„Wir müssen den ‘Fluss der Anarchie’ anzapfen, wir müssen Risiken eingehen. Wir müssen beginnen, die Mauern einzureißen.“

Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler, Philosophen und Anarchisten Adrian Tătăran

BUNĂ: Lieber Adrian, wie bist auf das Thema Anarchismus und Geschichte des Anarchismus in Rumänien gekommen?

Adrian Tătăran: Mein Interesse an anarchistischen Ideen und der anarchistischen Bewegung begann vor ca. 10 Jahren, als ich eine rumänische Übersetzung von Bakunins „Gott und der Staat“ in die Hände bekam. Wenn ich nun zurückblicke, kann ich sagen, dass dieser aufrührerische Text so etwas wie ein Funke war, der viele Ideen, die ich diffus in mir trug, erhellte und ihnen einen klaren Ausdruck verlieh.

Ich bin im Rumänien der 90er aufgewachsen. Es war eine wirklich chaotische und unbeständige Zeit, die auf eine brutale Diktatur folgte, deren Spuren noch immer in der Gesellschaft präsent waren. Ich wuchs als Metalhead in einem Land auf, das zu dieser Zeit ausgesprochen konservativ und autoritär war. Wir waren nicht explizit politisch bewusst und wussten nur ungefähr was Anarchismus bedeutet. Wie auch immer, wir lebten Metal als eine Form der Rebellion. Wir bildeten zusammen eine kleine Gemeinschaft, eine Art von Gegen-Gesellschaft, in der wir frei sein konnten, hier und jetzt; frei von all dieser „Welle von Betrug, Durchtriebenheit, Ausbeutung, Verdorbenheit, Laster – in einem Wort: Ungleichheit – die sie in all unsere Herzen gegossen haben“, wie es Kropotkin möglicherweise ausgedrückt hätte; frei von Unterwürfigkeit, Angst und Uniformität, die als höchste Form der Moral verklärt wird, frei von einer ausweglosen Zukunft als Menschen in einer Sackgasse. Das erklärt, weshalb für mich die Begegnung mit Bakunins Text ein so befreiendes und kraftvolles Ereignis darstellt.

Erst vor kurzem habe ich ein Interesse an der realen Geschichte der anarchistischen Ideen in Rumänien entwickelt. Für eine lange Zeit habe ich die hier, sogar unter Menschen mit einem Interesse an verschiedenen anarchistischen Themen, weitverbreitete Fehleinschätzung geteilt, das es hier nicht viel dazu zu suchen gibt. Doch das ist höchst inexakt, gelinde gesagt.

2015 schrieb ich mich an der Fakultät für Literatur an Universität Cluj in einen Studiengang als Doktor der Philosophie mit einem Thesenpapier bezüglich anarchistischer Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaften ein. Mein ursprüngliches Interesse bei der Forschung war nicht die Literatur oder Geschichte des Anarchismus in Rumänien. Während ich enthusiastisch die französische, deutsche oder englische anarchistische Literatur verschlang, kam ich mehr und mehr ins stocken über das, was ich zu dieser Zeit als obskure Hinweise auf rumänische Schreiber, Denker und Aktive verstand stolperte…

Mein ursprüngliches Forschungsinteresse waren weder die Literatur noch die Geschichte des Anarchismus in Rumänien. Während ich enthusiastisch die französische, deutsche oder englische anarchistische Literatur verfolgte, stolperte ich immer wieder über etwas, das ich zu dieser Zeit als verworrene Hinweise auf rumänische Schriftsteller, Denker und Militante deutete: Denker und Militante, die mir vollkommen unbekannt waren und generell in den meisten rumänischen geschichtlichen und literarischen Unterlagen nicht vorkamen.

Zu meiner Verblüffung entdeckte ich mehr als nur einige isolierte, blasse Stimmen, wie ich mir das irgendwie vorstellte, das es sei. Ich entdeckte eine vielfältige, reiche und lebendige „Hinterlassenschaft der Freiheit“, die sich vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erstreckte, dem Zeitpunkt, der den Beginn der stalinistisch inspirierten Diktatur in Rumänien markiert, und, natürlich, die effektive Unterdrückung aller dissidenten Stimmen, von denen die meisten als anarchistisch wahrgenommen wurden.

Daher hatte ich mein Vorgehen zu überdenken und realisierte, dass der Reichtum des Themas überragend ist, welches einmütig übersehen und fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Die tatsächliche Wirkung, Zirkulation und Relevanz anarchistischer Ideen war nicht von geringer Bedeutung. Das konnte ich nicht nur im Bezug auf das erste Erscheinen der sozialistischen Bewegungen in Rumänien ersehen, welches, wie Max Nettlau festhält, tatsächlich anarchistisch war, doch zuvorderst in ihrem Bezug zur Literatur und der künstlerischen Bewegungen jener Zeit. Es ist besonders diese Beziehung, die ich interessant und sogar faszinierend finde. Auf der einen Seite gibt es eine beständige, bis dato fast komplett unbekannte literarische Produktion der rumänischen Anarchisten, und auf der anderen Seite, gab es eine deutliche Zirkulation und Beeinflussung von Literatur- und künstlerischen Strömungen durch anarchistische Ideen. Diese Beziehung wurde bis heute noch nicht korrekt als solche benannt.

BUNĂ: Der Anarchismus in Rumänien ist wenig erforscht, auch wenn es seit gut zehn Jahren ein gewachsenes Interesse daran gibt und verschiedene Studien dazu veröffentlicht wurden. Was ist dein Eindruck? Welcher Qualität sind diese Forschungen und welche Titel würdest du Interessierten empfehlen?

Adrian Tătăran: In der Tat, es scheint, als gäbe es ein langsames aber stetig wachsendes Interesse in den letzten Jahren in den Gegenstand des Anarchismus. Dies hat folgerichtig ein paar Fragen aufgeworfen und, ich möchte hinzufügen, auch einiges Stirnrunzeln zur Geschichte des Anarchismus in Rumänien oder dem fehlen derselben. Wie auch immer; ich finde den 2011 erschienenen Beitrag von Vlad Brătuleanu Anarchismus in Rumänien erfreulich und empfehlenswert. Er bietet einen gestrafften Überblick über das Thema. Ich kann nicht anders als festzustellen, dass die Folgen darauf in der Heimatforschung und der Verbreitung dieser Erkenntnisse sehr furchtsam und scheu ausgefallen sind.

Weiterhin gibt es zum Beispiel ein wirklich interessantes und gut dokumentiertes Kapitel über die Geschichte des Anarchismus in Rumänien in Adrian Dohotarus Doktorarbeit von 2013. Soviel ich jedoch weiss, ist diese bislang nicht veröffentlicht worden. Zusammengefasst erscheint dies im Augenblick wie ein Paradoxon in Rumänien: Es gibt ein wachsendes Interesse, sogar eine wachsende Qualität der Forschung, aber wenig wie gar kaum eine bemerkenswerte Publizierung.

Auf der anderen Seite scheint die Geschichte des Anarchismus in Rumänien im Ausland ein größeres, beständiges Interesse hervorgerufen zu haben. Ich war wirklich glücklich und überrascht als ich Martin Veiths Buch über einen der wichtigsten, profiliertesten und interessantesten rumänischen Anarchisten entdeckte: Unbeugsam – Ein Pionier des rumänischen Anarchismus – Panait Mușoiu. Es ist, wie ich annehme, die erste umfassende Studie und Analyse, über diese eindrucksvolle und bis dato vergessene Person und ihrer herausragenden Arbeit. Daneben vermittelt das Buch einen überwältigenden Eindruck über die rumänische anarchistische Presse zu dieser Zeit sowie zu den Personen rund um die Revista Ideei, die wichtigste und langlebigste anarchistische Zeitung, die von Mușoiu und seinen Mitarbeitern zwischen 1900 und 1916 herausgegeben wurde.

Ich würde auch die zweite von Martin Veith verfasste Studie empfehlen, die Ștefan Gheorghiu, einer Schlüsselfigur der militanten syndikalistischen Bewegung vor dem Großen Krieg, gewidmet ist. Ich würde sie sogar als Pflichtlektüre für jeden bezeichnen, der sich generell für das Thema interessiert, da es neben einer sehr gründlich dokumentierten Forschung auch eine lange auf sich warten lassende Rückgewinnung dieser außergewöhnlichen Stimme der Freiheit und Revolte darstellt, die so lange von der kommunistischen Ikonographie degradiert und von einem skrupellosen und unterdrückerischen Staat vereinnahmt wurde. Die Benennung der Partei-Hochschule der Rumänischen Kommunistischen Partei als „Ștefan Gheorghiu” assoziierte unglücklicher- und ungerechtfertigter Weise seinen Namen zu der verhassten und widerwärtigen Partei-Elite. Die Ironie an dieser Situation ist, dass Ștefan Gheorghiu in Wirklichkeit von sowohl den Sozialdemokraten als auch den Kommunisten an den Rand gedrängt wurde, da sie in ihm einen Rebellen und eine nicht zu kontrollierende Person sahen – was er im generellen Bezug auf Bosse und im speziellen auf Partei-Führer auch tatsächlich war und ihm zur Ehre gereicht.

Ich kann nur hoffen, dass Martin Veiths Arbeit bald übersetzt und auch in Rumänien publiziert wird, damit diese noch immer ignorierten Punkte eine größere Öffentlichkeit erreichen und das Interesse und die Debatte bezüglich einer versteckten, abgeschnittenen und sogar außergewöhnlichen „Vermächtnis der Freiheit“ anregen, die wir großartigerweise in solch einem reichhaltigen Bestand aufweisen.

Neben dem gibt es für diejenigen, die direkt einige der klassischen Texe rumänischer Anarchisten lesen wollen, eine umfangreiche Kollektion der Revista Ideei, die dank der Anstrengungen von einigen Genossen aus Bukarest online gestellt wurden. Auch diejenigen, die sich für aktuelle anarchistische Ereignisse und Aktivitäten in Rumänien interessieren, können schnell Information online finden, in rumänisch, englisch oder deutsch.

Beispielsweise gibt es den Blog der Gruppe Râvna, das Claca Zentrum in Bukarest, den LMA Kollektiv-Blog und die Online-Zeitschrift, sowohl in Englisch als auch Rumänisch, oder den A-casă Blog, mit Informationen über die zahlreichen Veranstaltungen, die von der Gruppe in Cluj-Napoca organisiert werden. Natürlich gibt es auch das BUNĂ-Magazin in Deutsch, eine meiner Auffassung nach bemerkenswerte Initiative, da es ein weites Feld von Beiträgen veröffentlicht, nicht nur zur Geschichte der anarchistischen Bewegung in Rumänien, sondern auch über aktuelle Ereignisse, die im Land stattfinden.

Mein zusammengefasster Eindruck ist, dass es ein wachsendes Interesse an den mit dem Anarchismus verbundenen Themen gibt, speziell in den großen städtischen und Universitätszentren. Doch trotz all der beachtenswerten Initiativen, über die ich bisher gesprochen habe, denke ich, dass es immer noch eine Diskrepanz zwischen der potentiellen Empfänglichkeit einer großen Öffentlichkeit und den tatsächlichen Rückmeldungen dazu gibt.

BUNĂ: Welche Schwierigkeiten siehst du bei der Vermittlung historischer Fakten in Bezug auf den Anarchismus? Viele Protagonisten gelten ja heute noch in der öffentlichen Wahrnehmung als Marxisten. Wie kann man das falsche Bild geraderücken?

Adrian Tătăran: Nun, Anarchisten – und das verhält sich in Rumänien ebenso – hatten generell niemals eine gute Presse. Der Anarchismus, so scheint es, war für lange Zeit der geeignete „bête noire“, der Angstgegner, sowohl für die Linke als auch die Rechte. So überrascht es nicht, dass er bis heute eine sehr unbekannte und falsch verstandene Tradition ist. Anarchisten forderten das Prinzip der Autorität in einer Gesellschaft heraus, dadurch passt er nicht in eine Leseart, die „alternativ“ ausschließlich innerhalb der selben sozialen Struktur begreift: als alternative Macht, einen anderen Herrscher, mehr brutal oder mehr menschlich, verkörpert in einem Monarchen, einer bestimmten sozialen Gruppe oder einer Idee, etc. Rumänien ist keine Ausnahme.

Tatsächlich, sehr früh schon, wurde der Anarchismus zum Gegenstand der Debatte über das gesamte politische und soziale Spektrum hinweg. Wenn die Konservativen darin ein Gift für die traditionellen Werte sahen, ein Zeichen der Dekadenz oder einen giftigen Import, eingeführt durch Ausländer, mit dem Ziel, den nationalen Zusammenhalt zu zerstören, befürchteten die Sozialisten mehrheitlich damit in Verbindung gebracht zu werden, was sie als eine terroristische, chaotische und undisziplinierte Bewegung betrachteten.

Daher wurden multiple ideologische Strategien von allen Parteien aufgestellt, um der ruhestörenden Stimme der Anarchisten einen Maulkorb umzuhängen. Lächerlich gemacht als utopischen Idealismus oder geschmäht als sinnlosen Terrorismus, wurde der Anarchismus entweder direkt unterdrückt – Rumänien, wie Frankreich, hatte Gesetze erlassen, die namentlich die Ausweisung von Anarchisten zum Ziel hatten -, unterdrückt durch eigennützige Rückgewinnung durch interessierte Kreise oder durch Auslassung. Die letzteren Taktiken wurden in großem Umfang von den Kommunisten benutzt, um auf irgendeine Weise ihr skrupelloses, unterdrückerisches Regime moralisch zu rechtfertigen. Einer dieser Fälle ist namentlich jener von Ștefan Gheorghiu, den wir bereits hervorgerufen haben, sowie, in einem etwas geringeren Ausmaß, jener von Panait Mușoiu. Dies dient dazu, teilweise zu erklären, weshalb nach der Revolution von 1989 und dem Sturz der Diktatur, diese bemerkenswerten Figuren dem Vergessen anheim gegeben wurden. Für eine wirklich lange Zeit wurde alles, was auch nur am entferntesten mit der kommunistischen Herrschaft oder Ideologie in Verbindung gebracht wurde, zu einem mehr oder weniger großen Tabu. So, bezogen auf den Anarchismus in Rumänien, muss der aufrichtige Historiker durch zwei dicke Schichten von historischer Mystifikation und Vorurteilen stechen.

Die normale Sicht, um es so zu sagen, ist das verdammen aufgrund jener Darstellungen des Anarchismus, demnach dieser entweder eine chaotische Woge von Gewalt, oder eine verrückte, unrealistische Ideologie ist, oder auch einfach beides. Doch es gibt auch eine zweite, die möglicherweise schwieriger aufzulösen ist, da sie durch Kooption funktioniert, nicht durch Übertreibung und Ausschluss. Das ist der Fall mit dem Anarchismus in Rumänien und dies kann die schüchterne, zögerliche und langsame Geschwindigkeit der Forschung teilweise erklären.

Dies ist exakt der Grund, weshalb ich darauf bestehe, dass es einen wirklichen Bedarf von seriösen und gut dokumentierten Studien zur Geschichte des Anarchismus in Rumänien gibt. Studien, die zudem versuchen, die Verbindungen mit dem Kommunismus, seine tatsächlichen Begriffe, seine Stichhaltigkeit und seinen Umfang von einem historischen und ideologischen Standpunkt aus debattieren und offen diskutieren. Ihn ununtersucht und unangesprochen zu lassen, würde nur die Verwirrung und Mystifikation vertiefen, speziell in Ländern wie Rumänien, wo die Narben, verursacht durch fünfzig Jahre brutaler Unterdrückung, noch immer lebendig sind. Was hier auf dem Spiel steht, ist mehr als ein Zurechtrücken der Aufzeichnungen. Ohne Zweifel muss diese historische Klarstellung in einem größeren Zusammenhang voran gebracht werden, als Basis eines ausgedehnten Dialogs, der die rebellischen und kreativen Kräfte in der Gesellschaft, die nach Ausdruck verlangen, einbezieht und inspiriert.

BUNĂ: Vor kurzem warst du in Frankreich und hast auch dort zwei Vorträge zum Anarchismus in Rumänien gehalten. Wie war die Resonanz darauf? Historisch gab es ja immer engere Kontakte zwischen Anarchisten in Rumänien und Frankreich.

Adrian Tătăran: Ich war für ein Semester an der Universität von Limoges um mehr über die anarchistische Bewegung und Literatur in Frankreich zu lernen. Ich hatte eine freudige Überraschung, dort eine wirklich enthusiastische Gruppe rund um das C.I.R.A. in Limousin kennenzulernen, das Internationale Zentrum für anarchistische Studien, das dem größeren C.I.R.A. Netzwerk angeschlossen ist. Die erste Vorlesung, die ich hielt, war an der Universität als Teil dessen, das sich als eine sehr interessante Konferenz rund um das Thema „die Herausforderung des Anarchismus“ herausstellte. Die Ansätze waren wirklich unterschiedlich: Von Geschichte, über Literatur, Philosophie, Pädagogik, Ökonomie oder sogar zeitgenössische militante Aktivität. Es war Professor Till Kuhnle, einer der Organisatoren, der mich einige Monate zuvor aufforderte, eine Präsentation über die Anfänge des Anarchismus in Rumänien zu erstellen. Ich muss zugeben, dass ich skeptisch war, dass so ein „bizarres“ Subjekt wirklich gut angenommen wird und interessant für das Publikum ist. Während die kulturellen, künstlerischen und intellektuellen Verbindungen zwischen Rumänien und Frankreich eine lange und reiche Geschichte aufweisen, war den Anwesenden das Thema, über das ich sprach, komplett unbekannt.

Wie auch immer, ich muss zugeben, dass ich von der enthusiastischen Reaktion, die ich während und nach dem Vortrag erhielt, überrascht wurde. Während ich mich hauptsächlich auf Personen wie Zamfir Arbure, den nihilistischen Aristokraten, Freund von Bakunin und Reclus, oder Panait Mușoiu konzentrierte, erwähnte ich auch andere zur anarchistischen Bewegung zählende Personen wie Neagu-Negulescu, den in Frankreich sehr populären Schriftsteller Panait Istrati, oder Eugen Relgis, den einzigen rumänischen Mitwirkenden an der großartigen Anarchistischen Enzyklopädie von Sébastien Faure. Da der Vortrag ein weitergehendes Interesse an einer detaillierteren, vertiefenden Darstellung und Diskussion schuf, wurde ich von Genossen des C.I.R.A. Limousin zu einem ausführlicheren Vortrag vor einem allgemeinen Publikum eingeladen. Einmal mehr war das Interesse daran größer, als ich erwartet hatte und die Anzahl der Teilnehmenden war wirklich groß, speziell für diese Art von „exotischem Subjekt“. Normalerweise erwarte ich harte Reaktionen, wenn ich dieses Thema in verschiedensten Zusammenhängen zu Hause zur Diskussion stelle, das aufrichtige Interesse, das ich in Frankreich spürte, war tatsächlich ein Zeichen, dass die vergessenen Stimmen der rumänischen Anarchisten, unterschiedlich und lebhaft, noch immer relevant sind und auch heute noch eine starke Anziehungskraft aufweisen. Und ich glaube, dass dies speziell in der heutigen Zeit der Fall ist, in der die Notwendigkeit Wege zur Schaffung neuer Räume von Freiheit im Angesicht einer wachsenden Unterdrückung, von Betrug und Ungerechtigkeit umso mehr vordringlich ist.

BUNĂ: Insbesondere Iuliu Neagu-Negulescu übersetzte vieles aus der französischen Bewegung ins Rumänische. Er war sowohl syndikalistischer Agitator und Organisator als auch Schriftsteller. Wie bewertest du sein Wirken und kann er uns heute noch etwas sagen?

Adrian Tătăran: Eine der großen literarischen Beiträge, die rumänische Anarchisten leisteten, eine, über die normalerweise hinweg gesehen wird, ist die herausragende Arbeit und die beständige Anstrengung, die sie in die Übersetzung und Herausgabe vieler klassischer anarchistischer Texte steckten. Wie auch immer, die Bereiche, die sie behandelten, waren wohl überlegt und wurden nicht beschränkt auf Kommentare oder Übersetzungen klassischer anarchistischer Literatur. Die Texte, die sie diskutierten, die Betrachtungsweisen, die sie hatten, waren erstaunlich vielfältig. Von Schopenhauer, über Thoreau, Oscar Wilde, Jean-Marie Guyau, Tschernyschewski, Ibsen, Engels oder John Stuart Mill, um nur einige Beispiele zu nennen. Da existiert ein Gefühl intellektueller Freiheit, Neugier und Offenheit, das herausragt, wenn man sich ihre Texte und Veröffentlichungen ansieht.

Nebenbei – dies könnte die beständige Bezeichnung von Anarchisten als unregierbare Ketzer und Abweichler durch die autoritäre Linke erklären. Und ebenso, ihre leichte nachträgliche Vereinnahmung durch die selben Autoritären innerhalb eines erzählerischen Rahmens, die genau diese Plastizität und Unabhängigkeit im Interesse einer rigiden, partiellen und falschen ideologischen Interpretation herunterspielt. Was noch beeindruckender ist, um auf den Hauptpunkt zurückzukommen, ist die Qualität dieser Übersetzungen, wenn man in die Überlegungen mit ein bezieht, dass diejenigen, die diese Arbeit leisteten, wie z.B. Mușoiu oder Neagu-Negulescu, Autodidakten waren. Natürlich wurden viele dieser Übersetzungen nach den französischen Editionen angefertigt, da die Verbindungen mit den französischen Anarchisten zu dieser Zeit sehr eng waren. Meine erste Begegnung mit Neagu-Negulescu hatte ich, als ich eine Ausgabe der berühmten „Les Temps Nouveaux“ von 1900 las, in der eine Korrespondenz aus Rumänien von einem gewissen J. Neagu unterzeichnet war. Die kurze Nachricht berichtete detailliert in einem empathischen und irgendwie kriegerischen Ton die gewalttätige Beschlagnahme einer Übersetzung von Kropotkin und der folgenden, mit den Gendarmen entstandenen körperlichen Auseinandersetzung. Offenbar wurden die Gendarmen mit dem konkreten Befehl zu Neagus Haus geschickt, um dort das „Zentrum der rumänischen anarchistischen Bewegung“ aufzuspüren und folgend zu schließen, um J. Neagus Worte exakt wiederzugeben. Meiner Auffassung nach war er wirklich eine außergewöhnliche Figur, eine „Art Bauer“, wie er zeitweise beschrieben wurde, Autodidakt, Arbeiter, Militanter, Übersetzer, Verleger und utopischer Schriftsteller. Ein besonders faszinierender Teil seiner Arbeit, das Schreiben, ist am wenigsten bekannt.

Er veröffentlichte, neben einer Vielzahl von Artikeln und Übersetzungen, einige Bände mit Kurz-Geschichten und, am interessantesten, die einzige anarchistische Utopie, die jemals in Rumänisch geschrieben wurde, Arimania. Seine problematische Positionierung zu bestimmten Dingen führte zu Kontroversen innerhalb der sozialistischen Bewegung und zu intensiven Debatten, als ihm an einem bestimmten Punkt Nationalismus vorgeworfen wurde. Seine spätere beständige antifaschistische Positionierung beispielsweise beweist, dass es falsch wäre zu versuchen, seinen intellektuellen Weg mit einem einfachen Pinselstrich zu zeichnen.

Ich finde sein Werk beispielhaft, Kontroversen und Kurzsichtigkeiten inklusive, speziell in Anbetracht der Zeiten, die wir heute haben. Sein Weg war keine gerade, reine Linie. Seine Aktivität war nicht nur enorm, sondern vielfältig und weit, und während sein Engagement in den Kämpfen seiner Zeit nicht in Frage gestellt werden kann, war sein intellektueller Blick weit von einer rigiden, dogmatischen Haltung entfernt. Es ist genau dieser Sinn von intellektueller Freiheit, von Offenheit, diese grundlegende Neigung, allen kreativen und aufständischen Energien der Gesellschaft zu begegnen, sich mit diesen zu verbinden, wo sie sind, ihnen eine Stimme zu geben, diese Freigiebigkeit, Leidenschaft, Klarheit und Entschlossenheit, von der ich nun mehr als jemals zuvor überzeugt bin, dass es Notwendig ist, sie zu würdigen. Das ist der Grund, weshalb ich auf der Notwendigkeit einer Wiederaufnahme einer gemeinsamen Aktivität der Publikation, Übersetzung und Debatte beharre, die sich als Vorbild die Arbeit der rumänischen Anarchisten ein Jahrhundert zuvor nimmt. In diesem Sinne – der Weg begann mit den zwei ersten Büchern zu Mușoiu und Gheorghiu und muss nur erweitert und fortgeführt werden.

Neagu-Negulescus anarchistische Utopie Arimania ist in ihrer eigenen Art ein fesselndes literarisches Dokument, das viel mehr Aufmerksamkeit und Studium verdient. Da ich dieses Jahr einige Vorlesungen an der Fakultät für Literatur in Cluj gebe, nutze ich diese Möglichkeit, Arimania in das größere Feld von anarchistischen Utopien einzubeziehen und vorzustellen, neben jenen von Déjacque, William Morris oder Ursula K. Le Guin. Ich glaube, dass es das erste mal sein wird, dass das literarische Werk von Neagu-Negulescu an einer Universität studiert wird, weswegen ich noch enthusiastischer darüber bin. Hoffentlich werden es die Studenten ebenso interessant finden.

BUNĂ: Diesen Winter gab es Massenproteste in Rumänien gegen eine Regierungsverordnung, die korrupten Politikern Straffreiheit bescheren sollte, wenn der Schaden, den sie durch ihr korruptes Handeln angerichtet haben, bei unter 200.000 Lei liege (Ca. 40.000 Euro). Wie hast du die Proteste erlebt? Welche politischen Positionen standen dabei im Vordergrund? Konnten sich Anarchistinnen und Anarchisten Gehör verschaffen? Oder richtete sich der Protest einseitig gegen eine Partei bzw. Regierungskoalition und ließ eine grundsätzliche Kritik an Regierung und Politikern außer Acht?

Adrian Tătăran: Nun, die Proteste und die Empörung waren meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt. Die Art, wie „sie“ versucht haben, das Dekret zu beschließen, mit einer totalen Verachtung normaler Debatten und der öffentlichen Meinung, die Tatsache, dass sie versuchten, durch allerhand kleiner Manipulationen die Proteste zu brechen und Leute aufeinander zu hetzen, zum einen durch eine Form von Parodie eines klassenkämpferischen Jargons oder durch fremdenfeindliche Slogans und Provokationen, machte für eine Menge Leute überdeutlich, dass das Land in der Tat von einer Gang von Gangstern geführt wird, die als Regierung, Parlament und Gesetz posieren.

Ich möchte noch nicht einmal die aktuellen Dekrete diskutieren, da ihr Inhalt sehr einfach zusammengefasst werden kann: Sie nutzen die legitime Vorstellung von Gnade und die aktuellen entsetzlichen Bedingungen in den Gefängnissen (tatsächlich interessiert sie nichts weniger), die Politiker haben versucht, ein Gesetz zu verabschieden, welches Privilegien und willkürliche Rechte für die Mächtigen in der Gesellschaft legitimiert. Mehr noch, das Dekret hätte effektiv einen Freifahrtschein für die letztgenannten geschaffen, um sich als „heiliges Recht“ den sozialen Reichtum straffrei anzueignen. Auf gewisse Weise entblößte dieser arrogante und brutale Zug im grellen Tageslicht die aktuelle Funktion des Staates generell: Eine einfache Struktur der Aneignung und Kontrolle zum Vorteil der herrschenden Klasse. Obwohl das Dekret von der sozialdemokratischen Regierung erlassen wurde, gab es den generellen Eindruck, das es von den meisten aus der traditionellen politischen Klasse stillschweigend gebilligt wurde, mit Ausnahme des Präsidenten und der neu gebildeten USR (Uniunea Salvați România), einer weitgefassten politischen Plattform, die mehrheitlich aus den jüngsten gesellschaftlichen Bewegungen stammt. Diese Situation veranschaulichte abermals die Tatsache, dass das sogenannte demokratische politische System nichts anderes ist, als ein spektakulärer Nebelschleier. Das einzig wirkliche Prinzip von Regierung ist schlicht die parteiübergreifende Komplizenschaft, deren Zweck die Plünderung der Gesellschaft ist.

Es gab verschiedene Versuche, die Proteste zu diskreditieren oder aus ihnen Kapital zu schlagen, in der Absicht, diese Energie in geeigneter Weise für politische Zwecke oder institutionellen Einfluss zu kanalisieren. Wie auch immer, mein Eindruck ist, dass diese Schachzüge nur begrenzten Erfolg hatten. Während sich die Proteste hauptsächlich gegen die Regierung und die regierende sozialdemokratische Partei richteten, die die Initiatoren und hauptsächlichen Träger der Dekrete waren, waren sie weit davon entfernt, Sympathien für die Opposition zu zeigen. Die Menschen haben generell genug von allen Politikern und sind durchaus misstrauisch, wenn sie einem von diesen ihr Vertrauen geben sollen. Die ungefähr letzten fünf Jahre sahen eine Serie von verschiedenen Massenprotest-Bewegungen in Rumänien, vom Kampf in Roșia Montană 2013 über die öffentliche Empörung aufgrund des „Colectiv“-Desasters bis hin zu den aktuellen Anti-Korruptionsprotesten. Es scheint, als gäbe es eine Erwartung für einen radikalen sozialen Wandel und eine wachsende Ungeduld gegenüber den alten politischen Alternativen, die als unangebracht, ungerecht, autoritär und moralisch Bankrott betrachtet werden. Der größte Fortschritt dieser anhaltenden Situation, die den Anschein hat, zu einem Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem Staat generell (inklusive Politikern, der Regierung und dem Großkapital) zu werden; der größte Fortschritt ist die Tatsache, dass die Menschen angefangen haben zu verstehen, dass sie keine Politiker oder einen Staat brauchen, um als Gruppen und als Gesellschaft zu funktionieren. Wenn die Indizien in diese Richtung zeigen, dann gibt es eine wirkliche Chance, dass zumindest einige der Menschen anfangen werden, dementsprechend zu agieren und zu denken und dabei nicht nur nach Wegen Ausschau halten, den Staat herauszufordern, sondern auch um Alternativen zu finden.

Jedoch, ein größerer Teil der intellektuellen Linken und auch viele Anarchisten haben eine andere Einstellung zu den aktuellen Ereignissen, die ich kurz darstellen möchte. Sie interpretierten diese hauptsächlich im Kontext eines stattfindenden Machtkampfes innerhalb des Staates. Auf der einen Seite haben wir die Politiker mit den traditionellen ökonomischen und Machtgruppen um sie herum. Auf der anderen Seite haben wir die Sicherheitsdienste und einen Teil des Justizsystems, der sie herausfordert. Demzufolge wären die aktuellen Ereignisse lediglich eine Episode eines unbarmherzigen „Gang“-Krieges, einem Krieg für einen unangefochtenen Zugang zu Ressourcen, Macht und Straffreiheit. Dieser Kampf berührt noch nicht einmal im entferntesten die realen Probleme sozialer Ungerechtigkeit oder die sehr harten und prekären Bedingungen, die so viele der arbeitenden Menschen betreffen, genauso wie dies in zunehmender Weise für größere Teile der Gesellschaft zutrifft. Nebenbei, diejenigen, die am Protest teilnehmen sind hauptsächlich städtische, privilegierte junge Fachleute, abgehoben und den Problemen, mit denen die Mehrheit konfrontiert ist, sogar ablehnend gegenüberstehend. Zusätzlich seien die Demonstrationen weit davon entfernt, ein schwindendes Vertrauen in den Staat zu offenbaren oder in die Politik generell. Sie verlangen viel mehr nach stärkeren Strukturen in Geheimdienst und Justiz, derart verlangen sie grundsätzlich einen autoritäreren, stärkeren Staat.

Einige dieser Kritiken und Bedenken sind stichhaltig und reflektieren existierende Realitäten innerhalb der rumänischen Gesellschaft. Dennoch ist ihre Interpretation meiner Meinung nach rigide und in Anbetracht der Situation kurzsichtig. Beispielsweise gibt es in der Tat eine wachsende Kluft zwischen der städtischen Jugend, der kreativen und generell gut situierten Klasse und der prekären, ungeschützten Mehrheit. Dennoch, zu behaupten, dass diese Massendemonstrationen nur die städtische Jugend mobilisiert haben, ist nichts anderes als eine grobe Vereinfachung wenn nicht sogar eine ausgesprochene Entstellung der Tatsachen. Natürlich, der Machtkampf um Vorherrschaft und die Kontrolle des Staates zwischen verschiedenen „Gangs“ ist offensichtlich, genauso wie die Versuche, die öffentliche Meinung auf diese im Widerstreit befindlichen Seiten zu polarisieren. Doch es wäre ein eklatanter Fehler, die öffentliche Empörung einfach mit den obskuren, im Hintergrund geführten Machtkämpfen zu übergehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Anarchisten, und auch ein großer Teil der Linken, von den Ereignissen überrascht wurden und nicht wussten, was sie mit diesen Protesten anfangen konnten, so dass sie den sicheren Hafen einer orthodoxen Klassentheorie vorzogen, dabei einige der sozialen Diskrepanzen korrekt wahrnehmend, aber das eigentliche Problem völlig verkannten.

Ich könnte sogar sagen, dass sie beinahe in Gänze das Thema verfehlten. Die hauptsächlichen Bruchlinien bestehen nicht zwischen einer wohlhabenden städtischen Jugend und der ungeschützten Mehrheit, der prekären Arbeiterklasse. Diese Linie der Argumentation zu bedienen bedeutet effektiv innerhalb der rudimentären, spalterischen Strategie zu agieren, die von denen an der Macht und ihren Medien vorgegeben wurde, um sich gegenseitig zu bekämpfen, anstatt zu realisieren, dass der Kampf anderes gelagert ist und einen weiteren Umfang hat. Die Gefahr daran, und es ist eine sehr reale, liegt darin, dass diese initialisierende allgemeine Gegenwart von den selben Kräften vereinnahmt und mystifiziert wird, die sie aktuell bedroht. Und folglich würde eine gute Gelegenheit tatsächlich vertan, und, möchte ich hinzufügen, stumpfsinnig weggeworfen.

Die hauptsächliche, die reale Bruchlinie, besteht zwischen den regierenden politischen und ökonomischen Eliten und der Mehrheit der arbeitenden Menschen, die tatsächlich vom (sozialen) Wohlstand „ausgespart“ sind, den sie bestrebt sind zu produzieren. Die verachtete, „besser-gestellte“ städtische Jugend, welche die orthodoxe Linke so eifrig beiseite legen will, gehört ebenfalls zur Arbeiterklasse, sei sie besser gestellt oder nicht. Die systematische Plünderung der sozialen Ressourcen betrifft jeden und zuerst die ungeschützten. Das ist der Grund, warum ich nicht in der Lage bin zu verstehen, wie die Ablehnung der Einsegnung eines „Boss-Privilegs“, wie die Gegnerschaft zum Recht weniger, viele absetzen zu können, nicht als Anliegen für die arbeitenden Menschen betrachtet werden kann, mit denen ich diejenigen meine, die vor allen anderen am meisten davon betroffen wären.

Man mag einwenden, dass es sich hierbei schlicht um eine prinzipielle „Luxus“-Diskussion handele, in einem Kontext, in der die Mehrheit von anderen, weit konkreteren, weit materielleren Nöten geplagt ist. Ich könnte das nicht in Frage stellen und würde dies auch nicht tun, da es sich dabei um grundsätzliche Tatsachen handelt. Was ich allerdings gerne disputieren würde, ist präzise diese Art von zögerlicher, abgewandter, ja rigider Haltung, die ich hier bislang anführte. Ich finde diese aus einer ganzen Anzahl von Gründen schlicht entmutigend.

Zuerst und zuvorderst, da ich denke, dass wir dieser Art in grober Weise etwas verpassen, wir versagen darin, diesen kreativen und rebellischen Energien in der Gesellschaft zu begegnen, die zum Vorschein kommen. Zweitens ist der nahezu umgehende Rückgriff auf eine extrem vereinfachte Klassenspaltungstheorie auch problematisch. Sie beweist nur einen bestimmten Unwillen, aus den sicheren intellektuellen Zufluchtsorten herauszutreten, was aber notwendig ist, um zu verstehen, was um einen herum passiert; sie sind sogar noch gefährlicher, wenn sie zu komfortablen Echo-Kammern werden. Viele der Reaktionen der Linken, die ich gesehen habe, waren keine Angebote, um die aktuelle Situation zu verstehen, sich ihr zu nähern, sei es auf riskante oder plumpe Weise. Sie erschienen mehr als eine berechenbare Aufzählung vergeltungssüchtiger Ablehnung, weggeschleudert in Umständen der Hoffnung, dass sie ihr Ziel erreichen und ein passendes Echo hervorrufen. Mein Eindruck ist, dass genau dies nicht geschah.

Dies ist einer der Gründe, warum ich denke, dass die Arbeit, und noch wichtiger, das Leben einiger der frühen rumänischen Anarchisten relevanter den je sind. Ich kann nicht anders, als ihre Leidenschaft, ihre intellektuelle Klarsicht und Freiheit zu bewundern. Ihre militante Praxis ist eine effektive Kritik von Dogmatismus und eine Herausforderung gegenüber festgelegten, ungeprüften Interpretationen. Zudem: Ihr Wille, die aktuellen Kämpfe ihrer Zeit zu verstehen und diesen beizutreten, war wirklich großherzig, leuchtend, und, am wichtigsten, frei von jeder zuvor aufgestellten einschränkenden Definition. Sie waren mehr daran interessiert, Wege zu finden, um die „Mauern einzureißen“, wie David Graeber es wohl genannt hätte, anstelle sich mit einer formellen Orthodoxie ihrer Aktionen und Verbindungen zu befassen. Sie waren zudem eifrig bemüht, die verschiedenen emanzipatorischen Kämpfe zu verbinden und Trennendes zu überbrücken, anstatt in der Reihe zu bleiben. In der Tat ein widerspenstiger, leidenschaftlicher und unbequemer Haufen. Das ist wohl der Grund, weshalb ich an das Portrait über Gheorghiu von Istrati denken muss, das dieser zehn Jahre oder so nach seinem Tod verfasste. Gheorghiu, schreibt Istrati, war ein Mann mit Herz und ein großer Rebell. Er diskutierte niemals über Ideen, mit denen, die rebellierten oder denen, die versuchten, ihre Unterdrückung zu bekämpfen. Anstelle dessen schloss er sich ihnen an und sagte ihnen: Erhebt euch!

BUNĂ: Rumänien ist ein Land größter sozialer Ungleichheit mit einer Vielzahl an sozialen Problemen. Was denkst du, wie diese Probleme gelöst werden können? Den Politikern und Parteien vertrauen immer weniger Menschen, wie auch die Wahlbeteiligung zeigt. Bei der letzten Wahl haben nicht einmal 40% der Berechtigten abgestimmt. Siehst du emanzipatorische Alternativen? Und gibt es diese überhaupt?

Adrian Tătăran: Panait Mușoiu schrieb irgendwo, die Freiheit zu haben, seine Meinung zu sagen, die Freiheit zu haben, zu Reisen, die Freiheit sich zusammenzuschließen, das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren etc… sind in einer Gesellschaft, in der die materiellen Bedingungen der Art sind, dass die Menschen diese Rechte nicht in Anspruch nehmen und einen Nutzen davon haben, nichts anderes, als eine Verhöhnung und Beleidigung. Ich denke, dies beschreibt perfekt die Situation, in der wir alle uns im Augenblick befinden, der Gegensatz zwischen unserer erklärten Zugehörigkeit zu Demokratie und die aktuelle Realität: ein sich stets ausweitender Anteil der Gesellschaft hat keine Mittel mehr oder hatte sie niemals, um ihre Freiheit zu nutzen. Weniger offensichtlich für jene, die noch eine Spur von Freiheit genießen können, doch nicht weniger problematisch ist, was Bakunin einst über eine solche Situation ausführte: die eigene Freiheit existiert nicht wirklich, wenn all die anderen, Männer und Frauen, nicht auch frei sind.

In den letzten zwei Jahrzehnten kam es zu nachhaltigen Veränderungen in Rumänien: eine prosperierende und „kreative“ Klasse, eine wachsende Ökonomie, betriebsame kosmopolitische Städte genießen das gute Leben, etc. Wie auch immer, die verschiedenen Lücken in der Gesellschaft sind ebenso gewachsen und die gesellschaftliche Infrastruktur scheint entlang derselben Bruchstellen zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen zu zerbröckeln. Dadurch wurde ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung „zurück gelassen“, verbannt in einen Kreislauf von Elend und der Prekarität ausgesetzt.

In dieser Hinsicht habe ich nur sehr begrenzte Erwartungen an das klassische politische Verfahren. Ich denke, es ist einfach normal, dass mehr und mehr Leute ebenso denken. Die Gefahr in solchen Situationen ist die, und das gilt für Europa generell, dass beispielsweise eine niedrige Wahlbeteiligung reaktionäre Kräfte (oder noch schlimmere) mit unerwarteten Möglichkeiten ausstattet. Unter den aktuellen Bedingungen und der Verschlechterung der Situation in allen Bereichen, wäre ein solches Szenario nichts weniger als katastrophal. Daher denke ich, dass wir im politischen Bereich eine Form von „eingreifender Loslösung“ („engaged disengagement“) üben sollten, als hybride Form von Wehrhaftigkeit gegen die rückwärtsgewandten Kräfte in der Gesellschaft.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass es eine einfache Antwort für diese Dinge gibt. Das gesagt, kann ich dir meine Einschätzung zu der hauptsächlichen Richtung geben, von der ich denke, dass wir uns auf sie konzentrieren müssen. Wie ich sagte, glaube ich nicht, dass die Gräben in der Gesellschaft durch das alte politische System gekittet werden können. Faktisch ist die Schaffung, die Beibehaltung und die Spekulation mit diesen Ungleichheiten ein essentieller Teil ihrer Macht und ihrer Funktion als solche. Wenn Menschen also lernen, Politikern zu misstrauen oder das politische System als solches gar zu ignorieren, ist das nicht die schlechteste Sache, da sie möglicherweise aufwachen, um zu sehen, dass sie, um ein erfülltes Leben zu leben oder wenn sie das gesellschaftliche Gefüge neu aufbauen möchten, keine Regierung brauchen. Und genau das ist die Richtung, die wieder entdeckt und ermutigt werden muss: Die soziale Kreativität und die Kreativität des Sozialen. Die Findung eines neuen und starken Gefühls für Solidarität kann zudem viele der materiellen Nöte abbauen, die heute die Basis von Ausgrenzung und Ungerechtigkeit sind. Natürlich nicht alle von ihnen, doch es könnte einen Sinneswandel auslösen. Das ist, was Mușoiu möglicherweise unter dem Begriff „soziale Revolution“ versteht, die den niemals endenden „politischen Revolutionen“ gegenübersteht, die lediglich die kreative Energie der Revolte in die Konsolidierung des Status-quo umleitet.

Auch wenn die aktuelle Situation kompliziert ist, würde ich sagen, dass es Alternativen gibt, vor allem wenn wir in die Überlegungen die Entwicklungen der rumänischen Gesellschaft in den letzten Jahren einbeziehen. Das ist der Grund, weshalb ich darauf beharre, dass uns im Augenblick keine ideologischen Debatten fehlen, sondern ein klarer Kopf und der Wille, diese Revolten als Anarchisten weiter zu entwickeln, zu unterstützen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Wir müssen diesen „Fluss der Anarchie“ anzapfen, wir müssen Risiken eingehen. Wir müssen beginnen, die Mauern einzureißen. Wir müssen nachhaltig aufhören, den spalterischen Diskursen von Politikern und Medien in die Hände zu spielen, die uns in jung und alt, in Arbeiter und Intellektuelle, Bessergestellte und Arme, Gebildete und weniger Gebildete usw. trennen wollen. Wir müssen möglicherweise auch alte Texte wieder lesen und diese seriös überdenken, wie beispielsweise Kropotkins „An die jungen Leute“ oder Zamfir Arbure’s „Die Intellektuellen“. Es mag naiv klingen, doch eine erneute Diskussion über die heutige Relevanz einer Idee wie beispielsweise „Zu den Menschen gehen“ könnte einfach die revolutionäre Sache sein, die zu tun ist. Oder zumindest die vorzuziehende Sache, anstelle dieser unerwarteten Energie von Widerspruch und Erneuerung in der Gesellschaft befremdet, unbeholfen und arrogant gegenüberzustehen.

Dies könnte wiederum diese Räume mit Freiheit und Autonomie inspirieren, mit Solidarität und Vertrauen, und damit letztendlich, zumindest teilweise, den generellen gesellschaftlichen Trend von Resignation und Misstrauen umkehren. Diese würde möglicherweise ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zuversicht schaffen sowie ein Gefühl von Solidarität quer durch die soziale Spaltung. Schlussendlich würde es die Spaltung hinterfragen und die Mechanismen, die sie am Laufen halten. Es ist, wie Mușoiu es womöglich ausgedrückt hätte „Experimentell“, eine zerbrechliche „Schule des Faktischen“, doch das ist die Aufgabe, die ich vor uns liegen sehe und unsere beste Möglichkeit zur Zeit.

Dieses Interview ist erschienen in BUNĂ #5

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