Einblicke in den rumänischen Fußball und den Nationalismus in den Fan-Kurven

Zwischen Liga-Frust und EM-Patriotismus

Einblicke in den rumänischen Fußball und den Nationalismus in den Fan-Kurven

Von F. List

Es hätte so schön sein können: Eine Liga, prallgefüllt mit Traditionsvereinen, langjährig bekannten Ultragruppen und so ganz ohne selfiesuchende Eventfans. Fast wäre dieser Traum eines manchen rumänischen Fans wahr geworden. In den letzten Jahren mussten diese leider immer öfter mit ansehen, wie sich große Namen des rumänischen Vereinsfußballs aus den oberen Ligen verabschiedeten und sich entweder im unterklassigen Niemandsland neugründen oder sogar ganz verschwinden mussten. Am Ende dieser Saison kam jedoch ein Funke Hoffnung auf, dass die 2. Liga bald eine Art „Klassentreffen alter Fußballklubs“ werden könnte. Mit Rapid Bukarest, Universitatea Cluj, Farul Constanța, Gloria Buzău, UTA Arad, Poli Timișoara und FC Brașov hätte das nostalgische Herz gleich wieder schneller geschlagen. Leider platzte aber dieser Traum, ehe er wirklich zur Realität werden konnte. Während man Rapid Bukarest den Aufstieg in die 1. Liga noch gönnte, musste sich U Cluj im Playout geschlagen geben und nach 16 Jahren wieder in die 3. Liga zurück kehren. Bangen müssen aktuell auch die Jungs von der Schwarzmeerküste. Der nach dem rumänischen Wort für „Leuchtturm“ benannte FC Farul Constanța steckt mal wieder in massivsten Geldnöten und bereits jetzt diskutieren Anhänger über eine mögliche Neugründung des Vereins. Hier spalten sich jedoch die Geister. Während die jetzigen Ultragruppen einen von Fans ins Leben gerufenen Verein strikt ablehnen, streben ältere Ultras genau solch ein Projekt an. Zu guter Letzt wird auch die Elf aus Buzău beim Traditions-Wiedersehen fehlen. Die nord-östlich von Bukarest gelegene Stadt beklagt ebenso finanzielle Probleme und konnte im entscheidenden Relegationsspiel noch nicht einmal einen spieltauglichen Kader zusammenstellen.

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Keine Angst vor großen Namen – Die rumänische Zeitschrift „Facla“

Im Herbst 2014 gelang es einer Genossin in Rumänien, eine Sammlung von 71 Heften der kämpferischen sozialistischen Zeitschrift „Facla“ („Die Fackel“) aufzukaufen. Die erste Folge der Wochenschrift erschien von 1910 bis 1914. Eine zweite Folge wurde 1916 bis zu ihrem Verbot Ende August 1916, bedingt durch den Kriegseintritt Rumäniens in den Ersten Weltkrieg, publiziert. Weitere Nummern erschienen danach erst wieder 1923 sowie zwischen 1925-1926. Die längste ununterbrochene Periode ihrer Herausgabe stellt der Zeitraum von 1930 bis 1940 dar. Bei den uns vorliegenden Ausgaben handelt es sich um Nummern der Jahrgänge 1911 und 1912. Der Zustand der meisten Exemplare ist altersbedingt kritisch, Seiten sind lose, an den Heftklammern hat sich Rost gebildet, manche Seiten sind eingerissen. In verschiedenen Ausgaben finden sich handschriftliche Anmerkungen und Unterstreichungen, die darauf schließen lassen, dass die „Facla“ auch von ihren Gegnern aufmerksam gelesen wurde.

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Neues anarchistisches Magazin aus Bukarest

Im Juli 2015 erschien in Bukarest die erste Ausgabe des „anarchistischen Magazins aus Bukarest, Radix“ mit einer Auflage von 500 Exemplaren. Das 40-seitige Heft wurde von der Redaktion und den MitarbeiterInnen am 17. Juli im Bukarester „Centrul Claca“ öffentlich vorgestellt. Obwohl sich die Redaktion in der rumänischen Hauptstadt befindet wird die Zeitschrift landesweit verbreitet. Verteilstellen finden sich so in Iași und Cluj. Zur Intention schreiben die RedakteurInnen: „Wir sehen es als notwendig an, eine anarchistische Zeitschrift herauszugeben, die sich der Gegeninformation zum Propaganda-Krieg und der Desinformation durch Staat und Massenmedien annimmt. Wir wollen über unsere Kämpfe und über jene, in denen unsere GenossInnen beteiligt sind, berichten und diskutieren (…) Wir wollen unsere Ideen und Ideale propagieren und über die Geschichte und Theorie des Anarchismus sprechen“. Die Redaktion stellt erfreulicherweise ein „neues Anwachsen der anarchistischen Bewegung in Rumänien“ fest und möchte zu deren „Ausdehnung und Entwicklung“ beitragen.

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Es braucht starke Argumente und Geduld – Interview mit einem rumänischen Atheisten

„Menschen zu überzeugen erfordert harte Arbeit, starke Argumente und eine Menge Geduld“

Auf dem sozialen Netzwerk Facebook informiert seit 2014 die Seite „Ducatul Ateist de Alba“ über Religion, Kirche und Gesellschaft in Rumänien. Atheistische Überzeugungen werden mit „Humor, Sarkasmus, Blasphemie und allen anderen Zutaten, die der Religion Schaden zufügen“ den über 42.000 „followern“ nahegebracht. Mit dieser großen Anzahl erreichter Menschen nimmt das „Atheistische Herzogtum von Alba“ – eine Anspielung auf das orthodoxe Erzbistum in der Stadt Alba Iulia, in dem sowohl eine staatlich finanzierte orthodoxe Hochschule mit Priesterausbildung, als auch eine Kathedrale von landesweiter Bedeutung ihren Sitz haben – eine herausragende Position ein. Aufmerksame LeserInnen der BUNĂ wissen von dem verhängnisvollen Einfluss der orthodoxen Kirche und weiterer reaktionär religiöser Gruppen auf die rumänische Gesellschaft.

Wir sprachen mit einem der ehrenamtlich tätigen Aktivisten des atheistischen Herzogtums im Dezember 2015.

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“Wir halten es für notwendig am Aufbau eines landesweiten Netzwerks radikal-libertärer Initiativen mitzuwirken”

Ein Interview mit AnarchistInnen aus Craiova

BUNĂ: Könnt ihr etwas zu eurer Stadt sagen? Wie sind die Lebensbedingungen? Ist es eine von der Industrie geprägte Stadt oder eher landwirtschaftlich? Wie hoch ist die Erwerbslosigkeit?

DIY Craiova: Wir leben in Craiova, das im Südwesten von Rumänien, nahe an der Grenze zu Bulgarien sowie Serbien liegt. Es ist die sechstgrößte Stadt Rumäniens. Im vormaligen Regime war sie hochindustrialisiert. Craiova ist die ärmste Großstadt im Land und liegt in einem Gebiet, in dem Landwirtschaft betrieben wird und welches ebenfalls eine der ärmsten Regionen des Landes ist. Gleichzeitig ist sie ein Hochschulzentrum sowie ein Verwaltungszentrum.

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„… als ob diese Initiativen und Aktionen in Bukarest stattfinden würden“

Nicolas Trifon bei einer Buchvorstellung in Bukarest.

Interview mit Nicolas Trifon

von Mihai Codreanu

Nach der Etablierung kommunistischer Regime stalinistischen Typs in Osteuropa gingen Mitglieder einer der größten anarchistischen Bewegungen, jene aus Bulgarien, ins Exil. Ihre Ideen nahmen sie mit sich und fanden in Frankreich ein Land, das ihnen die Möglichkeit bot, Aufmerksamkeit auf die Situation in den Ländern des “sozialistischen Lagers” zu richten. Die Aktivitäten der bulgarischen Anarchisten beschränkten sich dabei nicht nur auf das Schreiben über ihr Land oder andere osteuropäische Staaten. Einige ihrer Aktivitäten beinhalteten den Guerillakrieg. Nach Spaltungen innerhalb der bulgarischen Anarchisten wurde die Gruppe “Iztok” (zu deutsch “Ost”) gegründet. Dieser schloss sich in den 1980er Jahren ein Emigrant aus Rumänien an – Nicolas Trifon (geboren 1949 in Bukarest) – heute ein französischsprachiger Schriftsteller. Sein aktuelles Interesse gilt der Mazedonischen Minderheit, die auch der Gegenstand seiner letzten Veröffentlichungen ist. In seinen Arbeiten finden sich verschiedene Bezüge wieder: Historische, anthropologische oder sozio-linguistische. In dem folgenden Interview behandeln wir die Situation in den 1980er Jahren bis zum Kollaps des sozialistischen Lagers zum Ende jenes Jahrzehnts und dem Beginn der 1990er Jahre.

Mihai Codreanu: Am 18. April 1978 wurde in Paris eine Pressekonferenz durchgeführt, an welcher Vasile Paraschiv (Rumänien), Viktor Feinberg (Sowjetunion), Aleksander Smolar (Polen) und Jan Letcinski (Tschechoslowakei) teilnahmen. Neben ihnen beteiligten sich Repräsentanten der vier größten französischen Gewerkschaften (F.E.N., F.O., C.F.D.T., C.G.T.) daran. Thema der Konferenz war die Gewerkschaftsfreiheit in Ost-Europa. Sie stellte ein wichtiges Ereignis dar, denn nach 30 Jahren fanden die vier größten französischen Gewerkschaften ein gemeinsames Projekt – den Protest gegen die Situation der Arbeiter im Ostblock. Hat die „Iztok“-Gruppe an diesem Ereignis teilgenommen?

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„Neben den Ideen und Initiativen geht es uns um die Menschen, die mitmachen“

Ein Interview mit R. von A-casă aus Cluj

BUNĂ: Um was handelt es sich bei A-casă. Handelt es sich um ein besetztes Haus? Und wie seid ihr auf die Namensgebung gekommen?

R. von A-casă: A-casă ist kein besetztes Haus, es handelt es sich um ein Mietshaus. Doch auch wenn es kein „Squat“ ist – denn hier im Land existiert keine „Kultur“ oder Praxis „anarchistischer Besetzungen“; Nur die Ärmsten, oftmals Roma, besetzen Häuser oder Wohnung um zu überleben – funktioniert es nahe an dem, was ein soziales Zentrum oder ein besetztes Haus sein sollte. Der Name des Gebäudes bedeutet im rumänischen „Zuhause“ und die Namensgebung war das Ergebnis einer kollektiven Entscheidung, dem Platz einen Namen zu geben. Auch wenn es den romantischen Kreis um seinen Namen hat, ist es kein Name, den wir besonders mögen. Es lag vielmehr daran, dass wir zu Beginn einen vertrauten Namen suchten um Menschen anzusprechen. Natürlich ist ein Name nur ein Name und in gewisser Weise nicht zu wichtig. Das ist auch der hauptsächliche Grund dafür, warum wir nicht wirklich daran gingen, ihn im Laufe der Zeit zu ändern.

BUNĂ: Seit wann gibt es euch?

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