„Die Luft war drückend in Cluj“

Im Gespräch mit Christian Asbach und Käptn Rummelsnuff

Interview Martin Veith


Christian Asbach, Käptn Rummelsnuff und Bernd Butz am 20. August 2021 in Bremen. Foto: Martin Veith

Mit derber Strommusik und ausdrucksvollem Gesang ziehen seit einigen Jahren die Sänger, Musiker und Komponisten Christian Asbach und Käptn Rummelsnuff durch die Lande. Bei Konzerten und bei einigen Stücken werden sie dabei manchmal von weiteren Musikern und Sängern unterstützt. Das musikalische Repertoire ist dabei so vielfältig wie das Leben. Ernste Lieder wechseln sich mit besinnlichen und lustigen Stücken ab. Beide Männer sind zudem aktive Kraftsportler und „pumpen“ mit Gewichten. Diese Leidenschaft findet sich in einigen Liedtexten wider und zeigt sich zudem in zahlreichen Videoclips. Angeregt durch ihr großartiges Stück „Salutare“ wurden wir auf die Beziehung der beiden zu Rumänien aufmerksam und sprachen mit ihnen über ihre Eindrücke, Erfahrungen und Beziehungen dorthin, sowie über ihre Musik, die in der Redaktion der BUNĂ leidenschaftlich gern gehört wird.

BUNĂ: Lieber Rummelsnuff. Du bist in der DDR aufgewachsen und hast dort angefangen Musik zu machen. In einem Interview aus dem Jahr 2012 hast du berichtet, dass du im Alter von zwanzig Jahren und damit noch zu DDR-Zeiten nach Rumänien gefahren bist. Da herrschte noch Nicolai Ceaușescu und für die einheimische Bevölkerung mangelte es an vielem. Was waren deine Eindrücke dort? Du hast von einem „merkwürdigen Land damals“ gesprochen. Wo warst du? Und bist du seit damals einmal wieder dort gewesen? Verfolgst du heute noch, was in Rumänien geschieht?

Käptn Rummelsnuff: Wir Buben aus Großenhain und Umgebung sind in den Achtzigern soviel wie möglich verreist. Rumänien stand öfter mal auf der Liste. Ein Visum war relativ einfach zu bekommen.  Zuletzt waren wir 1989 zu viert im Trabant in Oradea, wo einer der Kumpels zuvor ein ungarischrumänisches Fräulein kennengelernt hatte. Wir kamen mit reichlich Proviant an. Die Freundin des Kumpels und ihre Freunde von beiderlei Nationalität, nämlich Rumänen und Ungarn, übernahmen dann das Verticken der heißen Ware, die da war: Pfeffer, Kaugummi, Menthol Zigaretten, diverse weitere Dinge des täglichen Bedarfs. Auf den Märkten herrschte größter Andrang, selbst Kinder winkten mit dicken Leibündeln. Von dem Geld wurde vorzüglichster Wein in großen Mengen erstanden, Weißbrot und ein paar weitere Lebensmittel. Viel von Letzterem hatte der Diktator seinem Volke und uns, seinen Gästen, nicht übrig gelassen. Aber wieviel braucht man schon, wenn man jung ist … Mit dem vorzüglichen Wein und den Lebensmitteln fuhr dann unsere bunt gemischte Truppe aus drei Nationalitäten in mindestens vier Sprachen heiter kommunizierend hinauf in die Berge. Leider hatte sich seitdem keine weitere Gelegenheit zum Besuch dieses schönen Landes ergeben.

BUNĂ: Als Käptn hast du seit ein paar Jahren den Maat Christian Asbach an deiner Seite. Er ist ein großartiger Sänger und bereichert deine Musik in wirklich vielfältiger Weise. 2014 habt ihr das Gedicht des rumänischen Poeten Vasile Alecsandri „Primavară” („Frühling“) vertont. Wir haben dazu damals geschrieben: „Generationen von Schülerinnen und Schülern in Rumänien wurden mit dessen Zeilen gefoltert und mussten die Verse auswendig lernen. Wieviel schöner ist es da, einen Teil der Verse nun in Form von Rummelsnuffs elektronischer Strommusik und gesungen von Christian Asbach zu Gehör zu bekommen“. Maat Asbach singt in einem so feinen und gefühlvollen Rumänisch, dass einem das Herz erweicht. Wie seid ihr auf dieses Stück gekommen? Und gibt es Überlegungen weitere rumänische Gedichte oder Verse zu vertonen?

Käptn Rummelsnuff: Der Maat schlug dem Käpt’n dieses Gedicht, das er bei seinem Studium in Rumänien aufgeschnappt hatte, zur Vertonung vor. Welch melodische Sprache. Sofort erblühte die Inspiration diese Sprachmelodie in eine musikalische zu verpacken. Wenig später entschieden wir uns auf einer Kalifornienreise spontan für die Verfilmung dieses Liedes von Rummelsnuff, Asbach und Alecsandri, und zwar in der liebevoll geremixten Version der Florenzer Kollegen Pankow. Gern würde der Käpt’n wieder mal mit dieser Sprache „operieren“. Bittet Ihr mal den Maat um neue Lyrik? Er versteht immer noch sehr gut Rumänisch.

BUNĂ: Lieber Christian Asbach; wie Käptn Rummelsnuff uns eben mitgeteilt hat, hast du in Rumänien studiert. Das ist spannend. Wann und wo war das und was hast du studiert? Was waren deine Eindrücke von Rumänien? Und hast du das Land mal wieder besucht?

Christian Asbach: Seit 1996 hatte ich in Leipzig Kulturwissenschaften studiert, und ’98 wurde es langsam Zeit für das obligate Auslandsjahr. Die meisten Studenten gingen nach Indien oder in die USA, mir schien Rumänien viel spannender. Räumlich viel näher, in der Wahrnehmung viel weiter als die „üblichen Verdächtigen“, und durch die Präsenz der finsteren Dämonen Dracula und Ceaușescu sowohl in der Fiktion als auch in der Historie düster umhüllt. Außerdem hatte ich bei Professor Geier ein hervorragendes Seminar über „Kulturgeschichte Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas“ besucht, und kannte die groben historisch-politischen Zusammenhänge in der Region bis zum Schwarzen Meer.

Zunächst bin ich in den Semesterferien ohne Routen- und Zeitplan durch das Land gereist, per CFR (der Eisenbahn, Anm. BUNĂ) und Autostop. Einmal langsam von Oradea bis Constanța, und als ich dann wusste, dass ich mein Studienjahr hier gern absolvieren wollte, habe ich in Brașov drei Wochen lang in einem Monteursquartier gelebt, und täglich bei einer lokalen Romanistin die Sprache in den Grundzügen gelernt. Zum Glück bot die Uni Leipzig auch sehr solide Rumänischkurse an, daher kam ich dann ein Jahr später sprachlich gut gerüstet ins Land.

Örtlich fand ich Cluj-Napoca am interessantesten, aufgrund der vielfachen Ähnlichkeiten mit Leipzig. Fachlich habe ich mich für die neugegründete Facultatea de Studii Europene an der Universitatea Babeș-Bolyai entschieden – ein dynamisches „start-up“ mit Räumen im grandiosen Gebäude der Casa Universitarilor (über die ich als Kunsthistoriker auch eine große Materialsammlung angelegt hab). Gelebt hab ich von einem Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und der rumänischen Regierung, damit gab es ein Bett im Ausländerwohnheim, und eine Cetatenie temporeana, ich war also rumänischer Staatsbürger.

Mein Forschungsfeld war die Imagologie. Selbst- und Fremdbilder im wechselseitigen Spiegel zwischen Ost- und Westeuropa, Cluj und Leipzig. Wie wird Rumänien in Deutschland beschrieben, wie wird Deutschland in Rumänien beschrieben, wie werden gemeinsame europäische Themen wie z.b. der geplante Euro in den jeweiligen Medien beschrieben…. Interviews mit Politikern aller Parteien und Kirchen Klausenburgs (das ist der deutsche Name von Cluj-Napoca, Anm. BUNĂ) über Rumänien, Deutschland und Europa, Individualismus, Geschlechter, Geld….  Teilnehmende Beobachtung als Deutscher in Rumänien, Notizen zu meinen eigenen Reflektionen zwischen Stereotyp, Beobachtung, Voreingenommenheit, Statistik….

30 Kilo Dokumentation: Bücher, Zeitschriften, Doktorarbeiten, Zeitungsausschnitte, weit über 100 Seiten Notizen über Beschreibungsmodi, Skalenfragen (Nation, was ist das, Individuum, was ist das……), 40 Stunden Interviews … Und wo bin ich gelandet? In den traurigen Tropen der Beobachtung, verheddert in den Schlingpflanzen von „ich“ und „du“, zivilisatorischen Imperativen und kolonialer Denkungsart, politischer Opportunität und rosaroter Verklärung, und der ärgerliche ständige blinde Fleck des Beobachters… icke außerstande, daraus einen Fließtext herzustellen und disparates zu linearisieren. Menschen in der vergröbernden Vergruppung von Ländern oder Stadtbevölkerungen, sozialen „Schichten“ (?!) oder politischen „Richtungen“ (?!) beschreiben? Nein danke. Ist nicht ohne grobe Verletzungen der intellektuellen Redlichkeit durchzuführen. Und wird doch ständig gemacht. Die mathematische Analysis behandelt auch gelegentlich die Unendlichkeit der Differenzen als null; ein Reifen, durch den ich noch nicht springen konnte.

Gheorge Funar (Ein Rechtsextremer, Anm. BUNĂ) war Bürgermeister, aber den Paragraphen 200 (Der Paragraph 200 verbot homosexuelle Beziehungen. Viele homosexuelle Männer mussten in die rumänischen Gefängnisse. Das Gesetz wurde erst 2001 aufgehoben, Anm. BUNĂ) habe ich knapp verpasst. Die Luft war drückend, von der verbliebenen Schwerindustrie und der Ursus-Brauerei, und von der drängenden frage „Incotro?“ („Wohin?“), kondensiert in der Arbeit der Casa Tranzit am Someș (ein Fluß der durch Ungarn und Rumänien fließt, Anm. BUNĂ). Gebeugte Mütterchen am Straßenrand, 20 Radieschen feilbietend. Jugendliche mit verdächtig klebrigem Händedruck und stark geweiteten Pupillen… ein beeindruckender Stoizismus im Umgang mit langen Schlangen und rationierten Warmwasserzeiten… mir schien, als würde das eigentliche Leben nur hinter den fast überall fast immer streng licht- und blickdicht verhängten Fenstern stattfinden. Und wann immer ich eingeladen war, an diesem Leben teilzunehmen, gab es zunächst eine lokale Țuica, und dann die Wärme und Sicherheit der heiligen Gastfreundschaft vor dem Hintergrund einer abrasiven Außenwelt. Gospodaria și Prietenia. Das wären nach meiner Einschätzung so die Gegenstücke zur deutschen Pünktlichkeit und Gründlichkeit. Womit ich die Vergröberung auf ihren unrühmlichen Höhepunkt gepeitscht hätte, kli/schee/max.

Nach dem Studienjahr 99/00 war ich nur noch einmal im Land, und zwar Sylvester 2007, als Rumänien der EU beitrat. Der Moment war mir als Freund der Reisefreiheit besonders wichtig, und ich habe ihn in Bucur Obor mit meiner Freundin Maria Irod gefeiert. Die Übersetzerin von Elfriede Jelinek und Josef Winkler, und eine strenge Abweichlerin.

Letzte Woche hat sich mein lieber Lehrer und Freund Viorel Anastasoaie ins Hospiz verabschiedet. Sein Forschungsthema damals war die Kultur und Ökonomie ländlicher Wochenmärkte am Fuße der Munti Apuseni, wir hatten heitere Exkursionen. Er ist dann von Cluj weitergezogen als Menschenkundelehrer an die Sorbonne. Drum bun, prietene!

BUNĂ: Im Rumänischen gibt es viele gefühlvolle Gedichte. Wie bist du auf „Primavară“ von Vasile Alecsandri gestoßen? Und gibt es vielleicht Überlegungen für die Vertonung eines weiteren rumänischen Stückes? 

Christian Asbach: Käptn Rummelsnuff hat ja selbst heitere Erinnerungen an Rumänienreisen und prietenales (freundschaftliches, Anm. BUNĂ) Pumpen in Plattenbaukellern, da horchte er auf, dass ich rumänisch spräche, und bat um einen Textbeitrag.

Recht prosaisch bin ich dann über eine Internet-Recherche auf das Gedicht „Salutare“ von Vasile Alecsandri gestoßen. Ich besitze keinerlei Poesiebände, in keiner Sprache, timpit cum sunt (So, wie die Zeit ist/war, Anm. BUNĂ).

Die farbenfrohe Wortmalerei, die freudige Botschaft, der historische Zusammenhang mit dem Mărțișor (Mărțișor sind kleine Blumen oder Schleifen, die man zum Frühlingsbeginn gerne verschenkt und sich an die Kleidung heftet, Anm. BUNĂ) als Verbeugung vor Frühling und Geburt – außerdem ein musikalisches Versmaß. Der Käptn hat dazu eine Melodie komponiert, die meine Stimme nach oben und unten ausreizt, dem Flug der Schwalbe nicht unähnlich.

Es würde mich sehr freuen, wenn das Lied auch außerhalb von schwarz/rot bekannt würde in der Țara Româneasca – mir war damals keine andere Vertonung findlich, und es handelt sich ja auch um ein Lied über Freundschaft und Völkerfreundschaft. Ein weiteres Lied auf Rumänisch? Was mir dazu immer wieder einfällt, ist der bitterschönste aller Buchtitel die mir bekannt sind: Ultima noapte de dragoste, întâia noapte de război (Die letzte Nacht der Liebe, die erste Nacht des Krieges, Anm. BUNĂ) von Camil Petrescu. Ich erinnere mich nur an die erste Szene, wo er beschreibt, wie sich Wartende in einem Hospital in ihre Einsamkeit einspinnen wie Raupen in einen Kokon, nur ohne die Hoffnung, als strahlender Schmetterling wiedergeboren zu werden. Ob man je in der Stimmung sein möchte, ein solches Lied zu schreiben?

BUNĂ: In einem anderen Interview hast du, lieber Käptn, deine Musik einmal als „neues Arbeiterlied” bezeichnet. Du besingst Schrauber (Kfz-Mechaniker), Gerüstbauer, Müllabfuhr, Heizer und andere Berufsgruppen. Woher kommt dieser sonst in der Musiklandschaft deutlich unterrepräsentierte positive Bezug auf Menschen aus der arbeitenden Klasse, die sich bei ihrer Arbeit „schmutzig” machen?

Käptn Rummelsnuff: Er schöpft aus einer tiefen Sympathie und vielleicht auch aus dem, was ihm von seiner sozialistischen Prägung in seinen Jugendjahren geblieben ist. Im Schulunterricht der DDR stand das Erlernen von Liedern der internationalen Arbeiterklasse ganz oben auf dem Plan. Wenn man’s muß, nervt’s. Aber vieles war gut und hinterließ Spuren. Die heutigen Arbeiterlieder eines Rummelsnuff sind freilich auch gezeichnet von eigenem Erleben in der Zeit zwischen den Systemen und schießlich von heutigen Erfahrungen, gewürzt mit einer Prise Ironie und, wenn’s paßt, mit einer weiteren Prise Selbstironie.

BUNĂ: Du bist ein sehr vielfältiger Mensch. In deiner Musik finden sich Lieder mit großem Tiefgang (Treidler, Wenn du aus dem Leben schwindest, Freier Fall, Halbstark und laut) eigenwillig-eindrückliche Cover-Versionen (Mongoloid, Daddy Cool, Göttingen), antifaschistische Stücke wie „The Partisan” bis hin zu sehr lustigen Liedern wie jenen zur Bratwurstzange oder dem Harzer Käse. Und die Aufzählung deiner unterschiedlichsten Stile und Lieder ist bei weitem noch nicht vollzählig. Wie entstehen die Ideen für Lieder? Wie komponierst und schreibst du? Kommen dir als Kraftsportler die Ideen beim Pumpen?

Käptn Rummelsnuff: O, Käpt’n Rummelsnuff greift grüßend und dankend zur Mütze. Die Entstehungsgeschichten der einzelnen Lieder sind so unterschiedlich, wie die Lieder selbst, aber wichtig ist doch, daß sie gehört werden, ankommen und Reaktionen auslösen. Daß sie verstanden werden oder in bzw. aus Situationen zu helfen in der Lage sind.

BUNĂ: Welche Musik hörst du für dich? Ist das elektronische Musik, wie du sie machst, oder sind da auch andere Stile dabei? Welche Bands oder Interpreten haben dich geprägt und gibt es da Lieblingsstücke, die du von anderen gerne hörst? Gibt es auch ein Lied aus deiner Feder, dass dir besonders viel bedeutet?

Käptn Rummelsnuff: Rummelsnuff war in seiner Jugend ein eifriger Hörer von Radiosendungen, in denen Rockmusik gespielt wurde. Zunächst genoß er hier völlig richtungslos alles oder von allem das, was er für gut befand. Vieles wurde auf Kassetten gespeichert. Zwischendurch gab es dann mal eine Phase, in der nur noch Punk aufgedreht wurde – und was sich davon ableitete. Heute ist er wieder näher an seiner Kindheit und jegliche Art guter Musik darf stattfinden. Allerdings wohldosiert. Und möglichst das Treffende zur richtigen Zeit. Punkrock, französische Chansons, russische Militärmärsche oder Pop von Tuxedomoon bis Dolly Parton. Und deutsche Musik mit guten Texten…

Man hat so viel kennengelernt in so einem mittellangen Leben, es ist schier unmöglich, da von allem Beeindruckenden etwas zu nennen… Einzelne Lieblingsstücke zu benennen ist auch schwierig, sie sind das ja immer nur für eine gewisse Zeit, bis man sie sich überhört und dann finden sich wieder neue. Wenn man selber Musik erschafft, ist man dann auch wieder froh, mal die Musik der Natur oder auch die einer lärmenden Straße ohne zusätzliche Untermalung zu genießen. Und welche eigenen Werke hält der Schreiber für besonders gelungen? In der Öffentlichkeit führt Käpt’n Rummelsnuff am liebsten jene auf, die auch die meiste Resonanz bekommen und bekamen. Und vielleicht sind das wirklich auch die Besseren. Das sind überwiegend Stücke, die auch in reduziertem Gewand gut funktionieren, z.B. nur mit Akkordeonbegleitung. Salzig schmeckt der Wind, Halt durch, Trägt die Woge dein Boot, gehören dazu. Die Bratwurstzange ist ein Stück, das auch der Bearbeitung und Aufführung von Blaskapellen standhält. Salutare und Crystal Ball (Vida da vidro) erblühen durch des Maates stimmliches Zutun. Beginne ein Konzert mit: Der Käpt’n nimmt dich mit – und du hast die Zuhörer auf deiner Seite. Das sind jetzt mal ein paar mehr als eines.

BUNĂ: Am 30. Juli 2021 erschien dein neues Album „Äquatortaufe“. Es versammelt 16 Stücke mit gewohnt eigenwilligen Kompositionen und einer Vielfalt an Themen. In „Berlinverbot“ beziehst du Stellung gegen die Verdrängung der Menschen durch die finanzstarken Heuschrecken. Du singst: „Habt acht, sonst geht Berlin verloren, an Schwätzer, Blender, Investoren, die den letzten Blick zur Spree verbauen.“ Du bist eng mit Berlin verbunden. Siehst du noch die Möglichkeit diese Entwicklung aufzuhalten und umzukehren?

Käptn Rummelsnuff: Vielleicht kehrt sich alles eines Tages selber um. So kann es ja nicht weitergehen. Wohin wollen wir noch bauen – wieviel Bebauungsdichte ist noch erträglich? In der Nähe von Berlin wurde gerade massiv Wald abgeholzt, um dort elektrische Fahrzeuge zu bauen. Was ist der Sinn von vermeintlich umweltfreundlichen Technologien, wenn dafür die Umwelt zerstört wird. Der Drang nach immer mehr Wachstum ist das Problem.

BUNĂ: Drei Berufsgruppen finden sich auf dem neuen Album besungen. Die „Feuerwehr“, der „Landmann“ und die „Müllabfuhr“. Zu letzterem Stück findet sich auf Youtube auch ein Video. Besonders eingängig finde ich den Landmann. Mit diesem und dem Lied „Interkosmos“ erinnerst du an die DDR. Einmal an die LPGs und an den – im Westen noch immer wenig bekannten – Kosmonauten Sigmund Jähn. Wenn du perspektivisch denkst: Findest du heute noch eine sozialistische Gesellschaft erstrebenswert? Und wenn ja, welchen Grundprinzipien sollte sie verbunden sein?

Käptn Rummelsnuff: Schlicht gesagt: Gut wäre es, den entfesselten Kapitalismus unter Kontrolle zu halten und wenn notwendig, auszubremsen. Momentan hat man den Eindruck, daß die Parteien und Konzerne in trauter Gemeinschaftsarbeit machen, was sie wollen.

BUNĂ: Vielen Dank für dieses Gespräch

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #9