Kampf um Würde und Lohn

Ein wichtiges Buch zum Kampf der migrantischen Arbeiter der „Mall of Shame“ in Berlin

Von Martin Veith

2014 begann in Berlin ein Arbeitskampf migrantischer Bauarbeiter aus Rumänien, die meisten davon Roma. Olga Schell und Hendrik Lackus dokumentieren mit ihrem Buch „Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn“ diesen selbstorganisierten und von der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union unterstützten langwierigen und schwierigen Kampf. Die beiden HerausgeberInnen haben diesen von Anfang an unterstützt. In der Einleitung fassen sie zusammen: „Der 2014 von den Bauarbeitern begonnene Kampf richtete sich gegen die Arroganz und Ignoranz, mit der Wanderarbeiter*innen und prekär lebende, migrantische Arbeitskräfte im wohlhabenden Deutschland ausgebeutet werden. Mit ihrem Protest machten die kämpferischen Arbeiter die Ausbeutungspraktiken auf (deutschen) Baustellen sichtbar. Sie durchkreuzten rassistische Stereotype von bettelnden Roma und die Debatte um die drohende Armutseinwanderung aus Südosteuropa. Es ging ihnen in ihrem Kampf nicht nur um den Lohn, sondern auch um ihre Würde und Identität! Fast alle am Protest beteiligten Arbeiter waren das erste Mal nach Deutschland zum Arbeiten gekommen. Der Ruf zur Baustelle am Leipziger Platz in Berlin hatte sie über informelle, familiäre Kanäle erreicht. Sie und ihre zurückgelassenen Familien hatten einen Arbeitsvertrag und einen festen Stundenlohn erwartet. Stattdessen erhielten sie zunächst geringe Lohnzahlungen und wurden dann komplett um ihren Lohn geprellt.“

Das Buch beinhaltet eine beeindruckende Sammlung von Berichten und Eindrücken zu diesem Kampf. Ein Kapitel fasst die Chronologie der Ereignisse von Juli 2014 bis zum Oktober 2019 zusammen. Eine der Stärken liegt darin, dass die Arbeiter und ihre UnterstützerInnen selbst zu Wort kommen und bis in die letzten Details über ihre Erfahrungen berichten. Die in manchen Kapiteln verwendete Form des Interviews macht Zusammenhänge und Entscheidungsprozesse besonders deutlich. Schwierigkeiten, darunter sprachliche Verständigungsprobleme, werden ebenso benannt, wie die Herausforderungen, die sich der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft in Bezug auf die Solidarität mit den Arbeitern als auch in der Auseinandersetzung mit plötzlich insolventen Firmen und Gesellschaftskonstrukten stellten. Die „Insolvenz als Strategie“ von Kapitalisten wird erörtert. Alle InterviewpartnerInnen, Arbeiter, FAU-GewerkschafterInnen und UnterstützerInnen sind offen, ehrlich und berichten über ihre Eindrücke, Erfahrungen und die Anforderungen, die der Arbeitskampf auch für das persönliche Leben und den Alltag bedeuteten. Klassenkampf und Solidarität kennen eben keine Regelarbeitszeit. Eine Basisgewerkschaft, dies wird deutlich, agiert eben umfassender und mit weit tieferem Einblick in das menschliche Dasein und die menschlichen Nöte als bezahlte Berufsfunktionäre aus sozialpartnerschaftlichen Verbänden an ihren Schreibtischen. Während eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft die Klassen-Solidarität über Berufsgrenzen hinaus propagiert und praktiziert, und dabei selbstverständlich migrantische und illegalisierte ArbeiterInnen miteinbezieht, ist dies bei den DGB-Gewerkschaften die Ausnahme. Sie verharren in der Regel bei juristischen Auseinandersetzungen und beziehen die Öffentlichkeit nicht ein. Anders als die FAU Berlin. Diese brachte das Unrecht mit der Kampagne „Bezahlt die Arbeiter der Mall of Shame“ in die Öffentlichkeit der Stadt (und darüber hinaus) und führte Demonstrationen durch.

Einblicke in Unternehmen und Recht

In einem Kapitel wird sich den am Bau der „Mall of Berlin“ beteiligten Unternehmen angenommen. Als Bauherren fungierten die HGHI Leipziger Platz GmbH und die HGHI LP 125 Gmbh. Generalunternehmer war die Frettchenhauer Controlling & Logistic GmbH. Frettchenhauer beauftragte mehr als 100 Subunternehmen für den Bau des Einkaufszentrums, darunter die Openmallmaster GmbH und die Metatec-Fundus Gmbh & Co. KG. Alle drei Unternehmen meldeten vor der Auszahlung der Löhne Insolvenz an, bzw. gelten im Fall von Openmallmaster, als „inaktiv“. Der juristische Weg, den die FAU Berlin ebenfalls zur Einklagung der Löhne betrieben hatte, war letztendlich zwar juristisch erfolgreich. Aufgrund der Insolvenzen erhielten die Arbeiter aber dennoch kein Geld. Der Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht Klaus Stähle, der die FAU und die Arbeiter unterstützte, informiert in zwei Beiträgen fundiert zum Hintergrundwissen über Insolvenzen und „weshalb Investoren für die Verpflichtungen ihrer Firmen meist nicht gerade stehen müssen“ sowie zum Thema „Rumänische Wanderarbeiter und das deutsche Arbeitsrecht“. Passend dazu findet sich über dem Beitrag in kursiver Schrift hervorgehoben die Tatsache: „Recht ist Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse!“

Offene Schlussbemerkungen

Die Berliner FAU setzte bei ihrem Kampf um die Würde und Rechte der Arbeiter der Mall of Shame auf den „legalen Weg“, sprich Demonstrationen, Öffentlichkeit, Schriftverkehr und juristischen Rechtsstreit. Nicht jedoch auf die dem Syndikalismus eigenen Mittel der „direkten Aktionen“, wie beispielsweise Besetzungen oder proletarischem Lohneinholen. Der Phantasie sollten im Klassenkampf keine Grenzen gesetzt sein. Diese eindeutige Entscheidung zulasten kreativer und für die Gegenseite unberechenbarer Aktionen wurde von Anfang an auch von einigen Anarcho-SyndikalistInnen in- und außerhalb der FAU kritisiert. In ihren Schlussbemerkungen greifen die AutorInnen diese auf und analysieren sie aufgrund ihrer in der jahrelangen Praxis gemachten Erfahrungen. Es ist eine der Schlüsselstellen im vorliegenden Buch, weshalb aus diesem Resümee umfassender zitiert werden soll. Die AutorInnen schreiben: „Die Fortsetzung des Konflikts auf juristischer Ebene (…) führte nicht zur ersehnten Gerechtigkeit. Besonders im Verfahren vor dem Bundesarbeitsgericht war der Begriff der Klassenjustiz erlebbar. In den juristischen Verfahren und Spitzfindigkeiten kamen die Lebensrealitäten der Arbeiter und ihre Interessen nicht mehr vor. Sie wurden unsichtbar. Nachträglich ist für uns festzustellen, dass in dem Wust von Schriftsätzen, Anträgen und Nachweisen weitere Handlungsoptionen aus dem Blickfeld verschwanden. (…) In der Rückschau bleibt die Frage bestehen, ob der außergerichtliche Weg den Arbeitern eher Geld und Gerechtigkeit gebracht hätte. (…) Die in die Justiz gesetzten Hoffnungen und Energien hätten vielleicht weiter auf Proteste und Aktionen und in die Unterstützung bei der Suche nach gesicherten Arbeits- und Lebensverhältnissen fließen sollen. (..) Die Ansätze blieben in ihren Anfängen stecken, auch weil mit dem Einschlagen der juristischen, die außergerichtliche Ebene automatisch verlassen und die Urteile abgewartet wurden.“

Es folgt eine Betrachtung der Bedeutung des Kampfes für die FAU Berlin, für die Gesamt-Organisation und die kämpfenden migrantischen Arbeiter und ihre Familien. Die FAU hat durch ihre Hartnäckigkeit und Solidarität viel Unterstützung erfahren, ist in der Öffentlichkeit bekannter geworden und hat neue Mitglieder gewonnen. Sie beleuchten die Intention zum Kampf der rumänischen Arbeiter, die sich nicht aufgrund der politischen Ansichten der FAU anschlossen, sondern schlicht, weil „die Leute von der FAU die einzigen waren, die sich fanden“. Ihnen, den Rumänen und Roma ging es um „Anerkennung und Würde“. „Eindrücklich war für uns, dass viele der beteiligten Arbeiter der Mall of Shame in den späteren Interviews äußerten, dass sie die Zeit rückblickend als verlorene Zeit betrachteten. Elvis (einer derkämpfenden Arbeiter, Anm. M.V.) spricht von einem Gefühl der Erniedrigung.“ Analysiert und reflektiert werden die Hürden für MigrantInnen, die sich am konkreten Beispiel mit der FAU Berlin und den ihnen fremden Strukturen vertraut machen mussten. Referiert werden die Ansichten Angehöriger migrantischer Selbst-Organisationen in Deutschland, die sich bewusst nicht in der FAU organisieren würden, um „ihre Flexibilität zu behalten“. Es ist den beiden AutorInnen zuzustimmen, wenn sie schlussfolgern: „Es ist eine große Herausforderung, trotz unterschiedlicher Ausgangslagen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Unserer Meinung nach kann es diese Gemeinsamkeit in Kämpfen jedoch nur geben, wenn bestehende Unterschiede wahrgenommen und die jeweils spezifischen Ausgangsbedingungen und Lebensrealitäten der Beteiligten berücksichtigt und in einem wechselseitigen Aushandlungsprozess verstanden werden.“

Im weiteren analysieren sie die Perspektiven von Arbeitskämpfen in und außerhalb von Gewerkschaften. Sie gehen dabei sowohl auf WanderarbeiterInnen ein als auch auf migrantische Gemeinschaften. Eine elementare Fragestellung dabei lautet: „Wo befinden sich Machtpotenziale und (kollektive) Eingriffsmöglichkeiten, wenn die Beschäftigungsverhältnisse überwiegend so organisiert sind, dass eine längerfristige Teilhabe am Produktionsprozess nicht gegeben ist und deshalb mit angedrohter Arbeitsverweigerung kein Druck aufgebaut werden kann?“

Zum denken und handeln

„Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn“ ist eine der wertvollsten aktuellen Veröffentlichungen über selbstorganisierte Arbeits- und Klassenkämpfe. Es ist vollgepackt mit Erfahrungen, die von den Kämpfenden selbst transparent gemacht werden. Es ist dabei keine leichte Kost, sondern stellenweise anstrengend. Doch jedesmal gibt es einen Erkenntnisgewinn. Der Leser und die Leserin spüren die Konflikte und den Willen der Engagierten. Das ist nicht nur ehrlich, es ist unabdingbar für das vermitteln dieser Erfahrungen. Es ist ein Buch, das von jedem gelesen werden sollte, der sich für den aktuellen Anarcho-Syndikalismus und die Praxis solidarischer Arbeitskämpfe interessiert.

Hendrik Lackus & Olga Schell (Hg.)

Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn. Rückblicke, Hintergründe und Ausblicke

Verlag die Buchmacherei

ISBN 978-3-9822036-6-9

200 Seiten, 12 Euro

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #9