Gott und der Staat

100 Jahre nach der Veröffentlichung der von Panait Mușoiu besorgten Ausgabe erschien 2019 Bakunins „Gott und der Staat“ in Rumänien in einer neuen, editorisch ergänzten und erweiterten Ausgabe. Der Verlag „Editura Pagini Libere“ arbeitete über ein Jahr an der Neuherausgabe, die mehr als gelungen ist.

„Gott und der Staat“ ist eine grundsätzliche Schrift des russischen Anarchisten Michael Bakunin (1814-1876) und zählt bis heute zu den wichtigsten anarchistischen Schriften des 19. Jahrhunderts. Das Werk ist ein Klassiker und besteht aus Fragmenten des Textes „Das Knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution“. Er entstand in den Jahren 1870/71. Bakunin analysiert die autoritären, hierarchischen und zentralistischen Gesellschaftsstrukturen, er analysiert ebenso in tiefgründigster Weise die Religion, „Gott“ und die aus den Religionen hervorgehenden Priesterkasten sowie das Verderben, das diese seit ihrer Existenz über die Menschheit und den freien Geist bringen. Der Staat ist der Ausdruck der jeweils herrschenden Klasse, um Privilegien für wenige zu sichern und das Kapital und die Kapitalisten in seiner und ihrer Mächtigkeit zu beschützen, um die Ausbeutung der Mehrheit der Menschen, der Lohnarbeiter, Bauern und Sklaven fortbestehen zu lassen. Deswegen stellt sich Bakunin ohne wenn und aber auf die Seite der „Materialisten“ gegen die „Idealisten“. Er schreibt: „Jawohl, die Tatsachen gehen den Ideen voran, jawohl, das Ideal ist, wie Proudhon sagte, nur eine Blume, deren Wurzel die materiellen Existenzbedingungen bilden. Jawohl, die ganze geistige und moralische, politische und soziale Geschichte der Menschheit ist ein Reflex ihrer wirtschaftlichen Geschichte.“ „Gott und der Staat“ ist ein zutiefst philosophisches und gleichzeitig rationales und revolutionäres Werk. Zahlreiche darin getroffene Aussagen finden heutzutage noch als Zitate in Veröffentlichungen anarchistischer und freigeistiger Menschen eine Bestimmung und regen zum Nachdenken und zum überdenken tradierter, konservativer Gesellschaftsvorstellungen an.

Michail Bakunin

Bakunin wäre nicht Bakunin, würde er nur bei der Analyse verweilen. Er entwirft in groben Zügen das Ziel einer emanzipierten und herrschaftsfreien, also anarchistischen Gesellschaft freier Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Ausbeutung und Unterordnung beendet werden. Dafür sei die Selbstorganisation der Produzenten in „Assoziationen“, sprich Gewerkschaften notwendig. Mit diesen Prinzipien und Überzeugungen gehört Bakunin zu den Ideengebern des Syndikalismus. Nach Bakunin gibt es keinen friedlichen Übergang in eine freie sozialistische und kollektivistisch organisierte und verwaltete Gesellschaft. Nur eine soziale Revolution könne die bestehenden Ungerechtigkeiten beenden. Sie ist gleichzeitig die Zerstörerin des Unrechts und die Wegbereiterin des neuen, freien. Neue Herrschaft dürfe nicht zugelassen werden, bemäntele diese sich auch als „revolutionär“. Denn diese bringe nur neue Ungerechtigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse hervor. Bakunin ist ein klarer Gegner des Marxismus und der „Diktatur des Proletariats“. In ihrer Praxis haben die marxistischen Vorstellungen all das bestätigt, was Bakunin vorhergesagt hatte. In ihren totalitären Systemen war der Mensch als Arbeiter und Arbeiterin entrechtet und wurde ausgebeutet. Als denkendem Wesen wurden ihm geistige Schranken auferlegt und offene Diskussionen unterdrückt. Freiheit, Individualismus und Selbstbestimmung wurden als „bürgerlich“ verpönt, gemaßregelt und bestraft. Dabei ist gerade das Prinzip von Autorität und Gleichförmigkeit zutiefst bürgerlich. Bakunins Erkenntnisse entstammen nicht nur seinen wissenschaftlichen und philosophischen Studien und Diskussionen. Er war aktiver Revolutionär, kämpfte sowohl 1849 im Dresdner Maiaufstand als auch noch kurz vor seinem Lebensende 1871 für die Pariser Kommune. Innerhalb der 1864 gegründeten Ersten Internationale, der Internationalen Arbeiter-Assoziation, gehörte er zu den Vertretern des anti-autoritären Flügels und wurde dafür auf das entschiedenste von den Autoritären und deren bekanntesten Vertretern Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) bekämpft und verleumdet. Bakunin war Zeit seines Lebens ein Mensch voller revolutionärer Leidenschaft, voller Willen zur revolutionären Tat, der jede Art von Ungerechtigkeit, „mehr noch wenn sie sich gegen andere, als gegen mich selbst richtete“ (Bakunin: Die Beichte, 1851), nicht ertragen konnte.

Großartig editierte Ausgabe

Kern der neuen Ausgabe ist die von dem rumänischen Anarchisten und Publizisten Panait Mușoiu (1864-1944) besorgte Übersetzung, die er im Oktober oder November 1918 in seinem Verlag Biblioteca Revista Ideei veröffentlichte. Wie in der Einleitung zu der Neuausgabe deutlich gemacht wird, befand sich Rumänien zu dieser Zeit im Ersten Weltkrieg und die Hauptstadt Bukarest, dort wo Panait Mușoiu publizierte, war von den Deutschen besetzt, die eine umfassende Zensur gegenüber der emanzipatorischen Presse ausübten. Bereits mit dem Kriegseintritt Rumäniens 1916 hatte Mușoiu die Herausgabe der anarchistischen Monatsschrift Revista Ideei einstellen müssen. Das Verlagskollektiv nimmt daher an, dass dieser Umstand der Grund dafür ist, dass in dieser Fassung einige Stellen des Textes von Bakunin, die sich besonders leidenschaftlich gegen die preußische Reaktion aussprechen ausgelassen wurden. Es zeugt von der gründlichen Recherche und Arbeit des Verlagskollektivs darauf aufmerksam zu machen. Die in der Ausgabe von 1918 fehlenden Passagen werden im neuen Text aufgezeigt und eingefügt. Als Referenz diente die französischsprachige Ausgabe des Werkes von 1882. Diese wurden von den Freunden und Mitstreitern Bakunins Élisée Reclus (1830-1905) und Carlo Cafiero (1846-1892) in Genf herausgegeben.

Mit der Neuherausgabe bringt die Editura Pagini Libere Bakunin und seine freiheitlichen Ideen den rumänischsprechenden Menschen näher. Der wunderschön gestaltete, handliche Band vermittelt chronologisch angeordnet biographische Daten, den Lebensweg von Bakunin und informiert über die Editionsgeschichte von „Gott und der Staat“ in Rumänien.

Fünfte Edition von „Gott und der Staat“

Die erste rumänischsprachige Ausgabe von „Gott und der Staat“ erschien bereits 1885 in der Stadt Focșani, in der damals ein reger anarchistischer Zirkel wirkte. 1918 folgte die Ausgabe von Mușoiu und dann dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis in den Jahren 2001 und 2008 weitere Ausgaben des Werkes in Temeswar erschienen. Die jetzt herausgegebene fünfte Edition wurde nicht nur um fehlende Stellen ergänzt. Neben dem Vorwort Mușoius von 1918 und jenem vom Reclus und Cafiero von 1882 ist sie durchgängig mit wertvollen Hinweisen der Buch-Redaktion versehen worden: Fußnoten stellen im Text vorkommende Personen der Zeitgeschichte in kurzen biographischen Angaben vor. Die neu erschienene Ausgabe wurde zudem um den jeweilig letzten Absatz in den Ausgaben von Reclus und Cafiero und der von 1916 durch Emma Goldmans (1869-1940) Verlag in den USA erschienen englischsprachigen Ausgabe ergänzt. Als Referenz herangezogen wurde weiterhin die französischsprachige Werkausgabe des Schweizer Anarchisten, Freundes und Mitarbeiter von Bakunin und Peter Kropotkin (1842-1921) James Guillaume (1844-1916). Guillaume war aktives Mitglied der Ersten Internationale und ein Agitator für den kommunistischen Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in der Schweiz.

