erzengel Michael“ politisch-moralischen Auftrieb verschaffte.

Als bürgerlicher Wissenschaftler benutzt Schmitt eine stellenweise zu akademische Sprache, die sicherlich nicht alle am Thema interessierten Menschen ohne weiteres verstehen werden. Seine Ausdrucksweise ist zudem teils ungenau. Insbesondere ist das der Fall, wenn er an wenigen Stellen die rumänische Linke anspricht. Durch seine Ausdrucksweise suggeriert er eine Form von „Linksblock“, der von Gewerkschaften bis hin zu den auflagenstärksten Boulevardblättern jener Zeit reicht. Übergriffe der legionären Faschisten auf sozialistische Treffpunkte und Personen werden hastig erwähnt, die angegriffenen Menschen bleiben namenlos. Er argumentiert ausgehend vom Standpunkt der Verfassung bzw. der herrschenden Klasse. Gleich zu beginn spricht er von den Gewerkschaften und „kommunistischen und sozialistischen Agitatoren“, die bis 1920 „Streikwellen organisierten“ und in „Zusammenarbeit mit den sowjetischen Bolschewiken sogar einen Anschlag auf das Parlament in Bukarest unternahmen.“ Konkreter wird Schmitt nicht und so kann man nur davon ausgehen, das er dabei den Anschlag einer angeblichen Gruppe um den vermutlich anarchistischen Revolutionär Max Goldstein (1898-1924) vor Augen hat. Der Anschlag und die darauf folgende Repression ist bis heute nicht aufgearbeitet. Goldstein starb schließlich nach 32-tägigem Hungerstreik im Kerker von Doftana.

Konkreter und kenntnisreich nimmt er sich der vielschichtigen extremen Rechten an. Die wichtigsten Vereinigungen stellt er im Laufe der Kapitel vor, auch wenn er bei einigen darauf verzichtet, ihren konkreten Organisationsnamen anzugeben. Beispielsweise spricht er von der Vereinigung des faschistischen Generals und Mussolini-Verehrers Alexandru Averescu (1859-1938) nur von einer „Liga“. „Ligen“ gab es aber sehr viele und so bleibt seine „Liga Poporului“ („Liga des Volkes“) ungenannt. Gut gelungen und mit Wissensgewinn zu lesen ist die Darstellung der lebendigen, ausdifferenzierten und vielfältigen rumänischen Rechten und extremen Rechten samt ihrer zahlreichen einflussreichen Sympathisanten und Förderer in Universitäten, Armee, Justiz, Polizei, Geheimdienst, Presse, Königshaus und nicht zuletzt der orthodoxen Kirche. Die Darstellung ist so umfang- und kenntnisreich, das man schnell den Überblick bei all den Namen, persönlichen Animositäten und zeitweiligen Allianzen verlieren kann. Die nahezu durchgängig korrupte und von persönlichen Machtgelüsten getriebenen Rechten, Antisemiten, Nationalisten und Faschisten sahen im Aufkommen der Legion eine ernstzunehmende Konkurrenz. Denn Codreanu geißelte in seinen Ansprachen und ideologisch-christlichen Schriften Korruption und Reichtum und forderte ein asketisches christliches Leben in Armut, Demut und eiserner Disziplin. Führer nationalistischer und antisemitischer Vereinigungen müssten Vorbilder sein, dazu gehöre ein vorbildliches Leben im Einklang mit der christlich-orthodoxen Religion und einem angeblichen „Rumänentum“.

Terror und Mord

Codreanu gehörte zu den Organisatoren und Aktivisten von Terror gegen die politische Linke, gegen korrupte und unliebsame Politiker sowie gegen die jüdische Bevölkerung. Er organisierte antisemitische Überfälle von faschistischen Rollkommandos in Regionen und Gemeinden mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil und an den Universitäten, von denen Juden seiner Ansicht nach vertrieben gehörten und zu denen sie generell nicht zugelassen werden sollten. 1923 plante er zusammen mit vertrauten (darunter der spätere faschistische Spanienkämpfer, Stellvertreter Codreanus und Mann seiner Schwester Iridenta, Ion Moța) die Ermordung von Politikern und Juden aus der gesellschaftlichen Elite. 1924 ermordete er den Polizeipräfekten von Iași. In beiden Fällen kam es zu Anklagen und Verhaftungen und darauf folgende Freisprüche durch offen mit Codreanu und den Antisemiten sympathisierenden Richtern trotz eindeutiger Beweise. Die Vielvölkerregion Bessarabiens war Codreanu und seinen Anhängern ebenfalls seit frühesten Tagen verhasst. Dort lebten viele Russen, Ukrainer, Juden und viele rumänisch-stämmige Bauern. Arbeiter und Tagelöhner sympathisierten mit sozialistischen und anarchistischen Ideen. Studenten aus Bessarabien waren in ihrer Mehrheit fortschrittlich und sozialistisch eingestellt und gegen diese agierte Codreanu mit Gewalt und forderte in einer Resolution den Ausschluss der „anarchistischen Bessaraber“ von den Universitäten. Denn an diesen würde sich eine „bolschewistische Elite herausbilden“. Um die verarmte rumänische Bevölkerung in dieser Region für die faschistisch-christliche Sache zu gewinnen (die dortigen rumänischen Großgrundbesitzer gehörten schon mehrheitlich zu den Konservativen und Rechten) unternahmen die faschistischen Vereinigungen von A.C. Cuza und Codreanu Aufmärsche und Veranstaltungen. Codreanu errichtete „Arbeitslager“ bestehend aus faschistischen Studenten in der Region, die den verarmten Bauern und der Dorfbevölkerung unentgeltlich Infrastruktur errichteten, bei der Feldarbeit halfen und dabei Codreanu als Messias priesen. Ihre Arbeit fiel auf fruchtbaren Boden, da sich der rumänische Staat nie ernsthaft der vielfältigen Probleme der Menschen angenommen hatte. Unterstützung fanden sie auch bei einem Großteil der orthodoxen Dorfpriester.

Die „Eiserne Garde“

Über viele Jahre zählte Codreanu zu den ergebensten Aktivisten und Führern der „Liga der national-christlichen Verteidigung“ („Liga Apărării Național Creștine”) (LANC) unter A.C. Cuza. Nach organisationsinternen Flügelkämpfen (bei denen A.C. Cuza u.a. vorgeworfen wurde, von „den Juden gekauft“ worden zu sein) überwarf er sich mit diesem und gründete 1927 zusammen mit einigen Gefolgsleuten die militant-christlich-faschistische „Legion des Erzengel Michael“. Die orthodoxe Ikone des Erzengels Michael habe ihm in seiner Haftzeit im Gefängnis von Văcărești Kraft gespendet, weshalb er seine Bewegung nach diesem benennen wolle. Zwischen der LANC und der Legion kam es sowohl zu inhaltlich-politischen als auch gewalttätigen Auseinandersetzungen. Anhänger beider Formationen wurden in den folgenden Jahren bei Kämpfen gegeneinander ermordet. Codreanu erklärte gegenüber der LANC: „Wir werden sie säubern wie räudige Hunde“. Schmitt arbeitet heraus, das die Legion in ihren ersten Jahren von einem Kreis faschistisch-christlicher Mystiker geführt wurde. In Codreanus Vorstellung sollte sie einem mittelalterlichen antisemitsch-christlichen Ritterorden ähneln. Er referiert die inhaltlichen Ausführungen A.C. Cuzas und Codreanus zum Antisemitismus und dem generellen Verlangen nach einem autoritären, ethnisch-„reinen“ und „starken Staat“. Anhänger fand die Legion hauptsächlich an den Universitäten bei den Studenten; auch zahlreiche weibliche Studierende sympathisierten oder waren aktive Anhängerinnen. Es bildete sich eine eigene aktivistische legionäre Frauenorganisation. Die Legion verstand sich zu dieser Zeit als „unabhängige Jugendorganisation zur Lösung des Judenproblems“. Durch strenge Erziehung der Gesellschaft solle ein „neues Rumänien“ erschaffen werden. Die Jugend solle nach den Prinzipien „Glaube, Arbeit, Ordnung, Hierarchie und Disziplin“ leben. Bei einem öffentlichen Aufmarsch 1929 in Iași zählte die Legion laut Schmitt nur 330 Personen. Durch Agitationsmärsche im Süden Bessarabiens und der Region Moldau wuchs die Zahl der Anhänger. Codreanu lief oder ritt seinen Marschgruppen voran, die dann in verschiedenen Städten und Gemeinden öffentliche Veranstaltungen abhielten. Es kam dabei häufig zu Angriffen auf Juden und Sozialisten. In der Stadt Cahul nahmen (nach Codreanus Angaben) 20.000 Menschen an einer Veranstaltung Teil. Der charismatische Codreanu hörte sich dort die „Klagen und Leiden der Christen“ an und sprach in mystischer und bildhafter Weise zu den Versammelten. Um seine Bewegung auf eine breitere Basis zu stellen, folgte im April 1930 die Gründung der „Eisernen Garde“ („Garda de Fier“), der sich auch nicht-legionäre nationalistisch-antisemitische Vereinigungen anschlossen und die besonders unter den Bauern großen Zuspruch fand. Neugegründeten Ortsgruppen standen oftmals Dorflehrer und Priester vor. Die Legion plante im Mai 1930 einen großen Propagandamarsch durch Bessarabien, bei dem 1.500 Mann von Iași ausgehend verschiedene Orte Bessarabiens aufsuchen sollten. Um staatliche Repression zu umgehen, holte er bei seinem langjährigen Freund, dem Ministerpräsidenten und Führer der Nationalen Bauernpartei („Partidul Național Țărănesc“) Iuliu Maniu (1873-1953) die Genehmigung für den Marsch ein. Kurz vor dem Marsch wurde dieser dann doch verboten, da die rumänische Regierung Druck aus dem Ausland befürchtete. Die Ankündigung des Aufmarsches der Legionäre hatte die jüdische Bevölkerung Bessarabiens in große Angst versetzt, ging doch von den Faschisten regelmäßig Gewalt aus und wurden Pogrome erwartet. Zeitnah zum geplanten Aufmarsch in Bessarabien hatten Anhänger Codreanus auf dessen Weisung hin in der Stadt Borșa in der Maramureș (im nördlichen Rumänien) damit begonnen „die Bauern zu organisieren“. Es kam zu pogromhaften Angriffen auf Juden. Ihre Häuser wurden von einer von Legionären aufgehetzten Meute niedergebrannt. Codreanu erklärte später dazu, das die „Juden die Häuser selbst angesteckt hätten, um dies den Rumänen in die Schuhe zu schieben“. Schmitt hinterfragt die Angst der Juden in Bessarabien vor einem Pogrom durch die Legionäre. Denn er ist der Auffassung, das die bisherige Forschung darin falsch liege, diesen als „großangelegtes Pogrom“ zu betrachten. Seiner Auffassung nach „umging der Marschplan die jüdischen Siedlungszentren Bessarabiens“. Ziel seien die rumänischen Gemeinden gewesen, in denen die Legionäre zur Schaffung einer „rumänischen Volksgemeinschaft“ beitragen wollten. Für die antisemitische Gewalt in Bessarabien macht er die LANC verantwortlich, die dort stärker verwurzelt war als die Legionäre. Schmitt betreibt mit dieser Aussage, ungewollt, eine Verharmlosung der Bedrohung für die jüdische Bevölkerung durch die legionären Faschisten. Denn ihre Angst Codreanu gegenüber wird als unbegründet erklärt. Sie transportiert die Aussage, Codreanu wolle gar nicht morden, obwohl er und seine Anhänger dies bereits taten. Bei aller Wissenschaftlichkeit sollte doch etwas Einfühlungsvermögen in verfolgte, attackierte und stigmatisierte Menschen vorhanden sein. Und die Fähigkeit, sich in deren Lage zu versetzen. Im Januar 1931 folgte schließlich das erste Verbot der „Eisernen Garde“ nach einem Anschlag auf einen Zeitungsverleger. Das Verbot wurde schnell wieder aufgehoben. Im März 1932 kam es zu Straßenschlachten zwischen Legionären und der keinesfalls demokratischen oder antifaschistischen Staatsmacht in Iași. Dabei wurde die jüdische Synagoge niedergebrannt und jüdische Geschäfte zerstört. Legionäre Studenten schossen auf Gendarmen. Kurz darauf wurde die Legion zum zweiten Mal verboten. Auch dieses Verbot hatte keinen Bestand, trotzdem es zu Morden und Anschlägen der Legionäre, auch auf hohe Staatsbeamte, kam. 1933 ermordeten Legionäre den Staatspräsidenten Ion Duca (1879-1933) auf dem Bahnhof von Sinaia.

Die Legionärsbewegung war mittlerweile zu einer Massenbewegung herangewachsen, ihr Führer im gesamten Land bekannt. Ihre Mitgliederzahl stieg von 6.000 (um 1930) auf 270.000 im Jahr 1937. Schmitt spricht an einer Stelle sogar von einer Million Legionäre. Ihm zufolge ist sie die größte rechtsextreme Massenorganisation Europas, bezogen auf die Bevölkerungszahl, und diejenige faschistische Organisation, welche die größte „schichtenübergreifende Massenmobilisation“ erreichte. 1935 folgte die Gründung der legionären Partei „Alles für das Land“ („Totul pentru Țară“). Dieser stand General Cantacuzino-Grănicerul (1869-1937) vor, ein enger Freund, Finanzier und Weggefährte Codreanus mit besten Verbindungen in die Armee und das Königshaus. Codreanu selbst fungierte als „spiritueller Führer“. Abweichende Ansichten und Kritik am „Căpitan“ wurde nicht geduldet. Der legionäre Dissident Mihai Stelescu (1907-1936) bezahlte diese 1936 mit seinem Leben, als ihn ein „Ehrengericht“ der Legion als „Verräter“ zum Tod verurteilte. Stelescu hatte 1934 die dissidente legionär-faschistische Organisation „Kreuzzug des Rumänentums“ („Cruciada Românismului“) gegründet, die sich an Arbeiter wandte und verstärkt soziale und wirtschaftliche Themen ansprach. Auch der Sozialist Panait Istrati (1884-1935) hatte sich mit Stelescu befreundet. Die legionären Mörder handelten sehr wahrscheinlich mit Billigung Codreanus. Unter der Bezeichnung „Decemviri“ („Die zehn Männer“) ging das Mordkommando in die Geschichte ein. Stelescu wurde auf extrem brutale Weise ermordet. Über hundert Kugeln durchlöcherten seinen Körper, danach wurde er mit Beilen und Äxten verstümmelt. Nach Zeugenberichten tanzten die legionären Mörder anschließend um seinen toten Körper bis die Polizei eintraf. Stelescu hatte die engen Verbindungen führender Legionäre zur Regierung und dem Königshaus kritisiert und diesen vorgeworfen sich bestechen zu lassen. Codreanu warf er vor, ein „Bourgeois“, „unkultiviert“ sowie ein „Plagiator“ zu sein. Seine Ermordung erwartend forderte er Codreanu in einem offenen Brief dazu auf, „selbst zu kommen und es zu tun. Und, wenn möglich, nicht hinterrücks“.

Orthodox(i)e und Legionäre

Den orthodox-christlichen Ansichten Codreanus nimmt sich Schmitt im Kapitel „Der politreligiöse Schriftsteller“ an. Seine Ausführungen sind mit Gewinn zu lesen, nicht zuletzt, da sie einige Fakten zum orthodoxen Glauben erläutern, die den allermeisten Menschen in Westeuropa unbekannt sein dürften. Schmitt führt aus: „Gegen Codreanu wurde auch in der modernen Forschung der Vorwurf erhoben, er habe ketzerisch eine religiöse Sekte außerhalb der Orthodoxie geleitet. Dabei wird übersehen, dass sich der Verrechtlichungs- und Regelungsprozess in orthodoxen Kirchen von jenem in der katholischen Kirche unterscheidet. Daher bleiben Grenzen oftmals vage, die Kirche schließt weniger streng ab und aus, als Rom dies tut. Wenn sich die Kirche von einem häretischen, da sein eigenes Christentum auch dogmatisch entwerfenden, Politiker wie A.C. Cuza nicht distanzierte, warum sollte sie den Legionarismus, der sich stehts zur Orthodoxie bekannte, als Gesamtphänomen verurteilen? Die Kirche äußerte sich punktuell und unter dem Druck der Umstände (…). Zurückhaltend gab sie sich aber, wenn die legionäre Doktrin betroffen war – der Kampf gegen Demokratie, gegen Freimaurer und Juden -, kaum Anstoß nehmen konnte sie an den vielen religiösen Praktiken der Legionäre, auch nicht an ihrem Mystizismus. Wie auch, wenn die Metropoliten von Bessarabien und Siebenbürgen (Transsilvanien, Anm. d.V.), Tausende Priester, Kantoren, Theologen und Theologiestudenten, Mönche und Nonnen die Legion unterstützten? Neuere Forschungen zeigen vielmehr, dass legionäre Doktrin und legionäre Praxis Fleisch vom Fleisch der Orthodoxie waren (…).“

„Sozialrevolutionäre“ Legionäre?

In der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre wandte sich die Legion verstärkt den Arbeitern zu. Schmitt zitiert aus Geheimdienstberichten, die in einigen Regionen vor einer drohenden Revolution warnten. Schmitts bürgerliche Sichtweise spricht davon, das in dieser Situation „Kommunisten und Antisemiten“ die „Bevölkerung aufhetzten“. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen thematisiert er nicht und geht damit an einer zentralen Ursache von Elend und Unterdrückung vorbei. Arbeiter, zuvor in der Legion kaum repräsentiert und vorhanden, besetzten vor allem in Transsilvanien und dem Banat zunehmend Führungspositionen. Anders als die eher dem Mystizismus zuneigenden Studenten hatten die Arbeiter eine materielle Besserstellung ihrer Lebenssituation zum Ziel. Schmitt schreibt den legionären Arbeitern eine erhöhte Gewaltbereitschaft, klassenkämpferische Rethorik samt sozialrevolutionären und kommunistischen Zielen zu. Der Kontrolle des Führers Codreanu sei dieser „Arbeiterflügel“ der Legion Zug um Zug entglitten. Für den offensichtlich den Kapitalismus gut heißenden Schmitt ist die Entstehung dieses „Flügels“, die „wohl folgenschwerste Entscheidung Codreanus überhaupt“. Er führt aus: „Leitfigur war Gheorge Clime, der Chef des ‚Legionären Arbeiterkorps‘. Seine Klientel drängte auf Aktion, Machtergreifung und soziale Revolution. Wenngleich Clime persönlich Codreanu bis zum Schluss treu blieb, verlangten die Arbeiter nach raschem Wandel und materieller Besserstellung, die ihnen die legionäre Propaganda auch versprach. Mystik wirkte in diesem Milieu kaum. Arbeiter erwiesen sich als schlagkräftig und leicht mobilisierbar, damit als politisch wertvoller als die wenig mobilen Bauern, doch verschoben sich die politischen Gewichte in eine von Codreanu kaum beherrschbare sozialrevolutionäre Dynamik. Nicht umsonst fürchtete der Căpitan eine Unterwanderung durch Kommunisten. Einmal in Haft (…) verlor er die Kontrolle über diesen aktivistischen Flügel. Von den legionären Arbeitern führt eine Verbindung zur kommunistischen Machtergreifung ab dem Sommer 1944. Codreanu hatte die Grundlagen einer extremen Antisystembewegung gelegt, die das transzendente Heilsversprechen kaum wahrnahm und Verfassungsstaat, bürgerliche Gesellschaft und Marktwirtschaft radikal ablehnte. Im innersten Kreis der Legion wurden eindeutig kommunistische Ziele wie Enteignung des Grundbesitzes, Verstaatlichung der Wirtschaft, Zuweisung von Ressourcen wie Nahrung, Wohnung und Bildung durch den Staat diskutiert. Diesem linken Flügel ging es viel mehr um materielle Güter und irdische Macht gegen die bestehenden Eliten als der Mystikergruppe um Codreanu.“ Das es sich bei Clime (1889-1939) allerdings um einen glühenden Antikommunisten handelte, lässt Schmitt unter den Tisch fallen. Wie andere Legionäre auch, ging er 1936 nach Spanien, um an der Seite der Franco-Truppen bewaffnet gegen die soziale Revolution zu kämpfen. Er wurde dort zudem von Franco ausgezeichnet.

Flügelkämpfe entbrannten jedoch nicht nur mit dieser Strömung, auch andere versuchten ihre Ziele zu erreichen. Nach Ansicht Schmitts war der zweiteinflussreichste Flügel jener um den Universitätsprofessor Nae Ionescu (1890-1940) und den Aristokraten und Publizisten Mihail Manoilescu (1891-1950). Diese gehörten der pro-monarchistischen Strömung der Legion an und versuchten eine Verständigung zwischen dem rumänischen Königshaus und Codreanu zu erzielen. Codreanu allerdings verachtete König Carol II (1893-1953) obwohl dieser offen die Nazis in Deutschland unterstützte und ein Förderer der von A.C. Cuza und Octavian Goga (1881-1938) gebildeten, am Nationalsozialismus in Deutschland und dem Faschismus in Italien orientierten National-Christlichen Partei („Partidul Național Creștin“) war, mit der gemeinsam er in den Jahren von 1937-38 die sog. „Königsdiktatur“ ausübte. Die internen Macht- und Flügelkämpfe der Legion veranschaulicht Schmitt gelungen und informativ. Hier hatte auch der nahezu omnipräsente Geheimdienst seine Finger mit im Spiel.

Codreanus Ende

Die Königsdiktatur bedeutete eine umfassende Repression der Monarchie gegenüber der gesamten Gesellschaft, speziell aber auch gegen die Legionäre. Anzeichen dafür hatte es bereits 1937 gegeben, als der mit Codreanu und der Legion sympathisierende Kronprinz Nicolae aus dem Königshaus verstoßen wurde. Die Legion hatte sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die Monarchie entwickelt. Carol II zog die Zügel an und ging zu bewusst eingesetzter Gewalt gegen die Legionäre über. Er nahm einen kritischen Artikel Codreanus gegen den königstreuen antisemitischen Historiker Nicolae Iorga zum Anlass, ihn durch ein Gericht zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilen zu lassen. Kurz darauf folgte eine weitere Verurteilung, diesmal unter der Anklage des Hochverrats, zu zehn Jahren Haft. Die Regierung warf Codreanu konkrete Putschabsichten vor. Am 30. November 1938 kam es zur „Nacht der langen Messer“. Die Mörder von Ion Duca (umgangssprachlich als „Nicadori“ bezeichnet), die Mörder von Mihai Stelescu („Decemviri“) und Corneliu Zelea-Codreanu wurden aus ihren Zellen geholt und in Lastwagen in den Wald von Tâncăbești (zwischen Bukarest und Ploiești gelegen) verbracht. Dort wurden die 14 Faschisten von Gendarmen hingerichtet. Der Öffentlichkeit gegenüber wurde erklärt, die Männer hätten einen Fluchtversuch unternommen. Mit dem Tod Codreanus und Informationen zu seinen sterblichen Überresten endet die Biographie. Die legionäre Regierungsbeteiligung in der faschistischen „national-legionären“ Regierung unter Ion Antonescu (1882-1946) und Codreanus Nachfolger Horia Sima (1906-1993) wird in der Einleitung des Buches behandelt.

