Interview mit einem „Food not bombs”-Aktivisten aus Timișoara über die Solidarität mit Geflüchteten und die aktuelle Situation

Stand: Ende März 2021

Intervention der Polizei gegen Geflüchtete in einem besetzten Haus. Foto: T. S. Photography

BUNĂ: Kannst du uns etwas über die Situation der Geflüchteten in Temeswar/Timișoara erzählen?

FnB Timișoara: Ich denke, dass die Anzahl der Geflüchteten (Aus Afghanistan, Anm. BUNĂ), die die Grenze überschritten, im November 2020 mehr und mehr zugenommen hat. Als die Grenze mit Ungarn geschlossen wurde, versuchten sie einen anderen Weg durch Rumänien und Ungarn zu finden. Die aktuelle Situation ist sehr schlecht. Die Aufnahmezentren sind voll und Geflüchtete/Asylbewerber stehen auf der Straße. Im Moment um die 200. Einige der Leute auf den Straßen sind die, die einen Aufenthaltsstatus für Rumänien erhalten (oder beantragt) haben, aber zu Aufnahmezentren in Giurgiu, Covasna und anderen Städten verwiesen wurden. Sie kommen nach Timișoara, das näher an der westlichen Grenze liegt, um ihren Weg in Richtung Westen fortzusetzen. Wie einige von ihnen uns gegenüber bei Gelegenheit äußerten: „Hier kann man nichts tun. Wenn das Leben hier schon für euch hart ist, könnt ihr euch vorstellen, wie die Dinge erst für uns sind.“

BUNĂ: Was erzählen sie euch, was sie alles durchmachen mussten?

FnB Timișoara: Persönlich habe ich nicht so viel mit ihnen gesprochen, auch wenn wir eine Menge an Interaktionen hatten. Einer der Gründe dafür ist die Sprachbarriere. Das kann die Dinge ein bisschen schwierig machen. Es gab Zeiten, in denen wir niemanden finden konnten, der Englisch sprach; oder, im besten Fall, nur ein paar Worte. Dennoch waren wir in der Lage, die Essensverteilung gemeinsam zu organisieren, gut strukturiert und ohne Konflikte. Es war natürlich einfacher, wenn wir jemanden fanden, der Englisch sprach und bereit war uns zu unterstützen. Generell waren diejenigen, die Englisch sprachen, sehr freundlich und unterstützend. Sie übersetzten für alle, was gesagt wurde. Ehrlich gesagt, die wenigen Geschichten, die sie mit uns teilten, sind herzzerreißend. Es gibt eine Menge Leid und Traumata, Geschichten über die Kälte, der sie auf dem Weg und in den Lagern ausgesetzt waren, über Polizeigewalt und Hunger. Nichtsdestotrotz scheinen die meisten von ihnen sehr optimistisch in die Zukunft zu blicken. Vielleicht weil sie jung sind, der Großteil ist unter 25-Jahren alt. Sie sprechen meistens über ihre Hoffnungen und Wünsche, über das Leben, das sie sich zu haben erträumen. Sie sind offen und sehr interessiert daran, neue Dinge zu erlernen. Sie haben uns eine Menge Fragen gestellt. Wir versuchen ihnen so gut wie möglich darauf zu antworten, anstatt bei den Traumata und dem Leid zu verbleiben, das sie bislang erlebt haben. Am Ende ist die Angst und die in ihren Augen zu sehende allgemeine Furcht ein bleibender und schmerzhafter Eindruck bei jeder Begegnung.

BUNĂ: Soviel wir wissen, war es die lokale Bevölkerung, die als erste auf die Situation reagierte und sich engagierte. Kannst du uns mehr darüber sagen?

Geflüchtete in Timișoara. Foto: T. S. Photography

FnB Timișoara: Eine einzige, undifferenzierte „lokale Bevölkerung“ gibt es nicht. Daher ist die Frage ein bisschen vage, doch ich versuche darauf zu antworten. Offiziell gibt es hier eine NGO, LOGS, die mit MigrantInnen und Geflüchteten arbeitet und ihnen Unterstützung anbietet. Sie arbeiten in Partnerschaft mit anderen Vereinigungen, Kirchen und staatlichen Autoritäten. Als die Krise in Timisoara begann, übernahmen sie die Initiative und begannen die Hilfe für die ankommenden Leute zu organisieren. Wie auch immer, dies endete in einer Form des Monopolys von ihrer Seite aus. Wenn du etwas für die Geflüchteten/Asylsuchenden tun möchtest, dann musst du es durch sie tun. Beispielsweise den Zutritt zu den Unterkünften der Geflüchteten zu erhalten, um dort Lebensmittel verteilen zu können. Aus diesem Grund zögerten wir erst, uns auf sie einzulassen. Doch zurück zu den aktuellen Ereignissen. Da es in den staatlichen Zentren keinen Platz mehr gab, schliefen die Leute in der Winterkälte draußen. Die erste, die auf diese Situation reagierte, war eine Baptistengemeinde, die eine regelmäßige Verteilung von Lebensmitteln für Geflüchtete auf den Straßen organisiert. Um acht Uhr abends verteilen sie das Abendessen für alle, bieten aber auch andere Hilfsmittel an: Duschen, saubere Kleidung und medizinische Grundversorgung. Zum Abschluss beten alle gemeinsam. Demgegenüber bin ich skeptisch. Vielleicht ist es völlig freiwillig und jede/r kann daran teilnehmen oder in seiner/ihrer Religion beten, wie sie sagen, aber ich verstehe nicht, warum sie, wenn sie etwas anbieten, immer etwas dafür verlangen. Vielleicht gibt es Menschen, die Hilfe benötigen, aber nicht religiös sind, oder sich nicht in der Stimmung dazu befinden zu beten. Wie auch immer … wir realisierten, dass die Situation ernster wird, als wir einen Artikel über eine Polizeiintervention gegenüber Geflüchteten sahen, die ein verlassenes Haus besetzt hatten. Zur gleichen Zeit erfuhren wir von der Hilfsleistung durch die Baptistengemeinde. Mir fielen zudem Gruppen junger Leute, viele von ihnen Jugendliche, rund um den Platz auf, an dem ich arbeite. Sie waren kaum bekleidet, mit zerschlissenen Schuhen, ohne Socken, und das Wetter draußen war sehr kalt, so dass wir damit begannen, ihnen Kleidung, warmes Essen und andere Dinge zu bringen. Im Januar begannen wir damit, diejenigen zu besuchen, die in den verlassenen Gebäuden Unterschlupf gesucht hatten. Wir machen dies drei-viermal die Woche, abhängig von den Spenden, die wir erhalten (Essen, Kleidung und andere Sachen) und unserem Budget. Um die dreißig Leute sind in einem dieser Gebäude, manchmal sogar mehr. Auch rund um den Bahnhof befinden sich viele Geflüchtete. Ich denke, die Situation ist im Moment ziemlich trostlos -Geflüchtete/Asylsuchende im Quarantänezentrum bekommen zum Beispiel nur eine Mahlzeit am Tag, sie können das Zentrum nicht verlassen und sie haben im Allgemeinen keine Schlafsäcke und keine Kleidung, um sich warm zu halten. Gleichzeitig belästigt die Polizei ständig die auf der Straße lebenden Menschen. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Leute geschlagen, ihre wärmende Kleidung ausgezogen wurde und sie nur in ihrem T-Shirt zurückgelassen wurden, ihre Handys zerschlagen und ihr Geld konfisziert. Deshalb haben wir das starke Gefühl, dass wir etwas tun müssen. An diesem Punkt zählt jede Hilfe, jede Unterstützung von Einzelpersonen, Kollektiven, irgendjemandem.

BUNĂ: Gab es Reaktionen der Autoritäten/Behörden (lokal und national)? Gibt es Unterstützungsmaßnahmen?

Wäschetrocknen in der Winterkälte. Foto T. S. Photography

FnB Timișoara: Um ehrlich zu sein, ich folge den Reaktionen der „Autoritäten“ nicht sehr intensiv. Sie lügen entweder in den Medien über die gesamte Situation oder lehnen einfach jede Verantwortung ab. Sie sind mit ihrem Diskurs über das „Flüchtlingsproblem“ bestens vertraut, während die öffentliche Stimmung in Timisoara gegenüber den Geflüchteten/Asylsuchenden, die durch die Stadt ziehen, eher ängstlich zu sein scheint. Gleichzeitig versuchen die Behörden, die Vorwürfe des Polizeimissbrauchs zu vertuschen. Manchmal greifen sie auch auf Druck zurück, um die NGOs auf ihre Seite zu ziehen. Auf diese Weise ist es weniger wahrscheinlich, dass eventuelle Probleme an die Öffentlichkeit gelangen. Auch aus organisatorischer und ressourcenbezogener Sicht stehen die Dinge, sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene, schlecht. Ein Junge, der von der Grenzpolizei gefasst und in ein Quarantänezentrum gebracht wurde – aufgrund von Covid-19 ist es angeordnet, zwei Wochen in einem solchen Zentrum zu verbringen, bevor er für Asylsuchende an einen anderen Ort geschickt wird -, sagte uns, das Gebäude sei voll. Es gab keine Plätze, also mussten sie im Hof schlafen, ohne Schlafsäcke, ohne Matratzen und ohne Decken. Ich denke, die Behörden sind von der Situation überfordert. Es ist jedoch traurig, weil sie anscheinend nicht viel tun, um diese Probleme zu beheben. Stattdessen scheinen sie sehr bemüht zu sein, so viel wie möglich zu vertuschen, das Leben der Geflüchteten so schwer wie möglich zu machen und alles außer Sichtweite zu halten.

BUNĂ: Wie sieht euer Engagement aus? Welche Art von Aktionen organisiert ihr in Solidarität mit den Geflüchteten?

FnB Timișoara: Wir sind fünf oder sechs Leute, die sich beteiligen. Wir tun dies abhängig von den verfügbaren Ressourcen und der Zeit, die wir haben. Unser Handeln orientiert sich an den Grundsätzen von „Food not Bombs“. Ich denke, diese Art von direkter Aktion ist auch heute noch relevant und notwendig, insbesondere in der gegenwärtigen Situation. Das Format mag in gewissem Sinne „alt“ sein, wurde aber im Laufe der Zeit getestet. Und es funktioniert für uns am besten. Im Allgemeinen bereiten wir Essen zu, aber wir versuchen auch, Kleidung, Schuhe, Hygieneprodukte (wie Seife, Tücher, Masken usw.) bereitzustellen. Wir bringen auch Spiele wie Schach oder Bücher mit, Dinge, von denen wir glauben, dass sie sie zumindest für einige Zeit glücklich machen oder amüsieren könnten. Manchmal fragen sie uns nach Sachen. In jedem Fall sind ihre Bedürfnisse ganz einfache, grundlegende Dinge, wie man erwarten kann: Essen, warme Kleidung, Socken. Generell kommen alle miteinander harmonisch aus; es gibt kaum Streit über Essen oder ähnliche Dinge.

BUNĂ: Wie ist die Situation jetzt und wie sehen die Perspektiven für die Zukunft aus? Vor allem, da in Timișoara jetzt ein neuer Lockdown besteht.

FnB Timișoara: Aktuell ist die Situation nicht so gut. Unser bisheriger Standort, an dem wir Essen zubereiten, Leistungen organisieren, Spenden sammeln konnten usw., ist geschlossen. Wir hätten uns viel Ärger ersparen und viele weitere Probleme lösen können, wenn wir einen eigenen Raum gehabt hätten. Auch auf lange Sicht sind die Aussichten nicht sehr optimistisch. Die Menschen werden immer mehr entfremdet; Sie brauchen mehr als Online-Kommunikation. Die Pandemie, alle polizeilichen und medizinischen Einschränkungen erschweren die Organisation sehr. Ich spreche von langfristigen Perspektiven, weil ich das Gefühl habe, dass sich diese Situation fortsetzen wird und der allgemeine Kontext nicht sehr günstig ist, da bereits Lockdowns und eine „medizinische und militärische Diktatur“ bestehen. Der Lockdown in Timișoara ist für alle sehr hart, aber die am stärksten gefährdeten Personen sind besonders betroffen: Menschen ohne Arbeit, Menschen, die an Depressionen leiden, auf der Straße lebende Menschen, Asylsuchende. Und jetzt haben wir zusätzlich zu einem bereits korrupten und ungerechten System eine Pandemie, die faschistische und autoritäre Tendenzen an die Oberfläche gebracht hat. Es ist ziemlich demoralisierend. Es ist schwierig, mit Menschen zu arbeiten und ihnen Hoffnung zu geben, wenn man sich selbst abmüht, um über Wasser zu bleiben.

BUNĂ: Ist die Solidarität meistens lokal organisiert oder habt ihr auch Unterstützung von anderen Kollektiven oder Einzelpersonen (national und/oder international)?

FnB Timișoara: Es gibt nur wenige Kollektive und Einzelpersonen in Timișoara, die sich außer LOGS und den verschiedenen religiösen Vereinigungen und Kirchen, die ich bereits erwähnt habe, beteiligen. Die Leute hier scheinen das im Allgemeinen nur sehr ungern zu tun. Viel eher sehen sie die Geflüchteten als “Problem”. Wir wurden manchmal danach gefragt, warum wir diesen helfen. Es gibt aber natürlich auch Leute, die helfen wollen. Der schwierige Teil ist, dass der einzige Weg für sie, sich zu engagieren, oder zumindest der sichtbarste und einfachste Weg, die NGOs und die Kirchen sind. Oder sie können sich natürlich auch uns anschließen, den Punks. In Bezug auf die internationale Solidarität haben wir nicht viel Unterstützung gesehen. Andererseits haben andere Kollektive aus Rumänien, aus Cluj (A.casă) und Bukarest (Filaret 16), in letzter Zeit mehrmals Lebensmittel, Hygieneprodukte und Kleidung gesammelt. Ich hoffe, dass sie das auch weiterhin tun werden, da der Bedarf konstant ist. In Bezug auf die lokalen Kollektive war die Unterstützung des Kollektivs Dreptul la Oraș (Das Recht auf Stadt) eine große Hilfe, da es zwei Drittel des für unsere Aktionen benötigten Wochenbudgets abdeckt. Auf diese Weise können wir Produkte bereitstellen, die wir nicht immer aus anderen Spenden erhalten.

BUNĂ: Vielen Dank für das Interview.