Ergänzt wurde der Band zudem mit wichtigen Beiträgen und Neuübersetzungen. Dazu zählen Passagen, die aus Bakunins Werk „Considerații filozofice despre fantoma divină, despre lumea reală și despre om“ entnommen wurden. In deutsch ist dieser Aufsatz erstmals 2010 im Verlag Edition AV in der Übersetzung aus dem französischen von Michael Halfbrodt unter dem Titel „Philosophische Betrachtungen. Über das Gottesphantom, über die wirkliche Welt und über die Menschen“ erschienen. Bakunin schlussfolgert darin: „Die Existenz Gottes kann also keine andere Bedeutung haben als die der Negation der Naturgesetze; woraus sich der folgende unvermeidliche Doppelschluss ergibt: Gott existiert, folglich gibt es keine Naturgesetze, es gibt in der Natur keine Ordnung, die Welt stellt ein Chaos dar, oder aber: Die Welt ist in sich geordnet, also existiert Gott nicht.“

Einer der besten Kenner der Geschichte und Entwicklung des Anarchismus in Rumänien, Adrian Tătăran, Philosoph und Literaturwissenschaftler, stellt uns Bakunin als „internationalen Rebellen“ vor. In seinem Beitrag „Mihail Bakunin: Rebelul internaționalei” fasst er Bakunins Grundprinzipien zusammen, stellt wesentliche Ereignisse vor und lässt seine Freunde und Zeitzeugen über ihn sprechen. So erfahren wir beispielsweise, was der bessarabische Narodniki und Bakunin-Sekretär Zamfir C. Arbure (1848-1933) mit ihm innerhalb der revolutionären Bewegung unternommen hat und wie er ihn betrachtete. Offenbart wird hier abermals die umfassende Quellenkunde und das umfassende Wissen zu den zeitgenössischen Personen und Ereignissen.

Adrian Tătăran beschreibt Bakunin als zielgerichteten Revolutionär und widerspricht damit der Darstellung Bakunins als Romantiker und Schwärmer in bürgerlichen und marxistischen Veröffentlichungen. Er führt aus: „Abgesehen von dem simplen Bild des romantischen Rebellen, das ihm oft zugeschrieben wird, jenseits seiner Irrfahrten und seinen sprichwörtlichen Ausschweifungen, war Bakunins Kampf nie blind oder ohne Grund. Aus seinen Handlungen, Ideen und Worten dringt der Traum von einer Freiheit hervor, die in der Erfahrung der universellen Brüderlichkeit verankert ist. Nicht die fiktive Freiheit von Privilegien, Wettbewerb und Herrschaft, die von ‚allen Schulen des bürgerlichen Liberalismus‘ gepredigt wird; nicht die Freiheit des einen gegen das andere, die Freiheit der Gewalt, noch die trügerische Freiheit, die von den Behörden gewährt und reguliert wird, sondern die Freiheit, die weit davon entfernt ist die Freiheit anderer für die eigene Freiheit einzuschränken, die endlose Freiheit aller durch die Freiheit aller, die Freiheit durch Solidarität, die Freiheit in Gleichheit; die triumphale Freiheit über rohe Gewalt und das Prinzip der Autorität´“ (S. 48).

Neu-übersetzte und unbekannte Texte

Extra für diese Ausgabe wurde der Text „Nota lui Bakunin despre communiști germani“ (Anmerkungen Bakunins über die deutschen Kommunisten) aus dem französischen erstübersetzt. Er beleuchtet das Verhältnis und die Konflikte Bakunins und der Antiautoritären mit den Autoritären um Karl Marx in der Ersten Internationale.

Zwei weitere bislang wenig bekannte Texte entstammen der 1936 in der „Editura Umanitate“ in Bukarest erschienen Schrift von James Guillaume: „Mihail Bakunin 1814-1876“. Die Übersetzung besorgte Ion Ionescu-Căpățână (?-1942/43), ein Anarchist und Herausgeber der Zeitschrift „Vegetarismul“. In seinem einleitenden Vorwort stellt Ionescu-Căpățână die anarchistische Bewegung in Rumänien zur Zeit Bakunins kurz vor und führt ihre Protagonisten an. Auch zu diesen einzelnen Revolutionären hat der Verlag Editura Pagini Libere wertvolle biographische Angaben zusammengetragen und in Fußnoten dargelegt. An manchen Stellen wird auf Schriften verwiesen, die eine weitere Forschung möglich machen. In dieser konzentrierten Komplexität ist das bislang wohl einmalig. Genauso verfährt der Verlag auch bei dem historischen Text von Guillaume; wertvolle Anmerkungen in Fußnoten erhöhen Kenntnis und Verständnis.

Zu James Guillaume und Ion Ionescu-Căpățână sind biographische Texte durch den Verlag beigegeben: „James Guillaume (1844-1916) O schiță biografică” (Eine biographische Skizze) und

„Ion Ionescu- Căpățână (?-1942/1943)“

Adrian Tătăran widmet sich in einem weiteren Text ausführlich und kenntnisreich dem Herausgeber der 1918 erschienen Edition von „Gott und der Staat“, dem lebenslangen Anarchisten Panait Mușoiu.

Von Anfang bis Ende ist dieses Buch wunderschön und gut lesbar gestaltet. Gerade die zahlreichen Anmerkungen zu den historischen Texten lassen die Vielfalt anarchistischer und anti-autoritärer Aktivitäten und Bestrebungen in Rumänien seit dem 19. Jahrhundert zum Vorschein kommen. Auch zum Titelbild machte man sich Gedanken. Es zeigt das unter den Nationalkommunisten/Stalinisten errichtete „Haus des Volkes“ und als dessen Spiegelbild die mit Abermillionen finanzierte neue Orthodoxe Kathedrale in Bukarest. Dem 374 Seiten umfassenden Band ist zudem ein Namensregister beigegeben.

Zum Abschluss soll hier noch einmal Adrian Tătăran über Bakunin zu Wort kommen: „Auf seiner Suche versuchte Bakunin weder, eine totalisierende Formel zu verkünden, noch hatte er den Ehrgeiz, uns eine universelle, allgemein anwendbare Regel zu geben. Was bevorstand, war nur der Bruch, der unerwartete Funke, der die Welt in Brand setzen und alles verändern konnte. Und was er wollte, waren keine fügsamen Neu-Bekehrten oder guten Leser, sondern klare und ungehorsame Menschen, Komplizen, die von derselben Suche und dem Ideal eines Lebens belebt wurden, das vollständig, brüderlich und frei gelebt wurde. Dies ist seine Einladung an uns und vielleicht eine Sehnsucht, die wir nicht so leicht aufgeben sollten.“

Mihail Bakunin: Dumnezeu și Statul. Traducere de Panait Mușoiu (1918). Ediție revizuită și completată, urmată de Mihail Bakunin – o schița biografică de James Guillaume, București 2019. Editura Pagini Libere, 374 Seiten, Gegen Spende. ISBN: 978-973-0-30584-5.

Bezugsinformationen hier: https://pagini-libere.ro/dumnezeu-si-statul-mihail-bakunin/

Martin Veith

Wer nun Interesse am lesen der deutschsprachigen Ausgabe von „Gott und der Staat“ bekommen hat, dem sei die Ausgabe aus dem Trotzdem-Verlag von 1995 zu empfehlen. Ihre Übersetzung erfolgte durch den österreichischen Historiker und „Anarchisten ohne Adjektive“ Max Nettlau (1865-1944). Der anarchistische Genosse und Publizist Gabriel Kuhn verfasste das Vorwort.

Mehr von Bakunin findet sich auf dem Bakunin-Portal in deutscher Sprache http://www.bakunin.de/index.html

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #7