Wer kennt noch Panait Istrati?

Eine neue Biographie von Birgit Schmidt bringt wenig neues.

Panait Istrati ist ein Schriftsteller, der nach und nach in deutschsprachigen Gefilden an Bekanntheit einbüßt. Das ist mehr als schade, denn bei ihm handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen „Schriftsteller von unten“. Als Sohn einer Wäscherin und eines Schmugglers wurde er 1884 in der multiethnischen Donauhafenstadt Brăila in Rumänien, kurz vor dem Schwarzen Meer, geboren und wuchs dort auf. Noch als Kind verließ der Vater die kleine Familie und Panait Istrati mußte zum Lebensunterhalt beitragen. Er schlug sich Zeit seines Lebens mit meist schlecht bezahlten und körperlich anstrengenden Arbeiten durch den Alltag, ehe er sich mit seinem schriftstellerischen Können schließlich für ein paar Jahre etwas Luft vom puren Existenzkampf verschaffen konnte. „Entdeckt“ vom einflußreichen französischen Schriftsteller Romain Rolland (1866-1944) wurde er vor allem in Frankreich populär und seine Werke erzielten mehrere hohe Auflagen. Istrati ist ein wahrer Meister von Wort und Gefühl, der mit großer Leidenschaft Geschichten vom Leben der Menschen in einem unvergleichlichen, fesselnden Stil erzählt. Im Zentrum stehen dabei ihre Realitäten und Träume, ihre Hoffnungen und Kämpfe, die immer wieder mit den Beschränkungen von Klassengesellschaft und Traditionen kollidieren. Istrati war Zeit seines Lebens ein Freigeist, Vagabund und trank und feierte gerne. Die Ungerechtigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft machten ihn zum Sozialisten, der schonungslos Unrecht benannte, wo immer es sich zeigte.

Genau dies führte schließlich zu seiner Ächtung durch die weltweite kommunistische Bewegung, die ihn anfangs noch für seine Literatur feierte, in der er u.a. die rumänischen Räuber, die „Haiduken“ idealisierte und in seinem Roman-Zyklus das Leben des Tagelöhners Adrian Zograffi mit all seinen Problemen und auch schönen Momenten beschrieb. Er galt und gilt als „Gorki des Balkan“, womit er von Zeitgenossen auf dieselbe Stufe gestellt wurde, wie der große russische Schriftsteller Maxim Gorki (1868-1936). Nach Reisen in die Sowjetunion vollzog sich in Istrati ein Wandel. Als Teil offizieller Delegationen wurden ihm geschönte Realitäten dargeboten, die er nicht auf Anhieb durchblickte. Anschließend berichtete er leidenschaftlich und mit großer Sympathie über die Fortschritte und angeblich positiven Entwicklungen in diesem Riesenreich. Doch bei einer Reise im Jahr 1928 auf eigene Faust und selbst gewählten Routen, begleitet von Freunden, erlebte er die dortige Willkür und Ausbeutung der Arbeitenden durch die diktatorisch regierende Kommunistische Partei. Er schrieb darüber, berichtete über die staatliche Willkür und die Verfolgung der Revolutionäre. Sein unbedingt empfehlenswertes Werk „Auf falscher Bahn“ ist ein Zeitdokument dazu.

Neue Biographie mit wenig neuem

Im Verlag Edition AV ist nun vor kurzem eine neue Biographie über ihn erschienen. Birgit Schmidts: „‘Ich bin kein Theoretiker, aber ich verstehe den Sozialismus ganz anders.‘ Leben, Arbeit und Revolte des rumänischen Schriftstellers Panait Istrati.“

Panait Istrati (links) und Ștefan Gheorghiu

Die Stärke ihrer Studie liegt in der Darstellung der schriftstellerischen Arbeiten und seiner fundamentalen Kritik an der Sowjetunion. Sie benennt Unrecht, ordnet ein und zu und bezieht damit Position; auch gegen bisherige Biographen. Dennoch bringt sie wenig neues und vernachlässigt den Wissensstand zu Panait Istrati, speziell zu seinen Zeiten, Aktivitäten und Beziehungen in Rumänien. Der selbst gewählte Untertitel mit dem Wort „Leben“ wird dadurch eingeschränkt. Ein weiterer Schwachpunkt ist der Umstand, dass sie für ihre Biographie nicht eine einzige rumänische Quelle heranzog. Alle ihre Referenzen basieren auf Übersetzungen und Sekundärliteratur. Das führt zu Lücken. Weiterhin wurde als Quelle in Fußnoten genannte Literatur offenbar nur oberflächlich gesichtet. Anders lässt sich nicht erklären, weshalb sie über den Zeit- und Weggefährten Istratis, den Mechaniker, Syndikalisten und Sozialisten Constantin Mănescu (1882-1971) angibt, keine Informationen finden zu können (S. 38), wenngleich sie zwei Seiten zuvor ein Zitat aus einer Studie über den rumänischen Arbeiter, Anarcho-Kommunisten und Syndikalisten Ștefan Gheorghiu (1879-1914) veröffentlicht, dessen enger Weggefährte eben jener Mănescu war und über den in dieser Studie ebenfalls ausführlich berichtet wird. Gheorghiu wiederum war nach der Aussage Istratis sein „bester Freund.“ Istrati stand viele Jahre in Verbindung mit Mănescu, die beiden führten Korrespondenzen und Istrati besuchte Mănescu an dessen Wohnort. Unverständlich ist zudem, dass Istratis lebenslange Freunde Nicu und Polixeni Constantinescu aus Brăila nicht einmal namentlich erwähnt werden. Der anarchistische Barbier und seine Lebensgefährtin waren zu jeder Zeit für ihn da, wenn er wieder einmal Unterstützung brauchte, und das wir nicht selten. Sie standen ihm bei, sei es aufgrund finanzieller Not, der Verfolgung durch den monarchistischen Geheimdienst Rumäniens oder während der Ausgrenzung seiner Literatur durch den politisch links stehenden Literaturbetrieb in Rumänien, nach seiner öffentlichen Kritik an der Sowjetunion. Unabhängig davon, was man als „links“ gelten lassen möchte, war dieser ohnehin schon eine Minderheitenpresse. Zurecht benennt Schmidt diese Ausgrenzung als eine Form von „Berufsverbot“.

Sehr gut dargestellt ist das literarische Werk Istratis. Die Haupthandlungsstränge werden gekonnt ausgebreitet und dem Lesenden bekannt gemacht. Schmidts Buch ist daher ein guter Einstieg für Menschen, die bislang noch nichts von Istrati gelesen haben und nun neugierig geworden sind. Eine besondere Würdigung erfährt seine großartige Erzählung „Die Disteln des Bărăgan“, einer kargen lebensfeindlichen Region in der östlichen walachischen Tiefebene. In eigenen Kapiteln nimmt sich Schmidt dem oft schwierigen Verhältnis Istratis zu den Frauen an sowie seiner Reisen in die Sowjetunion. Diese und die daran folgende Kritik des Schriftstellers an deren Realität bilden einen Schwerpunkt. Für Birgit Schmidt muss Istrati „heute als der erste Schriftsteller von Weltrang gelten, der die Sowjetunion und die KPdSU, die seit 1922 unter dem Einfluss ihres Generalsekretärs Josef Stalin stand, von der Warte eines Sozialisten aus in aller Öffentlichkeit angriff.“ (S. 29) Ihre recht ausführliche Darstellung der Verfolgung der starken anarchistischen Bewegung durch die Kommunisten und ihren Staatsapparat ist dabei hervorzuheben. Hunderte ihrer Angehörigen wurden ermordet, mehr noch in Arbeitslager verschleppt und despotisch behandelt. Solch eine wichtige Darstellung fand sich bislang noch in keiner Istrati-Biographie. Heinrich Stiehler, Autor einer umfassenderen Istrati-Biographie (erschienen 1990), hatte kaum einen Blick auf die institutionalisierte Repression der Kommunisten, der Regierungspartei der Sowjetunion, gegen Arbeiterinnen und Arbeiter und die vielfältige anarchistische und anarcho-syndikalistische Bewegung. In seiner Biographie kritisiert er Istrati sogar dafür, dass dieser sich für den im sowjetischen Kerker befindlichen italienischen Anarchisten Francesco Ghezzi (1893-1942) einsetzte, obwohl dessen Todesurteil bereits unterzeichnet war und sich Istrati mit seiner Solidarität zu Ghezzi selbst in Gefahr brachte. Schmidt berichtet über die Beziehungen Istratis zu Funktionären des Sowjetstaates, darunter Christian Racovski (1873-1941) und Victor Serge (1890-1947). Mit Racovski war Istrati bereits in Rumänien gut bekannt, seine gewichtige Rolle für die sozialdemokratisch-marxistische Bewegung Rumäniens kommt in Schmidts Darstellung allerdings zu kurz. Das Augenmerk liegt auf Racovskis Zeit in Moldawien (dort wurde er nach den revolutionären Kämpfen 1917/18 von den Bolschewisten zum Regierungschef ernannt) und seiner späteren Kritik an der Politik der Kommunistischen Partei, die 1941 zu seiner Erschießung durch den sowjetischen Geheimdienst führte. Treffende Kritik findet Birgit Schmidt für Victor Serges Verhalten. Dieser, ein ehemaliger aufständischer Anarchist, arrangierte sich schnell mit dem bolschewistischen Staat, dem er aus Überzeugung diente, bis sich die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes auf ihn und seine Vergangenheit richtete. Sie schreibt: „Unangenehm an Victor Serge stößt die Tatsache auf, dass er die vorgeblich revolutionäre, bolschewistische Gewalt prinzipiell befürwortete und erst in dem Moment abzulehnen begann, als sie ihn selbst betraf.“ (S. 72).

Nach Istratis Ächtung durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion folgten die Parteiverbände der einzelnen Länder. Diese übten starken Druck auf fortschrittlich-emanzipatorische Verlage aus, um das Erscheinen der Erzählungen Istratis zu verhindern. In der Regel waren sie damit erfolgreich und – zurückgekehrt nach Rumänien – fehlten ihm die Publikations- und Verdienstmöglichkeiten. Diese Situation beschreibt Schmidt in ihrem letzten Kapitel. Gemieden und verdammt von der marxistischen Linken suchte er Repräsentanten der Monarchie und der politischen Rechten um finanzielle Unterstützung und Publikationsmöglichkeiten auf. Schließlich kam er in den Kontakt mit einer dissidentisch-faschistisch-orthodoxen Organisation, dessen Führer sich mit der vorherrschenden faschistischen „Eisernen Garde“ um Corneliu Zelea Codreanu (1899-1938) überworfen hatte. In deren Zeitschrift „Der Kreuzzug des Rumänentums“ fanden seine Artikel nun Aufnahme, ohne dass er sich dabei inhaltlich an die Ideologie der Faschisten und Antisemiten anbiederte. Birgit Schmidt stellt die sich daraus ergebenden Fragen öffentlich, warum ein Mensch, der Zeit seines Lebens gegen Antisemitismus und Nationalismus eintrat, am Ende in einem reaktionären Blatt schreibt. Sie referiert über den Antisemitismus und die faschistische Bewegung in Rumänien und berichtet schließlich über die letzten Jahre des an Tuberkulose leidenden Schriftstellers. Panait Istrati starb 1935 in bitterer Armut.

Birgit Schmidt schreibt in gut verständlicher, flüssiger Weise. Doch sie ignoriert rumänische Quellen und bringt dadurch wenig neues. Eine tiefere Kenntnis der rumänischen Gegebenheiten merkt man dem Buch nicht an. Das Buch wurde nicht lektoriert. So kommt es zu kleineren Fehlern, beispielsweise bei Ortsnamen oder Namensangaben. Der Biographie fehlt zudem ein Namensregister. Gut gelungen ist dagegen die Darstellung des literarischen Schaffens von Panait Istrati.

Martin Veith

Birgit Schmidt: „‘Ich bin kein Theoretiker, aber ich verstehe den Sozialismus ganz anders‘. Leben, Arbeit und Revolte des rumänischen Schriftstellers Panait Istrati. Verlag Edition AV, 2019, 108 Seiten, ISBN 978-3-86841-216-1, 14 Euro.

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #7