Um uns selbst müssen wir uns selbst kümmern

Zwei Jahre seit der Ermordung von Alexandra Măceșanu und Luiza Melencu. Polizei, Mafia, Patriarchat und Staat sind mitverantwortlich für ihren Tod

Von A. Schwarz

Ein Hinweis zuvor: Der folgende Beitrag ist alles andere als eine einfache Lektüre. Er wühlt auf und macht wütend. Er behandelt die nachgewiesene Ermordung von mindestens zwei jungen Frauen durch Gheorghe Dincă und die Mitverantwortung der Polizei dabei. Einmal mehr wird die unerträgliche patriarchale gesellschaftliche Realität in Rumänien deutlich. Und einmal mehr rückt der Menschenhandel in den Fokus.

Am 24. Juli 2019 wurde die 15-jährige Alexandra Măceșanu entführt, geschlagen und vergewaltigt. Einen Tag später wurde sie zerstückelt und verbrannt. Die aus der kleinen Gemeinde Dobrosloveni im Bezirk Olt stammende Schülerin war auf dem Weg zu ihrem Freund in die Stadt Caracal. Da es auch in dieser Region keinen funktionierenden Personennahverkehr auf dem Land gibt, war sie für den Weg in die Stadt auf das Fortbewegen per Anhalter angewiesen. Sie wurde von ihrem Peiniger und Mörder, dem 65-jährigen Gheorghe Dincă mitgenommen, der sie zu seinem kleinen Anwesen verschleppte. Wie sich später herausstellte, hatte Dincă bereits im April die 18-jährige Luiza Melencu entführt, geschlagen, vergewaltigt und ermordet.

Alexandra Măceșanu ruft die Polizei um Hilfe – und wird verhöhnt

Nach den ersten Torturen sperrte Dincă Alexandra Măceșanu in ein Zimmer in seinem Haus. Dort fand sie am 25. Juli ein Prepaid-Handy Dincăs und rief den rumänischen Polizei-Notruf 112. Sie schilderte, was ihr geschehen war und beschrieb in großer Geistesgegenwart den ungefähren Ort, an dem sie festgehalten wurde, den Weg, den sie im Auto zurücklegte und ihren Peiniger. Doch am Telefon wurde sie von den Beamten verhöhnt, von oben herab behandelt und nur widerwillig hörten sie ihr zu. Einmal wurde sie sogar in die Warteschleife gelegt und zu einem anderen Beamten durchgestellt, der dann dieselben Fragen stellte, wie der Beamte vor ihm. Immer wieder brach die Verbindung ab. Doch Alexandra Măceșanu gelang es fünfmal zwischen 11:05 Uhr und 11:13 Uhr mit Beamten zu sprechen. Dass wir heute wissen, was sie sagte und was die Polizei entgegnete, liegt an einem Menschen, der die Sprach-Aufzeichnungen an den Onkel Alexandras und die Boulevard-Zeitung Libertatea weiterleitete. Bei ihrem Onkel handelt es sich um den ehemaligen Talkshow-Moderator Alexandru Cumpănașu. Auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte er eine Abschrift der Telefonate, um damit „die Verrottetheit eines mörderischen Systems und den Mut dieses außergewöhnlichen Mädchens zu belegen“. Die Audio-Mitschnitte finden sich auf Youtube und es braucht starke Nerven sie anzuhören.1 Sie enden mit den Schreien Alexandra Măceșanus „Er kommt! Er kommt!“

Eltern stellen Vermisstenanzeige und bekommen Telefonanrufe

Noch am Abend des 24. Juli begeben sich die Eltern von Alexandra Măceșanu nach Caracal zum Polizeirevier. Sie möchten dort eine Vermisstenanzeige stellen. Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist gut und da sie nicht, wie üblich, telefonisch Bescheid gegeben hat, dass sie bei ihrem Freund angekommen ist, sind die Eltern in großer Sorge. Nur widerwillig nehmen die diensthabenden Beamten schließlich die Vermisstenanzeige auf. Wie die Mutter später gegenüber den bürgerlichen Medien berichtet, erhielt sie am 25. Juli mehrere Telefonanrufe von Männern. Unter den anonymen Anrufern soll sich auch der Entführer Gheorghe Dincă befunden haben. Er teilte der Mutter mit, dass er wisse, dass ihre Tochter zur Arbeit nach England gereist sei, um dort Geld zu verdienen. Ein anderer männlicher Anrufer berichtete ihr davon, dass Alexandra nach Belgien gereist sei, um dort einen Liebhaber zu treffen und zu heiraten. In beiden Fällen ist von gezielten Falschinformationen auszugehen. Und es stellt sich die Frage, woher die Anrufer von der Vermisstenanzeige wussten, wenn nicht direkt von der Polizei.

Die Polizei ermittelt halbherzig und fragt bei einem Verbrecher-Clan nach

Schließlich setzte sich die Polizei in Bewegung und fand anhand der Beschreibung von Alexandra Măceșanu gegen 2 Uhr morgens das Haus von Gheorghe Dincă in Caracal. Anstatt nun sofort aktiv zu werden und im Haus nach der Entführten zu suchen, wartete die versammelte Polizei über vier Stunden vor dem Eingang, um auf einen Durchsuchungsbeschluss zu warten. Ein solcher wäre aber bei „Gefahr in Verzug“, die hier vorlag, nicht notwendig gewesen. Zudem kontaktierte der Vizechef der Polizei von Caracal den Chef eines örtlichen Sicherheitsdienstes, der zugleich der Kopf eines Verbrecher-Clans ist, welcher im Verdacht des Menschenhandels steht. Von diesem erhielt er drei Adressen, zu welchen Alexandra Măceșanu möglicherweise verschleppt worden wäre. Alle führten zu Angehörigen eines konkurrierenden Verbrecher-Clans. 19 Stunden nach dem Eingang der Notrufe begann die Polizei dann mit der Durchsuchung des Hauses. Sie kam zu spät. Die Beamten fanden schließlich Hinweise auf den Aufenthalt von Alexandra Măceșanu im Gebäude und einige Bündel Bargeld. Wenig später gestand Dincă, die 15-jährige vergewaltigt und ermordet zu haben. Anschließend habe er sie zerstückelt und ihre Körperteile verbrannt. Einen Teil davon vergrub er in einem nahen Wald, andere Teile fand die Polizei auf seinem Anwesen.

Keine Ortung des Notrufs – trotz Mahnung der Europäischen Union

Grundsätzlich ist die Sicherheits- und Überwachungstechnik in der Lage, per Satellit den genauen Aufenthaltsort bei einem Notruf innerhalb weniger Minuten zu bestimmen. Die 112 ist seit 1991 europaweit als zentrale Notrufnummer vergeben und Verordnungen der Europäischen Union (EU) verpflichten alle Telefonnetzbetreiber (ob Festnetz oder Mobil), den Behörden sofort Standortinformationen zur Verfügung zu stellen. In der Süddeutschen Zeitung berichtete Florian Hassel dazu: „Weil das in Rumänien nicht der Fall war, verklagte die EU-Kommission Bukarest im September 2008 vor dem Europäischen Gerichtshof. Sie zog die Klage indes Anfang 2009 zurück, als Bukarest erklärte, es könne nun alle Notrufe auch von Mobiltelefonen orten. Doch das stimmte nicht. Im rumänischen Parlament sagte Sorin Balan, Vize-Chef des Speziellen Telekommunikationsdienstes (STS), am 29. Juli, die Ortung von Notrufen sei bis heute nicht lückenlos.“

Telefonanrufe auch nach der Entführung von Luiza Melencu

Die Entführung und Ermordung von Alexandra Măceșanu und das katastrophale Verhalten der Polizei führten in Rumänien zu einer enormen Empörung in der Bevölkerung. Und auch die Medien nahmen sich der Sache an. TV-Teams kommerzieller Sender belagerten das Wohnhaus der Familie von Alexandra. Seriöse Journalisten bohrten tiefer und fanden heraus, dass es auffällige Ähnlichkeiten bei den Entführungen und Ermordungen der beiden Mädchen gab. Sie stellten fest, dass auch nach der Vermisstenanzeige von Luiza Melencu deren Familie Telefonanrufe von Männern erhielten, in denen diesen mitgeteilt wurde, dass sich ihre Tochter auf Arbeitssuche ins Ausland begeben habe bzw. zu einem Freund ins Ausland gereist sei. Auch hier müssen die Informationen aus den Kreisen der Polizei weitergegeben worden sein.

Es stinkt nach Mädchen- und Menschenhandel

Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass Mädchen und junge Frauen aus Rumänien nach West-Europa verschleppt werden, teils mit erlogenen Versprechungen auf ein materiell besseres Leben. Oftmals werden sie gezwungen, in Bordellen und Privathaushalten Männern sexuell zur Verfügung zu stehen, die den Entführern dafür Geld bezahlen, bevor sie nach einer bestimmten Zeitspanne an andere Orte verschleppt werden. Die weit verbreitete Korruption, Verantwortungs- und Gewissenlosigkeit im rumänischen Staatsapparat erleichtert diesen Menschenhandel. Korrupte Polizisten, Richter und Staatsanwälte verschleppen Ermittlungen, legen falsche Fährten, unterschlagen Beweise und geben Informationen an die kriminellen Clans weiter. Immer wieder an die Öffentlichkeit gelangende sexistische und patriarchalische Einstellungen der männlichen Staatsbediensteten tun ein weiteres, um fortwährend zu zeigen, dass sich gerade Frauen und Mädchen in einer Notsituation nicht vertrauensvoll an die Polizei wenden können. Hier gibt es keine Hilfe.

Die Polizei tötet“ – Verhalten von Regierung und Polizei sorgt für große Empörung

Das zögerliche Verhalten der Polizei, die Kontakte zu den Verbrecher-Clans und die herablassende Art und Weise, wie mit der verzweifelten Alexandra Măceșanu am Telefon umgegangen wurde, empörte große Teile der rumänischen Bevölkerung. Mütter, Frauen und Familien gingen auf die Straße. In Bukarest demonstrierten mehr als 2.500 Menschen mit den Rufen „Die Polizei tötet“. Aufgerufen hatte die feministische Bewegung und Frauenorganisationen. Linke und Anarchistinnen und Anarchisten waren ebenso ein Teil davon, als auch zahlreiche Menschen, die keiner der organisierten Gruppen angehörten. Alle versammelten sich, um ihre Wut zum Ausdruck zu bringen und die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels deutlich zu machen. Am 28. Juli kam es zu einer Demonstration vor dem Sitz des Innenministeriums in Bukarest. An das Gebäude wurde die Parole „Die Polizei tötet“ – „Poliția ucide“ gesprüht und die Verantwortlichen zum Rücktritt aufgefordert. Auf Plakaten hieß es „Sexismus tötet“ und „Die Polizei tötet“. Eltern führten ein Transparent mit sich, auf dem an die Adresse der Polizei gerichtet zu lesen stand: „Ihr Blut klebt an euren Händen“. Wie abgehoben und weit entfernt von der gesellschaftlichen Realität die politische Klasse Rumäniens ist, demonstrierte die Bildungsministerin Ecaterina Andronescu. Gegenüber der Presse sagte sie: „Junge Mädchen sollten es besser wissen und nicht in fremde Autos einsteigen“. Ganz so, als ob es in den ländlichen Gebieten Alternativen zum Trampen geben würde. Sie und der für die Polizei verantwortliche Innenminister Nicolae Moga, beide Mitglieder und Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei, wurden Ende Juli/Anfang August entlassen. Entlassen wurden weiterhin einige Polizisten aus Caracal. Einen Wandel in der Polizei und im Umgang mit Frauen und Mädchen hat es nicht gegeben und wird es dadurch nicht geben.

Alles geschilderte belegt, dass von der Polizei keine Hilfe erwartet werden kann. Sie ist bestimmt von sexistischen und patriarchalen Einstellungen und Verhaltensweisen. Auch wenn es hier und dort sicherlich Angehörige der Polizei gibt, die ihren Beruf gewählt haben, um Menschen bzw. der Bevölkerung in Not zu helfen, so sind diese in der absoluten Minderheit und konnten bei den beschriebenen Ereignissen nicht helfend eingreifen. Sexismus und Patriarchat sind zudem strukturelle Probleme innerhalb der Polizei und des Staates wie auch der Gesellschaft. Alle Erfahrungen, nicht nur mit der rumänischen Polizei, lassen überdies keinen anderen Schluss zu, als dass sich hier nichts ändern wird, welche Lippenbekenntnisse auch immer von Offiziellen vorgebracht werden. Ein Vertrauen in die Polizei kann es daher nicht geben.

Stellungnahmen aus der Frauenbewegung

Im Dezember 2019 erschien im Verlag Pagini Libere die von Veda Popovici herausgegebene Broschüre „Poliția ucide“ (Die Polizei tötet). In ihr sind Analysen und Stellungnahmen zu den Ereignissen von Caracal versammelt. Es werden darin grundsätzliche Überlegungen angestellt, die über das bestehende patriarchale System hinausgehen und daher elementar wichtig sind. Denn das bestehende System ist im Hinblick auf Gleichberechtigung und Gerechtigkeit sicherlich nicht reformierbar.

Auszüge aus dem Text Die Polizei tötet. Ein feministischer Appell für anti-repressive Solidarität von Veda Popovici (Poliția Ucide. Apel feminist pentru o solidaritate anti-represiune)

Zuerst erschienen in der Gazeta de Artă Politică vom 7. August 2019, hier wiedergegeben nach der Veröffentlichung in der Broschüre von Veda Popovici: Poliția Ucide! Practici și principii pentru o solidaritate feministă anti-represiune des Verlages Pagini Libere.

Der Text gliedert sich in verschiedene thematische Punkte, die von den konkreten Ereignissen in Caracal zu grundsätzlichen Überlegungen und Positionen reichen. Wir veröffentlichen Auszüge daraus, die aus unserer Sicht zur Analyse und den Diskussionen um zukünftige konkrete Schritte beitragen sollten. Wir haben die Nummerierung aus dem Original beibehalten.

1. Die Darstellung von Dincă als lokales Monster hilft niemandem. Die Medien porträtierten einen unmenschlichen Sadisten, der eine Ausnahme von der normalen Herrschaft des Mannes darstellen soll. Aber wenn man das ausschließlich als Abweichung von der Regel betrachtet, führt dies zu einer Vertuschung der strukturellen Natur des Problems, von den Risiken, die Mädchen und Frauen eingehen, wenn sie trampen sowie dem Verschwinden so vieler Frauen und Mädchen in Rumänien.

2. Darüber hinaus lässt die Tragödie keinen Rückschluss auf Rumänien zu. So wie Dincă nicht so besonders ist, ist Rumänien auch nicht so einzigartig: es genügt kurz auf die westliche Presse zu schauen und Hunderte von Fällen in den letzten Jahren zu sehen. Rund um den Globus sind Fälle von Gräueltaten und Gewalt schwer zu verstehen und zu verarbeiten. In dieser globalen Landschaft hat die Vorstellung, dass jede Art von Gewalt in Rumänien ein Beweis für den Mangel an Zivilisation ist, keinen Platz.

3. Die Polizei hat es (die Suche nach Alexandra, Anm. BUNĂ) nicht vermasselt. Dieses Vorgehen ist normal. Polizeieinrichtungen und die Gendarmerie sind Strukturen, die eine missbräuchliche Machokultur pflegen und reproduzieren. Die Formen der Männlichkeit (sie sind nicht alle gleich), produzieren konsequent Gewalt und Privilegien, die auf dieser Gewalt beruhen. Dieses bezeichnen wir als toxische Männlichkeit. Toxische Männlichkeit schwebt nicht leicht und einfach abgehoben durch die Luft. Sie wird gelernt, vertieft und aufrechterhalten. Zuerst lernen sie es als Kinder, dann wird es als Teenager und Jugendliche vertieft und gelangt so in die verschiedenen sozialen Strukturen und Institutionen wie jenen von Polizei und Gendarmerie.

4. Die Polizei tötet. Die Gendarmerie tötet. Dies reicht von Menschen, die auf Polizeistationen getötet wurden, wie Daniel Dumitrache bis zum ständigen Missbrauch von

Sexarbeiterinnen durch Polizei und Gendarmen. Die Polizei tötet. Die von den Polizisten an den Tag gelegte anzügliche Art und Weise und die Ignoranz beim Anruf von Alexandra, zeigt die zutiefst sexistische und rassistische Funktionsweise der Institution. Als Feministinnen funktionieren unsere Praktiken und ideologischen Überzeugungen am besten, wenn sie dies in Überschneidungen mit anderen Kämpfen und in Solidarität tun. Wenn wir an einen intersektionellen Feminismus denken, sei er antikapitalistisch, de-kolonial, antirassistisch oder queer, gibt uns dieser Feminismus, der mit anderen radikalen Positionen verflochten ist, die Perspektive einer Kritik an der Dimension der repressiven und staatlichen Überwachung.

5. Die Komplizenschaft der Polizei mit anderen Strukturen des Missbrauchs und der Ausbeutung ist real. Alexandras Verschwinden brachte die Bedeutung des Menschenhandels in Rumänien in aller Schärfe wieder auf die öffentliche Tagesordnung. Mehr noch hat es gezeigt, wie dafür die Mitarbeit der Polizei und Behörden erforderlich ist und von statten geht. Sei es die lokale Polizeistation, das Kommissariat oder der Zoll; die Entführung und der Transport von Dutzenden von Frauen über die Grenzen hinaus kann ohne die Beteiligung dieser Institutionen nicht möglich sein.

6. Gegen die Zunahme der Anzahl von Polizisten und das Ausweiten repressiver Aktionen. Mehr Polizei hilft nicht. Im Gegenteil. Die Antikorruptionsbewegung und ihre rechte Perspektive, die eine intensivere Überwachung und die Bestrafung von Kriminellen einfordert, veränderte den Diskurs grundlegend in die Richtung von Gesetzen und Polizeistaat. Auch wenn es zunächst um korrupte Politiker ging und die Art und Weise, wie diese das System manipulieren um sich zu entziehen, kann sich ihr Ansatz schnell über die gesamte rumänische Gesellschaft erstrecken, von klein bis groß.

8. Bestrafung ist nicht die Lösung. Ein Gefängnisfeminismus (im Original: Feminismul carceral) hat den Kampf für wirksamere Formen der Überwachung, Strafverfolgung und Inhaftierung als Grundlage. Er verlangt härtere Bestrafungen und sogar die chemische Kastration. Die Geschichte lehrt uns, dass dieser Feminismus, wenn er umgesetzt wird, an der Erweiterung des Gefängnissystems mitschuldig ist. In vielen westlichen Staaten, wo dies geschehen ist, führt dieses System nicht zu mehr Sicherheit für die Bevölkerung, sondern zur Inhaftierung hunderttausender unschuldiger Menschen, zerstört Gemeinschaften und liefert ultra-billige Arbeitskräfte an Unternehmen.

9. Keine „bessere“ Professionalisierung repressiver Institutionen wird uns helfen. Der professionelle Polizist ist ein Mythos aus Hollywood. All diese feinen Mittel, Sensible und intelligente Beamte in amerikanischen Filmen und Serien, haben nichts mit der Realität zu tun. Die Menschen werden mit Autorität und Gewalt erzogen, mit Missbrauch und Macht. Sie werden sich nicht nach einigen Kursen auf wundersame Weise in CSI-Helden verwandeln.

10. Gegen den Ausnahmezustand. Ab dem ersten Tag von Alexandras verschwinden, haben die Behörden versucht, das Ereignis zu ihrem Vorteil zu manipulieren. Besorgniserregend sind die erbärmlichen Versuche einen Zustand der Überreaktion und des Skandals zu erzeugen, eines emotionalen und ideologischen Chaos, um Wählerstimmen zu sammeln und die wirklichen Handlungen der Regierung zu maskieren. Wut und Empörung, können richtig adressiert zu sozialem Wandel und radikaler politischer Organisation führen – die Agitation von Regierung und Medien hingegen dienen eher der Aufrechterhaltung eines Schockzustands. Doch eine Therapie gegen einen sozialen oder wirtschaftlichen Schock bedeutet oft eine intensivere Verschärfung von Überwachung und Kontrolle.

11. #ACAB-feminist (Das feministische ACAB). Keine ideologische Vision kann für sich alleine stehen, ohne andere Positionen einzubeziehen. Anders ausgedrückt existiert beispielsweise ein reiner Antikapitalismus nicht. Er ist immer mit anderen ideologischen oder praktischen Positionen verflochten. Das selbe gilt für den Feminismus: Wir können nicht nur schlicht und einfach gegen das Patriarchat und eine Geschlechterhierarchie kämpfen, sondern wir werden Verbindungen eingehen und Solidarität. Aus meiner Sicht gehören zu diesen Kämpfen, an denen wir uns in feministischer Solidarität beteiligen sollten, die Bereiche Antirassismus, der Kampf für Wohnungsgerechtigkeit (Recht auf Wohnen, Anm. BUNĂ), Antikapitalismus.

12. Solidarität statt Bestrafung. Als AktivistInnen wissen wir sehr gut, dass wir sehr begrenzte Energien und Ressourcen haben. Taktisch können wir entscheiden, dass es sich lohnt mit dem Innenministerium zu verhandeln, welches Polizisten ausbildet, Strafen für sexuelle Belästigungen verhängt und Fußfesseln einführt. Mein Anliegen ist, uns zu fragen: Lohnt sich das, Energie und Zeit in diese Taktik zu investieren? Sollten wir diese nicht vielmehr in den Aufbau von Solidaritätsnetzwerken, antisexistischen und antirassistischen Bildungsprogrammen und straken Gemeinschaften gegenseitiger Hilfe investieren?

Die rumänische Broschüre findet sich unter dem folgenden Link als PDF:https://pagini-libere.ro/politia-ucide-veda-popovici/

Wem dient der Staat?

Seit Generationen wird uns erzählt, dass der Staat zum Schutz der Bevölkerung da sei, dass vor dem Gesetz alle gleich wären und ein geregeltes Leben ohne Staat nicht möglich sei. Doch halten wir fest: Der Staat war nicht zum Schutz von Alexandra Măceșanu da. Anstatt ihr als Bürgerin zu helfen, wurde sie verhöhnt, da die Beamten, die „Staatsbürger in Uniform“, sich ihr als Mädchen überlegen fühlten. Nichts ist zudem vernünftig geregelt, wenn hunderttausende Menschen in einem Land zum alltäglichen weiterkommen auf das Trampen angewiesen sind, da in vielen Regionen kein vernünftiger Personennahverkehr existiert. Dieses Problem ist seit vielen Jahren bekannt. Tatsache ist, dass fast alle Politiker und Bosse dicke und teure Autos fahren. Sie brauchen keine Maxi-Taxis oder nahezu schrottreife Nahverkehrszüge. Es interessiert sie daher schlicht und ergreifend nicht, welchen Situationen sich viele Menschen täglich ausgesetzt sehen. Und wird doch etwas Konkretes angegangen, dann schlagen oft korrupte Firmen zu, zögern Projekte ins unendliche hinaus oder manipulieren an der Qualität des Vorhabens durch schlechte Baumaterialien oder dem Weglassen von Leistungen, um sich zu bereichern. Der Bau der Autobahnen in Rumänien ist dafür ein Paradebeispiel. Für was zahlen wir arbeitenden Menschen also Steuern von den zu geringen Löhnen und den zu teuren Lebensmitteln an den Staat? Für was gibt es eine – in Rumänien zeitweise durchaus engagierte – Korruptionsbekämpfung, wenn den überführten korrupten Politikern, Klerikern und Unternehmern doch nur wieder neue korrupte Politiker, Kleriker und Unternehmer folgen? Wenn sich also alles im Kreis dreht und es keine ernsthafte Veränderung zum Besseren gibt?

Think outside the box: Eine andere Geisteshaltung und Gesellschaftsordnung sind nötig

Als Menschen leben wir nur einmal. Unser aller Anspruch sollte sein, dieses Leben in Würde und Selbstbestimmung, mit einem gesicherten materiellen Auskommen, ohne Existenz- und Zukunftsängste, in einer solidarischen Gesellschaft frei gestalten zu können. Diese Ansprüche kann die bestehende kapitalistische und staatlich organisierte Gesellschaft nicht erfüllen. Zentrale Elemente des Kapitalismus sind Ausbeutung, Konkurrenz, Klassengesellschaft und damit Ungleichheit und permanent erneuerte Ungerechtigkeiten. Der Kapitalismus bietet nur wenigen Menschen auf dieser Erde einen Nutzen. Der Staat dient zu größten Teilen nicht dem Allgemeinwohl der Menschen, sondern einer eigenen Kaste und den großen Unternehmern und Konzernen. Zudem spaltet das patriarchale Denken sowie patriarchalische gesellschaftliche Strukturen Männer und Frauen, indem es Frauen als nachrangig und minderwertig betrachtet, ausbeutet und benutzt. Wenn wir dies erkennen, dann sollten wir nicht resignieren sondern uns mit Alternativen auseinandersetzen. Kein bestehendes System, erscheint es noch so stark und verwurzelt, ist für die Ewigkeit gemacht. Ich kann nur die Auseinandersetzung mit anarchistischen und syndikalistischen Grundsätzen und Gesellschaftsvorstellungen empfehlen. Diese sind nach meinem Dafürhalten vernünftig, logisch und praktikabel. Sie erfordern für ihre Umsetzung eigene basis-demokratische Mitarbeit und garantieren dadurch die gesellschaftliche Mitbestimmung und Vielfalt.

In einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der alles für alle vorhanden ist und gerecht produziert und verteilt wird, hat Korruption und Bereicherung keinen Sinn. Zudem bestimmen alle Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung und jeder Ethnie über alle wesentlichen, die gesamte Gesellschaft und die sie betreffenden Entscheidungen mit. Ein föderalistisches System wird an Stelle des zentralistischen Staatswesens treten. Wie diese freien Gesellschaften im Einzelnen aussehen können, ob sie auf Syndikaten (Gewerkschaften), Räten oder auf Stadt- und Gemeindeebene beruhen, oder einer Mischung aus allem, das wird sich im konkreten Alltag herausstellen. Doch auch in einer freien Gesellschaft wird es zu sexueller Gewalt, zu Vergewaltigungen und Morden kommen. Die Frage ist, was in ihr mit Vergewaltigern, Sadisten und patriarchalischen Mördern geschehen würde. Meiner Auffassung nach muss eine anarchistische Gesellschaft auch einen Blick auf den notwendigen Schutz und die Sicherheit gegenüber jeder Form von unterdrückerischer, diskriminierender und sexistischer Gewalt haben. Wenn Gleichheit und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern eine elementare Grundlage der freien Gesellschaft sind, dann muss sie auch einen angemessenen Umgang mit Menschen, vornehmlich sicherlich Männern, finden, die diese Grundlagen nicht respektieren und übergriffig, entwürdigend und gewalttätig handeln. Eine freie Gesellschaft wird nur dann zukunftsfähig sein, wenn sich die Menschen dort auch sicher fühlen können. Die Ellenbogenmentalität, dass „alle gegen alle“ und Überlegenheitsgefühle sind Ausdruck tradierter kapitalistischer und patriarchaler Prägung und Ideologie. Diese zu beenden, bedarf der Selbstreflexion und Einsicht. Wenn diese nicht einsetzt, dann muss eine herrschaftsfreie Gesellschaft auch im Stande sein, Gewalttäter und Vergewaltiger auszuschließen, um sich vor ihnen zu schützen.

Was kann heute getan werden?

Doch zurück zu den konkreten Ereignissen von heute. Was kann heute getan werden? Wie kann Menschen und konkret Frauen und Mädchen in Not beigestanden werden, was kann zu ihrer Rettung getan werden, wenn die staatlichen Behörden desinteressiert und voller Verachtung sind, sie also keine Hilfe erbringen? Welche Dinge sind zu bedenken? Mit was muss gerechnet werden?

Hierbei sind alle aufgefordert, solidarisch mitzudenken und mitzutun, um selbstorganisierte und solidarische Möglichkeiten zu entwickeln. Folgend einige Gedankenfragmente.

! In vielen Ländern existieren Notruftelefone für misshandelte und vergewaltigte Frauen und Mädchen. Im besten Fall könnten Notruftelefone, die mit einer solidarischen Struktur verbunden sind, Menschen aus Notsituationen befreien, anstatt die Notrufe an untätige staatliche Behörden weiterzuleiten und die Initiative an diese zu delegieren. Im antifaschistischen Bereich in Deutschland existieren solche selbstorganisierten Strukturen schon seit Jahrzehnten. Sie haben sich beim Kampf gegen faschistische Aktivitäten, öffentliche Aufmärsche und Angriffe gegen antifaschistische Objekte und Menschen bewährt. Ob eine solche Struktur in Rumänien möglich wäre, ist eine offene Frage. Grundsätzlich ist dabei zu bedenken, dass in der Telekommunikation kapitalistische oder staatliche Telefongesellschaften die Macht haben, Anrufe zu sabotieren, also die Kommunikation zu unterbinden. Eine entsprechende zentrale Rufnummer müsste weit verbreitet werden und eine entsprechende solidarische und aktive Struktur bestehen, die handeln kann. Weiterhin würde bei erfolgreichen Aktionen durch solch eine solidarische Struktur das sog. „Gewaltmonopol des Staates“ aufgehoben. Dem Staat würde dies sicher nicht gefallen und er würde in den kapitalistischen Medien gegen diese Struktur agitieren. Die besseren Argumente hätten allerdings die Menschen, die selbstlos und solidarisch Menschen in Not zur Unterstützung kommen. Der Unwillen und die Unfähigkeit des Staates und der Polizei sind schließlich die auslösenden Faktoren dafür, dass sich eben diese Gedanken gemacht werden.

! Menschenhändler und Vergewaltiger sind gewalttätige skrupellose Verbrecher und verlangen die Unterwerfung unter ihren Willen. Bei solidarischen Aktionen zur Unterstützung oder Befreiung entführter oder misshandelter Menschen muss deshalb mit der Anwendung von roher Gewalt durch diese gerechnet werden. Eine solidarische Struktur müsste sich dieser Tatsache bewusst sein und eine effektive und realistische Lösung dafür finden. Mit Gesprächen und purer Präsenz solidarischer Menschen Entführern und Mafia-Clans gegenüber wird sich sicherlich nur selten das beabsichtige Ziel erreichen lassen. Eine wehrhafte Grundeinstellung, verbunden mit Kampfsportkenntnissen, ist hier sicherlich angebracht. Dennoch können und wollen nicht alle Menschen sich im Kampfsport üben. Also sind hier weitere Mittel zu überlegen. Generell kann auch hier von der militanten antifaschistischen Bewegung gelernt werden.

! Rückzugs- und Erholungsräume für traumatisierte Menschen müssten geschaffen und unterhalten werden. Eine solidarische Begleitung müsste für diese Menschen ebenso vorhanden sein, wie therapeutische Gesprächsangebote bei Bedarf. In vielen Fällen findet sexuelle Gewalt im Bekannten- und Familienkreis statt. Es ist wichtig, dass Familien und Bekanntenkreise, die diese sexuelle Gewalt geduldet haben, keinen Einfluss mehr auf die von dieser Gewalt betroffenen Menschen ausüben können.

! Emanzipatorische Bestrebungen und die Gleichberechtigung aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen müssen vorangebracht werden. In der Öffentlichkeit, in den Betrieben und Universitäten muss immer und immer wieder für die Gleichberechtigung der Geschlechter und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen eingetreten werden. Tradierten und wieder modern gewordenen religiösen, konservativen und faschistischen Vorstellungen müssen die Vorstellungen von Gleichheit, Gleichberechtigung, Freiheit und Selbstbestimmung entgegengesetzt werden. Wie Menschen und Liebende miteinander zusammenleben möchten, liegt gänzlich in deren Freiheit und Übereinkunft. Niemand hat sich darin einzumischen und Vorschriften zu machen.

! Über das bestehende System hinausdenken und eine neue freie Gesellschaft aktiv anstreben ist notwendig. Das kapitalistisch-patriarchale-staatliche System zeigt an allen Ecken und Enden, dass es selbst der Verursacher zahlreicher elementarer Probleme ist, die es ohne es gar nicht geben würde. Armut, Erwerbslosigkeit, Niedriglöhne, staatliche Überwachung, Bürokratie und Korruption, die Massenmigration von Arbeiter:inne aus Osteuropa in westliche Länder, Strukturmängel in Stadt und Land und vieles mehr zeigen den Unwillen und die Unfähigkeit des Staates, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Anarchistische und anarcho-syndikalistische Ideen sind konstruktiv und die Geschichte der internationalen anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Bewegung ist reich an vielfältigen Erfahrungen konkreter Ansätze und selbstorganisierter Initiativen auf kommunaler, landesweiter und internationaler Ebene. Heute gibt es viele praktische Initiativen und konkrete Kämpfe. Von vergangenem und aktuellem gilt es zu lernen, um Fehler zu vermeiden und positive Erfahrungen für heute anwendbar zu machen um schlussendlich erfolgreich zu sein. Neues sollte ausprobiert werden. Kämpfende in den Betrieben, im sozialen Bereich, in der unabhängigen Frauenbewegung, in der anarchistischen, syndikalistischen und antifaschistischen Bewegung müssen zusammenwirken.

All das hier ausgeführte kann man nicht herbeischreiben. Doch die benannten Veränderungen und Anstrengungen sind erforderlich, wenn sich wirklich etwas grundlegendes ändern soll. Wer soll sich für eine würdevolle und gerechte Gesellschaft einsetzen, wenn nicht wir selbst? Die Polizei, die Politik und die Orthodoxe Kirche sind ohne jede Empathie, jedes Gewissen und Interesse daran. Die Polizei hat Alexandra Măceșanu sterben lassen. Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, wird es immer wieder zu den schrecklichen Ereignissen wie in Caracal kommen. Dann wird es wieder tote Frauen und Leid geben, „Polizeiversagen“ und die Krokodilstränen der Herrschenden in den sensationsgeilen bürgerlich-kapitalistischen Medien. Es ist so: Um uns selbst müssen wir uns selbst kümmern. Immer und jetzt.

1 https://www.youtube.com/watch?v=26Bn15HXYQo

Dieser Artikel ist mit zusätzlichen Informationen erschienen in BUNĂ #8