“Wir halten es für notwendig am Aufbau eines landesweiten Netzwerks radikal-libertärer Initiativen mitzuwirken”

Ein Interview mit AnarchistInnen aus Craiova

BUNĂ: Könnt ihr etwas zu eurer Stadt sagen? Wie sind die Lebensbedingungen? Ist es eine von der Industrie geprägte Stadt oder eher landwirtschaftlich? Wie hoch ist die Erwerbslosigkeit?

DIY Craiova: Wir leben in Craiova, das im Südwesten von Rumänien, nahe an der Grenze zu Bulgarien sowie Serbien liegt. Es ist die sechstgrößte Stadt Rumäniens. Im vormaligen Regime war sie hochindustrialisiert. Craiova ist die ärmste Großstadt im Land und liegt in einem Gebiet, in dem Landwirtschaft betrieben wird und welches ebenfalls eine der ärmsten Regionen des Landes ist. Gleichzeitig ist sie ein Hochschulzentrum sowie ein Verwaltungszentrum.

Nach dem Kollaps des staatskapitalistischen Regimes wurde in den 1990er Jahren eine massenhafte Privatisierung durchgeführt, die zu einer Massenerwerbslosigkeit führte. Jetzt spielt der industrielle Bereich nur noch eine kleine Rolle in der lokalen Ökonomie, die hauptsächlich aus dem Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich besteht. Die offizielle Erwerbslosenrate liegt zwischen sieben und acht Prozent, was eine der höchsten Raten im Land darstellt. Doch bedeutet dies nichts, denn die wirkliche Zahl liegt viel höher. Sogar diese offizielle Rate würde weit höher liegen, wenn in die Betrachtung die Tatsache einbezogen würde, dass in den letzten etwa 15 Jahren die Stadt mehr als 10% ihrer Bevölkerung verlor. Das sind etwas mehr als 30.000 Leute. Die meisten von ihnen verließen das Land in Richtung West-Europa sowie in andere Städte in Rumänien wie Bukarest oder Timișoara. Im Gesamten betrachtet ist die Region noch viel ärmer als die Stadt, denn es gibt keine Arbeitsplätze und die Wirtschaft in den ländlichen Gebieten ist generell eine landwirtschaftliche Subsistenz-Ökonomie.

BUNĂ: In eurem Namen steht das Wort DIY. Was bedeutet dies? Versteht ihr euch als anarchistisch oder generell als „Linke“?

DIY Craiova: Die Buchstaben bedeuten exakt das: Do it yourself. Als wir den Laden eröffneten, hatten wir die Idee, dass er ein offener Raum sein sollte, an dem Menschen zusammenkommen und gemeinsam inner- und außerhalb dieses Treffpunkts in nicht Profit orientierter Weise zusammenwirken können. Also als Platz, der frei von der Geldbezogenheit des alltäglichen Lebens ist. Wir stellten uns den Laden als frei von Hierarchien vor und auch als Ort, der anstelle von Wettbewerb auf Solidarität fokussiert ist und gleichzeitig alle Formen der Diskriminierung und Unterdrückung, die es in der Gesellschaft gibt, abweist. Dieser Laden war in unserer Überlegung nicht nur für AnarchistInnen gedacht und es war keine Voraussetzung, dass die Menschen, die sich an den Aktivitäten beteiligten, sich selbst als anarchistisch verstanden. Aber die Leute, die sich am meisten in dem Laden engagierten, verstehen sich als AnarchistInnen oder libertäre SozialistInnen.

BUNĂ: Wie sehen eure Aktivitäten aus? Tretet ihr an die Öffentlichkeit? Mit welchen Schwierigkeiten seit ihr konfrontiert?

DIY Craiova: Unter den Dingen, die im Laden stattgefunden haben, können wir die Errichtung einer Bibliothek, wöchentliche Filmvorführungen, Konzerte, Workshops (Graffiti und Schablonen, Transparente malen), Freeshops und “Kneipenabende” aufführen. Auf der Straße haben wir „Food not bombs“-Aktionen durchgeführt. Wir initiierten die „critical mass“-Kampagne, die nun seit drei Jahren monatlich stattfindet. Wir beteiligten uns an Straßenprotesten und Demonstrationen gegen das Goldabbau-Projekt von Roșia Montană und in der Bewegung gegen Fracking. Eine der größten Schwierigkeiten dürfte vermutlich der Umstand sein, dass nicht viele Leute daran interessiert sind, sich in soziale Kämpfe einzubringen. Das wird aber etwas verständlicher, wenn wir der Tatsache ins Auge sehen, dass die meisten Leute weder die Zeit noch die Energie dafür haben, da sie sich um ihr tägliches Überleben kümmern müssen. Es gibt keine Initiativen sich als arbeitende Klasse oder StudentInnen zu organisieren. Gewerkschaften gibt es entweder gar nicht oder sie stehen der arbeitenden Klasse fern (pro-kapitalistische Gewerkschaften). Auch wenn die Universität hier recht groß ist, ist sie doch eine sehr konservative Umgebung, die von nationalistischen und kapitalistischen Einstellungen dominiert wird. StudentInnen, die es sich leisten können, in anderen Städten zu studieren, machen dies für gewöhnlich. Das bedeutet, dass diejenigen, die hier studieren, aus den armen umliegenden Gebieten stammen. Es gibt hier auch keine subkulturelle Untergrund-Szene, die als mögliches Umfeld für die Verbreitung radikaler Ideen dienen könnte. Wenn es zu lokalen Auseinandersetzungen kommt, die wir unterstützen können, sind sie in der Regel von Leuten mit nationalistischen oder sogar faschistischen Einstellungen organisiert und dominiert. Dies sind aktuell die Haupttendenzen im Land, wo nationalistische, konservative und rechtsextreme Ansichten nicht nur toleriert, sondern sogar als normal betrachtet werden. Eine weitere Schwierigkeit ist die Tatsache, dass viele Leute das Land verlassen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

BUNĂ: In der Vergangenheit existierte eine „Craiova Anarho Front“ (Anarchistische Front Craiovas) in eurer Stadt. Was könnt ihr uns über diese sagen?

DIY Craiova: Die „Craiova Anarho Front“ hatte ihren Ursprung innerhalb der Punk-Bewegung, die in den späten 90er und frühen 2000er Jahren stark anwuchs. Einige der Leute aus der Punk-Szene radikalisierten sich und gehörten zu den ersten, die anarchistische Ideen im Land – nach dem Fall des vorherigen Regimes – verbreiteten. Sie gaben Fanzines und Bücher heraus, organisierten Aktionen, Straßenproteste und Konzerte. Vielen von ihnen verließen schließlich das Land. Einige der Leute, die mit der Front verbunden waren, führen nun ein anderes Leben, haben private Unternehmen und andere Ansichten. Die anderen, die in der Stadt blieben, beteiligten sich am Laden. Unter denen, die das Land verließen, gibt es aber auch Leute, die in Verbindung mit dem Laden stehen und ihre Solidarität zeigen.

BUNĂ: Wie seht ihr die Perspektive dieser Arbeit? Erfahrt ihr Zuspruch? Was sind eure Pläne für die Zukunft?

DIY Craiova: Bevor wir über die Zukunft sprechen, müssen wir unsere Entscheidung bezüglich des Ladens erklären. Nach nahezu vier Jahren haben wir aufgrund der in der Stadt gegebenen Umstände beschlossen, relevantere Wege zu finden um mit den Leuten in Verbindung zu kommen. In dieser Hinsicht ist es unsere Auffassung, dass die physische Existenz des Ladens im Moment keine Priorität hat und so beschlossen wir ihn zu schließen. Die Situation ist die, dass für gewöhnlich immer dieselben wenigen Leute dort sind, die an Aktionen innerhalb des Ladens interessiert sind. Ein Grund liegt auch darin, dass viele Leute die Stadt verlassen um an anderen Orten zu arbeiten oder zu studieren, wie wir bereits ausgeführt haben. Deshalb halten wir es für notwendig, Aktionen an öffentlich besser wahrnehmbaren Plätzen zu organisieren und am Aufbau eines landesweiten Netzwerks radikal-libertärer Initiativen mitzuwirken. Um mehr Wahrnehmbarkeit und Relevanz zu erreichen, überlegen wir, einen Großteil der Dinge, die im Laden stattfanden, auf die Straße zu verlegen. Sachen wie Filmvorführungen, Food not bombs, Freeshops und Vorbereitungen dazu, in der Lage zu sein in soziale Kämpfe zu intervenieren, die hoffentlich in der Zukunft stattfinden werden.

BUNĂ: Das klingt sehr interessant. Könnt ihr uns mehr über die Initiative für dieses libertäre Netzwerk in Rumänien sagen? Wie viele Gruppen beteiligen sich daran und was sind die Grund-Prinzipien, um die sich die Leute und Gruppen zusammenfinden? Was soll mit einem solchen Zusammenschluss erreicht werden?

DIY Craiova: Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch nicht wirklich von solch einem Netzwerk sprechen. Dafür aber von verschiedenen Gruppen, die in unterschiedlichen Städten aktiv sind und in verschiedenen Bereichen arbeiten. Beispielsweise gegen Zwangsräumungen und Gentrifizierung, in feministischen und queeren Befreiungskämpfen, im Umweltschutz, der Solidarität mit Geflüchteten. Zum aktuellen Zeitpunkt können wir also noch nicht von einem libertären Netzwerk mit einer klaren Struktur oder einer klaren Arbeitsgrundlage sprechen. Doch wir können über unsere Erfahrungen im Laden berichten und darüber, dass AktivistInnen und eine Anzahl kleiner Gruppen aus anderen Städten sich für unsere Aktivitäten interessierten. Auf diese Weise kamen wir in Kontakt und begannen auf informellem Weg, unsere Erfahrungen aus verschiedenen lokalen, sozialen und subkulturellen Aktivitäten und Kämpfen, wie beispielsweise gegen Zwangsräumungen in Bukarest und Cluj auszutauschen und zu diskutieren. Die Tatsache, dass wir begannen uns kennenzulernen, machte es möglich, einige spontane öffentliche Aktionen gemeinsam durchzuführen. Aktionen wie z.B. eine Transparent-Aktion für Geflüchtete oder einen antifaschistischen Protest vor der Ukrainischen Botschaft. Zusammen mit drei anderen Gruppen veröffentlichten wir einen offenen Brief, der den Ausschluss faschistischer Gruppen, Aktivitäten und Gewalt innerhalb der Kampagne „Rettet Roșia Montană“ forderte (Veröffentlicht in BUNĂ 1). Wir kamen also aufgrund unserer verschiedenen lokalen Aktivitäten zusammen und nicht notwendig aufgrund einer gemeinsamen theoretischen Sicht auf die Dinge. Wir halten dies im Moment auch nicht für wichtig. Das wichtige Ziel dieser Art von Netzwerk ist für uns, voneinander zu lernen, radikale antikapitalistische und anti-autoritäre Ideen in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen und auf diese Weise eine relevantere soziale Kraft zu werden. Natürlich soll schlussendlich mit dieser Art von Netzwerk eine soziale und libertäre Revolution ermöglicht werden 😉

Das Interview wurde im Juni 2015 geführt.

Dieses Interview ist erschienen in BUNĂ #2

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