„Arimania“ – Bedeutende Vision einer freien Gesellschaft

Aktive des Kollektivs von Pagini Libere bei der Vorstellung des Buches in Cluj.

Vor mehr als sechzig Interessierten konnte am 29. Juni 2018 in der nord-west-rumänischen Stadt Cluj das Buch „Arimania – oder das Land des guten Verständnisses“ („Arimania sau Țara Buneiînțelegeri“) vorgestellt werden. Bei diesem handelt es sich um die Darstellung einer „anarchistischen Utopie“, also einer freien Gesellschaft ohne staatliche, patriarchale, religiös-kirchliche und kapitalistische Macht und Ausbeutung. Ihr Verfasser ist Iuliu Neagu-Negulescu (1878-1940), ein jahrzehntelanger aktiver Revolutionär der anarchistischen, syndikalistischen und strömungsübergreifenden sozialistischen Bewegung Rumäniens. Das Buch schrieb er in seiner einjährigen Kerkerhaft 1921 in Bukarest.

Als Propagandist des revolutionären Syndikalismus hielt er zahlreiche Vorträge zum Syndikalismus auf Arbeiterversammlungen und gehörte zu den Begründern einer eigenständigen anarcho-syndikalistischen Bewegung im Land. Seine fundierte Auseinandersetzung mit den syndikalistischen Organisations- und Gesellschaftsvorstellungen machen Arimania dann auch zu einer praktischen und durchdachten Vision einer freien Gesellschaft. Dabei geht er von den konkreten Lebensbedingungen der Masse der Arbeiter, Bauern und Frauen im Rumänien der 1910er und 1920er Jahre aus. Gesellschaftliche Probleme werden durch gewerkschaftliche und kommunale Selbstorganisation und

Ein Blick auf die TeilnehmerInnen der Buchvorstellung.

Selbstverwaltung angegangen. Räte bestimmen das gesellschaftliche Leben. In ihnen entscheiden die Menschen basisdemokratisch über ihre Belange. Die Arbeiter bestimmen in ihren Gewerkschaften über Arbeitsbedingungen und Produktion, Bauern in ihren Genossenschaften. Stadt- und Stadtteilräte beraten über kommunale Angelegenheiten. Wirkliche, freie Bildung wird groß geschrieben. Die allumfassende Bildung behandelt Natur und Mensch. Strafen gibt es keine mehr in den Schulen. Die Beziehungen zwischen den Menschen beruhen auf Freiwilligkeit und dem Willen „zu einem guten Verständnis“. Die Geschlechter sind gleichberechtigt, Frauen leben selbstbestimmt. Die Auffassungen und Kenntnisse der Erfahrenen aus den Ältestenräten sind von hoher Bedeutung. Die Industrie ist kollektiviert und Arbeit in Fabriken und auf den Feldern ist so wenig mühselig wie möglich.

Nach Auffassung der Herausgeber ist Arimania eine „grundsätzliche anarchistische Schrift.“ „Die Vision von Neagu-Negulescu ist eine Gesellschaft, die durch das Prinzip ‚Gegenseitige Hilfe‘ und die freiwillige Vereinigung der Menschen organisiert ist. Es ist eine blühende Welt, in der ‚Herrscher‘, Armee, Geld, Vorschriften, Strafen, Herrschaft und Ausbeutung verschwunden sind. Es ist ein Land ohne Grenzen und ohne Eigentum, in dem das Wohlergehen und die Freiheit des Einzelnen der erste Maßstab für das Wohlergehen und die Freiheit der Gesellschaft darstellen.“

Die erste Ausgabe von Arimania erschien im Jahr 1923 in der Stadt Brăila. Über ihre damalige Verbreitung in Rumänien kann bislang nur wenig gesagt werden. Weder die anarcho-syndikalistische noch die anarchistische Bewegung Rumäniens waren zu dieser Zeit so einflussreich, als dass von einer weiten Verbreitung des Werkes oder einer größeren Bekanntheit die Rede sein kann. Und so ist es an der heutigen libertären Generation Rumäniens, das als gut befundene Werk möglichst großen Bevölkerungskreisen bekannt zu machen. Die Herausgeber und der im April 2018 gegründete anarchistische Verlag „Editura Pagini Libere“ („Verlag Die Freien Seiten“) haben sich dazu eingängige Gedanken gemacht. Der Originaltext von Neagu-Negulescu wurde stilistisch überarbeitet und in ein modernes, heute gut verständliches Rumänisch übertragen. Seiner inhaltlichen Aussage tut dies keinen Abbruch. Zudem ist auch der unveränderte Originaltext im Buch veröffentlicht. Diesem stellte Adrian Tătăran eine gut verständliche Einführung in das Thema voran. Tătăran ist Philosoph, Dozent (auch zur Geschichte und Literatur des Anarchismus in Rumänien) und aktiver Anarchist. Martin Veith vom Institut für Syndikalismusforschung beteiligte sich mit einer biographischen Studie und einer Chronologie zu Iuliu Neagu-Negulescu. Ionuț Valentin Cucu befasst sich mit einer Begriffsbestimmung zu Bedeutung und Herkunft des von Neagu-Negulescu gewählten Namens des Landes – Arimania. Das Wort kann sowohl als eine Ableitung von „România“ als auch „Armonia“ (Harmonie) verstanden werden. Um dem mehr als 300 Seiten umfassenden Werk eine möglichst weite Verbreitung zu ermöglichen, wurde der Preis so gering wie möglich gehalten. Das in guter Qualität erschienene Buch ist für ausgesprochen günstige 15 Lei (Ca. 2,75 Euro) zu erhalten.

Als PDF unter diesem Link: https://pagini-libere.ro/wp-content/uploads/2018/09/Arimania-Iuliu-Neagu-Negulesc-Editura-Pagini-Libere.pdf

Iuliu Neagu-Negulescu: Arimania sau Țara Buneiînțelegeri. Orînda întocmirilor omenești, după potriva faptelor firești. Ediție îngrjită de: Alexandru Predoiu, Alexandru Lița, Adrian Tătăran, Ionuț Valentin Cucu, Loránd Szakács. Editura Pagini Libere, 2018. 312 Seiten, 15 RON.

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #7