Im Gedenken an die in Afrin/Rojava gefallenen Anarchistinnen und Anarchisten

Haukur Hilmarsson

Wir werden sie nie vergessen!

Im Gedenken an die in Afrin/Rojava gefallenen Anarchistinnen und Anarchisten

Im Februar und März 2018 mussten wir Nachrichten über den Tod anarchistischer Genossinnen und Genossen bei den Kämpfen in Rojava zur Kenntnis nehmen. Am 20. Januar 2018 überschritt die türkische Besatzungsarmee zusammen mit zehntausenden Dschihadisten-Söldern die Grenze nach Afrin (Efrîn) im nord-westen Syriens. Das Online-Magazin „Lower Class Magazine“ berichtet dazu: „Seit diesem Tag häufen sich die Meldungen über Hinrichtungen, Folter, Leichenschändung durch Erdogans Gotteskrieger, die sich kaum von den Waffenbrüdern des „Islamischen Staates“ unterscheiden.“

In Rojava ist eine gesamtgesellschaftliche Revolution im Gange. Jahrhundertealte patriarchale Herrschaftsverhältnisse und nationalistische Spaltungen werden aufgehoben. An ihre Stelle tritt der Aufbau einer freien Gesellschaft mit gleichberechtigten Menschen, der Gleichheit der Geschlechter, ökologischer Nachhaltigkeit und weitreichenden Elementen von Basisdemokratie und Selbstverwaltung. Damit ist Rojava ein Beispiel für ein friedliches und freies gesellschaftliches Leben (nicht nur) in der Region. Es ist zudem ein Symbol der Hoffnung. Dieses Beispiel und die damit verbundenen Hoffnungen sind eine beständige Bedrohung für die Regierungen und Staaten und ihre Herrschercliquen in der Region. Die Mächtigen in der Türkei und Syrien bekämpfen diesen Aufbruch in ein freies und würdevolles Leben mit brutaler Gewalt und medialen Lügen, da es zeigt, dass man ohne Staat und Regierung, ohne Erdogan und Assad, ohne Herrscher, viel besser lebt; Herrscher überflüssig sind. Kino Gabriel, ein Sprecher der „Demokratischen Kräfte Syriens“ (QSD), erklärte „Das syrische Regime sieht das Zusammenleben der Völker als Bedrohung an. In den QSD sind alle Völker vertreten. Das ist eine Nachricht an alle Seiten. Das Regime ist davon beunruhigt und möchte Zwietracht unter den Völkern säen.“

Unterstützung für die Feinde Rojavas durch die Machtblöcke…

ReporterInnen und AnalystInnen gehen davon aus, dass der Einmarsch der türkischen Armee mit Wissen und Billigung der großen Machtblöcke von NATO, USA und Russland vor sich geht. Diese haben der Türkei offenbar ihre Billigung zum Einmarsch gegeben. Von der deutschen Regierung vernahm man nichts als Floskeln dazu.

… und Solidarität von unten mit Rojava

Anna Campbell

In Rojava selbst zeigten sich großer Rückhalt und Solidaritätsbewegungen für Afrin. Das Lower Class Magazine berichtet: „Zahlreiche Konvois mit Tausenden Zivilist*innen aus der gesamten Demokratischen Föderation Nordsyrien kamen nach Afrin, um den Widerstand zu unterstützen. Demonstrationen wurden organisiert und am internationalen Frauenkampftag demonstrierten – mitten im Krieg – tausende Frauen aus der gesamten Region.“ Der heroische Widerstand der Bevölkerung gegen die türkischen Truppen und ihre Verbündeten musste Mitte März 2018 eingestellt werden. Das türkische Militär, das mit Kampfflugzeugen und Panzern die Stadt beschoss, rückte in die Stadt ein. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) unterstützten die Evakuierung der Stadt und erklärten, ab sofort einen Guerillakrieg zu führen.

Auf Seiten der gesamtgesellschaftlichen Revolution in Rojava und gegen den Islamischen Staat und die staatlichen Truppen kämpfen seit einigen Jahren Freiwillige aus aller Welt. Der gerechte Kampf erhält Unterstützung von AntifaschistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen und AnarchistInnen. Ein Großteil von diesen kämpft in Einheiten von YPG und YPJ und dem Internationalen Freiheitsbataillon (IFB). Bei der Verteidigung von Afrin fielen internationalistische Kämpferinnen und Kämpfer, darunter unsere anarchistischen Genossen Olivier Le Clainche und Haukur Hilmarsson und unsere anarchistische Genossin Anna Campbell.

Olivier François Jean Le Clainche

Olivier François Jean Le Clainche (Kampfname Kendal Breizh) war Lehrer. Er fiel am 10. Februar 2018 in Efrîn im Alter von 41 Jahren. Olivier kämpfte in vorderster Front bei der Verteidigung der Stadt gegen den Angriff türkischer Truppen und ihrer Verbündeten. Er stammte aus der Bretagne in Frankreich und wirkte bei Alternative Libertaire und in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confédération nationale du travail) mit. Er gehörte der bretonischen Unabhängigkeitsbewegung an. Wir wissen von Gedenkveranstaltungen für ihn in Rojava, in der Bretagne und Toulouse.

Haukur Hilmarsson (Kampfname Şahin Hosseini) war ein Anarchist und Aktivist aus Island. Er fiel am 24. Februar 2018 in Efrîn beim Kampf gegen die türkischen Angreifer und ihre Verbündeten im Alter von 32 Jahren. Er nahm an der Befreiung der Stadt Raqqa vom Islamischen Staat und dessen Verbündeten im Jahr 2017 teil. Haukur gehörte der anarchistischen Einheit „Revolutionäre Union für internationalistische Solidarität“ (RUIS) des Internationalen Freiheitsbataillons der Volksverteidigungseinheiten an. Von seinen Genossen wurde er zu einem Kommandanten des IFB gewählt. In Rojava und Island gab es Gedenkveranstaltungen für ihn.

Anna Campbell (Kampfname Hêlîn Qereçox) war Anarchistin und revolutionäre Feministin. Sie war Mitglied der „Industrial Workers of the World“ (IWW) und fiel am 15. März 2018 in Efrîn im Alter von 26 Jahren bei der Evakuierung der Stadt. Aus einer Erklärung des Internationalen Freiheitsbataillons: „Die Freundin Anna Campbell (Hêlîn Qereçox) befand sich in einem der Konvois mit den Flüchtenden. Der Konvoi wurde direkt von türkischen Kampfflugzeugen angegriffen und dabei kam auch Anna Campbell ums Leben. Sie hatte vorher mit der YPJ gegen den Islamischen Staat in Dêra Zor gekämpft. Als die Angriffe auf Efrîn begannen, schloss sie sich unmittelbar dem Widerstand zur Verteidigung Rojavas an. Sie zog ohne zu zögern an die Front, denn sie kämpfte für ihre und unser aller Ideale.“ Gedenkveranstaltungen für sie gab es in Rojava, Bristol und London. Ihr Tod fand auch in Deutschland Beachtung und Menschen aus der Solidaritätsbewegung zu Rojava und aus anarchistischen und IWW-Gruppen erinnerten an sie.

Anarchistische Brigaden

Zur Verteidigung der Bevölkerung, der Revolution in Rojava und dem Ziel des Aufbaus eines anarchistischen Kommunismus verbunden, kämpfen in Rojava drei bewaffnete anarchistische Formationen. Neben der 2015 gegründeten RUIS bildeten sich am 31. März 2017 die „Internationalen Revolutionären Volks Guerilla Einheiten“ (IRPGF). Vegane AnarchistInnen aus der Türkei gründeten die Formation „Sosyal Isyan“ (Soziale Rebellion).

Für Olivier, Haukur und Anna waren praktische Solidarität und entschiedener Kampf eine leitende Maxime. Sie gaben ihr Leben für ihre Überzeugungen, die auch die unseren sind. Ihr Tod macht uns traurig.

Doch der Kampf um die Freiheit in Rojava geht weiter und Olivier, Haukur und Anna werden für immer ein Teil davon sein. Wir werden unsere Genossinnen und Genossen nie vergessen.

Solidarität mit Rojava!

Tod dem Faschismus!

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #6

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