Keine Angst vor großen Namen – Die rumänische Zeitschrift „Facla“

Im Herbst 2014 gelang es einer Genossin in Rumänien, eine Sammlung von 71 Heften der kämpferischen sozialistischen Zeitschrift „Facla“ („Die Fackel“) aufzukaufen. Die erste Folge der Wochenschrift erschien von 1910 bis 1914. Eine zweite Folge wurde 1916 bis zu ihrem Verbot Ende August 1916, bedingt durch den Kriegseintritt Rumäniens in den Ersten Weltkrieg, publiziert. Weitere Nummern erschienen danach erst wieder 1923 sowie zwischen 1925-1926. Die längste ununterbrochene Periode ihrer Herausgabe stellt der Zeitraum von 1930 bis 1940 dar. Bei den uns vorliegenden Ausgaben handelt es sich um Nummern der Jahrgänge 1911 und 1912. Der Zustand der meisten Exemplare ist altersbedingt kritisch, Seiten sind lose, an den Heftklammern hat sich Rost gebildet, manche Seiten sind eingerissen. In verschiedenen Ausgaben finden sich handschriftliche Anmerkungen und Unterstreichungen, die darauf schließen lassen, dass die „Facla“ auch von ihren Gegnern aufmerksam gelesen wurde.

Eine Ankündigung des baldigen Erscheinens der ersten Ausgabe erschien im November 1909 in der anarchistischen Monatszeitung „Revista Ideei“. In einem Schreiben an dessen Herausgeber Panait Mușoiu, informierte, der an der „Facla“ beteiligte Anarcho-Kommunist A. Gălățeanu, über das neue Zeitschriftenprojekt. Mit einer offensiveren, polemischen Sprache, sowie Karikaturen und Zeichnungen sollte die Zeitschrift den freien Platz zwischen den beiden„ wichtigsten Verteidigern unserer Sache“, der „Revista Ideei“ und des Organs der klassenkämpferischen Gewerkschaften „România Muncitoare“ einnehmen. Ersterer bescheinigte Gălățeanu eine zu soziologische Ausrichtung, „România Muncitoare“ bezeichnete er als zu gewerkschaftsspezifisch. Die „Facla“ solle allgemeine gesellschaftliche Themen und politische Ereignisse aufgreifen und in einer leicht verständlichen Weise im Sinne des Sozialismus und der Revolution in die Bevölkerung hinein wirken. Vergleicht man die gedruckte Auflage und die Verbreitung der Zeitschrift im gesamten Land, dann kann diese Absicht als Gelungen betrachtet werden. Mit 20.000 gedruckten Exemplaren nimmt die „Facla“ in der revolutionären rumänischen Presse eine Spitzenposition ein. Zum Vergleich: „România Muncitoare“ erreichte zu Höchstzeiten eine Auflage von 7.500 – 8.500 Exemplaren (im Durchschnitt lag diese bei 4.500- 5.000), über die Auflage der „Revista Ideei“ kann anhand der Aboliste für die Jahre 1911/12 nur eine (vorsichtig geschätzte) Auflage von ca. 2.000 – 3.000 Exemplaren vermutet werden.

Die in der „Facla“ behandelten Themen reichten von Politik, Wirtschaft, Sozialem bis hin zur Literatur. Die kleinformatige Zeitschrift – ihre Maße sind annähernd DIN A5 – machte sich einen Namen ob ihres konsequenten Kampfes gegen den Antisemitismus, religiöse Irrationalität und religiösen Machtanspruch, die orthodoxe Kirche, das verschwenderische, „parasitäre“ Leben und die Korruption der „Noblen“ und Reichen, sowie weiterhin im entschiedenen Kampf gegen den Militarismus, die Monarchie und den Nationalismus. Plastische Vergleiche zwischen den Reichen und der ausgebeuteten und sprichwörtlich ausgemergelten Bevölkerung wurden gezogen, die Klassengesellschaft und-justiz an den Pranger gestellt. Karikaturen prominenter Politiker, Generäle oder Nationalisten auf dem Titel wurden mit bissigen Über- oder Unterschriften versehen. Besonders ins Fadenkreuz rückte dabei der König (Carol I) sowie die beiden Antisemiten und Faschisten Nicolae Iorga und A.C. Cuza. Nachdem eine Plagiatsaffäre Cuzas aufgedeckt wurde, bei der ans Tageslicht kam, dass der antisemitische Professor aus Iași große Teile seines Buches von einem jüdischen Professor abgeschrieben hatte, druckte die „Facla“ die entsprechenden Stellen in der Zeitschrift ab, um jedermann die Möglichkeit zum Vergleich zu geben. Sie hielt den Skandal öffentlich, den Cuza und seine Freunde in der bürgerlichen Presse klein zureden und zu vertuschen suchten. Nach kurzer Zeit wurde zudem ein Buch über den Plagiator A.C. Cuza veröffentlicht.1 Berichterstatter in der „Facla“ über den gegen Cuza geführten Prozess war vermutlich Panait Zosin.2

Ein Verfahren wegen „Majestätsbeleidigung“ leitete die Justiz im Sommer 1912 gegen die Redaktion der Zeitschrift ein, nachdem dort ein kritischer Artikel gegen König Carol veröffentlicht worden war. Auf die Anklagebank mussten der Herausgeber N.D. Cocea, die Redakteure Toma Dragu und Tudor Arghezi sowie der Verfasser Alexandru Filipescu (Kampfname: Al. Filimon).3 Bei Cocea und Dragu handelte es sich um prominente Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei (PSDR), wobei Cocea – von Beruf Rechtsanwalt wie Dragu – durchaus mit syndikalistischen Vorstellungen liebäugelte und als Feind der Monarchie und klassenkämpferischer, revolutionärer Sozialist zahlreiche profilierte, leidenschaftliche Artikel gegen das Königshaus und die kapitalistisch-feudalistische Gesellschaftsordnung verfasste. Toma Dragu dagegen war ein erklärter Gegner des Anarchismus, der in der Verleumdungskampagne der Sozialdemokraten gegen den Bukarester Anarchisten Adolph Reichmann-Bruney eine schäbige Rolle spielte.4 Kritisch anzumerken ist ferner, dass gegen die aus Deutschland (Hohenzollern) stammende Königsfamilie Rumäniens mit nationalistischen, insbesondere deutschenfeindlichen Artikeln agitiert wurde. N.D. Cocea machte in seinen zahlreichen Beiträgen keine Unterschiede zwischen deutschen Arbeitern und den aus Deutschland stammenden Herrschern. Seine Polemiken richteten sich generell gegen „die Deutschen“, denen er „Fremdherrschaft“ und Imperialismus bescheinigte. Von einem rationalen und anarchistischen Standpunkt aus betrachtet, ist natürlich jede Herrschaft „Fremdherrschaft“, ganz gleich, in welchem Land ein Herrscher geboren wurde. Für die Ausbeutung, Kontrolle und Unterdrückung der arbeitenden Klasse ist es nebensächlich, ob ein in Rumänien oder Deutschland geborener Monarch an der Spitze des Staates steht. Zudem waren es die rumänischen Großgrundbesitzer und Kapitalisten, die sich für die Hohenzollern als Herrschergeschlecht Rumäniens entschieden, da sie sich dadurch die größten Profite und eine Industrialisierung des Landes, verbunden mit einer Öffnung zum Westen, versprachen.

Zur Redaktion der „Facla“ zählte weiterhin Tudor Arghezi, der mit antiklerikalen Artikeln brillierte und zahlreiche Betrügereien und Unmenschlichkeiten der christlich-orthodoxen Kirche zum Gegenstand seiner kenntnisreichen Polemiken machte.5 Zu den regelmäßigen Mitwirkenden gehörte ferner der Schriftsteller Emil Isac, der in einer Ausgabe von 1912 Leben und Wirken Panait Mușoius vorstellte und würdigte.6 1911 ergriff der gestandene Revolutionär und ehemalige Sekretär des russischen Anarchisten Bakunin, Zamfir C. Arbore, die Feder und verfasste eine Kritik gegen Iorga und den Nationalismus.7 Die realistischen Zeichnungen und Karikaturen trugen die Künstler J. Steriadi, Iser, Camil Ressu, F. Șirato und I. Steurer bei. Gegenstand ihrer Arbeiten war die Darstellung des Elends von „einfachen Menschen“, den Bauern und Arbeitern, der Soldaten auf dem Schlachtfeld, von Gefangenen sowie dem prunkvollen Leben der Herrschenden.

Von den politischen Gegnern und Feinden wurde die Zeitschrift abwechselnd als „Juden- bzw. Anarchistenblatt“ betitelt und ihr „Vaterlandsverrat“ vorgeworfen.

Der „Facla“ ist deutlich anzumerken, dass sie von verschiedenen Ideen und Vorstellungen der zeitgenössischen revolutionären Strömungen beeinflusst ist. In einem Radius von Reformismus zu Revolution reichen diese von Wahlaufrufen für Toma Dragu bis hin zur Propagierung von Generalstreik und sozialer Revolution im Kriegsfalle. Artikuliert wurden sozialdemokratische, sozialistische und syndikalistische Vorstellungen. Nicht zu übersehen ist der große Einfluss der französischen Arbeiterbewegung, konkret der zu dieser Zeit revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaftsföderation CGT. Revolutionär- und anarcho-syndikalistische Zeitungen aus Frankreich wurden in der „Facla“ beworben und über die Redaktionsadresse zum Abonnement angeboten. Unter diesen findet sich der „La Bataille Syndicaliste“ („Der syndikalistische Kampf“) und der militante sozialistisch-anarchistische „Guerre Social“ („Der soziale Krieg“) unter Leitung des Sozialrevolutionärs Gustave Hervé.8 Veröffentlicht wurden mehrere Übersetzungen von Texten Hervés zum Antimilitarismus, der bekanntlich nicht mit einem prinzipiellen Pazifismus zu verwechseln ist. Die Broschürenreihe der „Facla“ legte rumänische Übersetzungen des französischen Syndikalisten Hubert Lagardelle auf. Beworben wurden die Veröffentlichungen der „Bibliothek der Revista Ideei“, die Schriftenreihe von „România Muncitoare“ sowie ausgewählte Publikationen des Verlagshauses „Adevărul“, in dem die“Facla“ erschien.

Eine detaillierte Untersuchung zur „Facla“ steht noch aus.

Martin Veith

Die folgende Ausgaben der „Facla“ finden sich im Bestand:

1911, 2. Jahrgang:

Nr. 3 (15.01.11), Nr. 4 (22.01.11), Nr. 5 (27.01.11), Nr. 6 (05.02.11), Nr. 7 (12.02.11), Nr. 8 (19.02.11), Nr. 9 (26.02.11), Nr. 10 (05.03.11), Nr. 13 (28.03.11), Nr. 14 (02.04.11), Nr. 15 (09.04.11), Nr. 17 (23.04.11), Nr. 18 (30.04.11), Nr. 19 (08.05.11), Nr. 21 (21.05.11), Nr. 23 (04.06.11), Nr. 24 (11.06.11), Nr. 25 (18.06.11), Nr. 26 (15.06.11), Nr. 29 (16.07.11), Nr. 34 (20.08.11), Nr. 39 (24.09.11), Nr. 46 (19.11.11), Nr. 51 (24.12.11)

1912, 3. Jahrgang:

Nr. 1 (07.01.12), Nr. 4 (28.01.12), Nr. 5 (04.02.12), Nr. 6 (11.02.12), Nr. 7 (18.02.12), Nr. 8 (25.02.12), Nr. 9 (08.03.12), Nr. 10 (10.05.12), Nr. 12 (24.03.12), Nr. 13 (31.03.12), Nr. 14 (07.04.12), Nr. 16 (21.04.12), Nr. 17 (28.04.12), Nr. 18 (05.05.12), Nr. 19 (10.05.12), Nr. 20 (19.05.12), Nr. 21 (25.05.12), Nr. 22 (02.06.12), Nr. 24 (16.06.12), Nr. 25 (23.06.12), Nr. 26 (30.06.12), Nr. 27 (07.07.12), Nr. 28 (14.07.12), Nr. 29 (21.07.12), Nr. 30 (28.07.12), Nr. 31 (04.08.12), Nr. 32 (11.08.12), Nr. 33 (18.08.12), Nr. 34 (25.08.12), Nr. 35 (01.09.12), Nr. 36 (08.09.12), Nr. 37 (16.09.12), Nr. 38 (22.09.12), Nr. 39 (29.09.12), Nr. 40 (06.10.12), Nr. 41 (13.10.12), Nr. 42 (20.10.12), Nr. 43 (27.10.12), Nr. 44 (03.11.12), Nr. 45 (10.11.12), Nr. 46 (17.11.12), Nr. 47 (24.11.12), Nr. 48 (01.12.12), Nr. 49 (08.12.12), Nr. 50 (15.12.12), Nr. 51 (22.12.12), Nr. 52 (29.11.12)

Anmerkungen:

1Verfasser war Em. Socor. Der Titel lautet: „O rușine unversitara – Plagiatul d-lui A.C. Cuza“ („Eine universitäre Schande – das Plagiat des Herren A.C. Cuza“).

2Das legt die Signatur des Artikelschreibers nahe. Dieser ist mit einem P. unterschrieben. Dies ist die Form, die Panait Zosin auch für seine Artikel in „Revista Ideei“ und „România Muncitoare“ wählte. Siehe zu seiner Person: Martin Veith: „Unbeugsam – ein Pionier des rumänischen Anarchismus – Panait Mușoiu“ , Lich 2013, S. 101-111. Zosin war Anarchist, Atheist und Psychiater. Ein weiteres Argument für diese These ist der Ort des Prozesses, Iași. Zosin lebte und arbeitete dort.

3Über den Ausgang des Verfahrens fand ich stark widersprüchliche Aussagen.

4 Siehe dazu Martin Veith: „Unbeugsam…“, S. 148. Dragu fungierte zeitweilig als Richter.

5Siehe zu seiner Person: Martin Veith: „Wer war Tudor Arghezi?“ in „BUNĂ Nr. 1 – Zeitschrift für Befreiung & Emanzipation – nicht nur in Rumänien“, S. 41.

6Siehe: Emil Isac: „Un idealist (P. Mușoiu)“ in „Facla“ Nr. 26, 3. Jahrgang (1912), S. 519.

7Siehe: Zamfir C. Arbore: „Ce fel de naționalist sînt“ („Welcher Art Nationalist ich bin“) in „Facla“ Nr. 21, 2. Jahrgang (1911), S. 346.

8Auch die „L`Humanite“, Zeitung der französischen Parteisozialisten, konnte über die „Facla“ bezogen werden.

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #3

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