Was war Rumäniens Aufbruch in die Moderne?

Das letzte Kapitel „Kurzer Kult und langes Schweigen“ versammelt die analytischen Schlussfolgerungen Schmitts. Diese sind informativ, in sich schlüssig und diskutabel. Zwei Punkte aus Schmitts Analyse sollen hier kurz dargestellt werden. Zum einen zieht Schmitt eine kontinuierliche politisch-inhaltliche Linie von den Legionären bis hin zum national-kommunistischen Rumänien unter Ceaușescu. Zum anderen kritisiert er zutreffend, das man mit dem „Instrumentarium der vergleichenden Faschismusforschung dem politisch-kulturellen Phänomen Codreanu nicht gerecht wird.“ Seiner Auffassung nach ist er „nur in einem zweifachen Zugang zu erfassen: von der Faschismusdeutung her, da er in seinem Selbstverständnis als Führer einer ideologisch eigenständigen Bewegung im Rahmen einer faschistischen Internationale mit Anspruch auf europaweite Geltung ernst genommen werden muss; und religionsgeschichtlich, da er nichts weniger wollte als eine kollektive christlich-orthodox verstandene Rettung und Auferstehung der rumänischen Volksgemeinschaft.“ Schmitt bemängelt, das in Rumänien eine „ernsthafte Debatte über Codreanus Stellung in der Geschichte Rumäniens noch nicht stattgefunden hat“. In den Medien werde er zumeist „skandalisiert und exotisiert“. Schmitt sieht in Codreanu und den Legionären den „einzigen Aufbruch in die Moderne, der Rumänien im 19. und 20. Jahrhundert nicht von außen, den west- und mitteleuropäischen Großmächten oder Russland, später auch der Sowjetunion, auferlegt worden war.“ Er schlussfolgert: „Codreanu und seine Bewegung vertreten vielmehr das, was aus der rumänischen Gesellschaft als Reaktion auf die Herausforderungen einer neuen Zeit entwickelt worden ist, als Neuordnung einer Gesellschaft im Innern, als Bestimmung von Rumäniens Stellung in einem neuen Europa.“

Eine Bewertung seiner Aussagen nimmt Schmitt nicht vor. Seinen Standpunkt macht er nicht deutlich. Doch seine Schlussfolgerungen sind nichts anderes als eine vernichtende Aussage gegenüber der rumänischen Gesellschaft jener Zeit. Nimmt man diese ernst, und das sollte man, dann waren die originären Antworten der rumänischen Gesellschaft auf „die Moderne“ reaktionär, rückschrittlich, freiheits- und emanzipationsfeindlich, anti-kommunistisch, anti-semitisch, patriarchal, klerikal und hochgradig gewalttätig und autoritär. Noch heute ist alles davon in der rumänischen Gesellschaft in relevantem Maßstab enthalten. Mit dieser Tradition muss gebrochen werden. Doch damit dies geschehen kann, muss sie beim Namen genannt und ihre Herkunft erfasst und thematisiert werden.

Dem Buch ist eine – leider unvollständige und teils oberflächliche – Liste wichtiger Personen samt biographischer Informationen beigegeben, eine Zeittafel wichtiger Ereignisse in Codreanus Leben und der rumänischen Gesellschaft sowie ein Personenregister.

Martin Veith

Oliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Wien 2016, ISBN: 978-3-552-05803-3, 26,80 €

Diese Besprechung ist erschienen in BUNĂ #6

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