Getagged: Buch

Nicolas Trifon

Un parcurs libertar internaționalist. Interviuri

2020 erschien in Rumänien eine Sammlung von Interviews mit dem 1949 in Bukarest geborenen Anarchisten Nicolas Trifon. Dieser gehörte zu denjenigen, die während der national-kommunistischen Diktatur Kritik von einem zunehmend libertären Standpunkt aus äußerten. Diese Kritik war dem Herrschaftssystem nicht willkommen und 1977 emigrierte Nicolas Trifon nach Frankreich. Dort arbeitete er mit anarchistischen Genossinnen und Genossen aus Osteuropa, vornehmlich Bulgarien, zusammen. Gemeinsam gaben sie die Zeitschrift „Iztok“ (Ost) heraus.

Der Literaturwissenschaftler und Anarchist Adrian Tătăran besorgte die Herausgabe des wunderschön gestalteten Bandes über den in Deutschland und auch in Rumänien kaum bekannten Oppositionellen. Er schreibt dazu:

„Nicolas Trifon, ein Libertärer, der 1977 Rumänien verließ und sich in Paris niederließ, hatte einen anderen (persönlichen und politischen) Weg als den, den wir normalerweise kennen. Im Kalten Krieg (…) wurden die Stimmen der sich bekennenden Gegner in unserem Land und anderswo verwendet, um im Gegensatz dazu das „entgegengesetzte“ politische und soziale Modell zu legitimieren. Es ist nicht überraschend, dass im Allgemeinen denjenigen, die Diktatur und Ungerechtigkeit scharf verurteilten und sich weigerten, fügsam unter den verfügbaren „vorgefertigten“ Lösungen zu wählen, sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Deshalb ist der Weg von Nicolas Trifon interessant. Er hinterfragt die simplen und dogmatischen Dichotomien, an die wir in Rumänien vielleicht so gewöhnt sind und die nach 1989 einen Platz des Diskurses und der politischen und intellektuellen Debatte eingenommen haben (und immer noch einnehmen). Tatsächlich kam das angekündigte Ende der Geschichte mit dem Zusammenbruch des „Vorhangs“ nicht, und die Ära des Wohlstands und der Gerechtigkeit, die durch die Akzeptanz des kapitalistischen Modells versprochen wird, wird noch erwartet. Begriffe wie Freiheit, Rechte oder Demokratie wurden inzwischen durch den „freien Markt“ fast vollständig von ihren Inhalten befreit. (…) Die alte Herrschaft der „roten Bürokratie“ hat den Regimewechsel fast intakt überstanden. Sie ist auf natürliche Weise und ohne zu viele Stolpersteine zur Autorität des „freien Marktes“ geworden, den nur wenige in Frage zu stellen gewagt haben, ohne dass die tatsächlichen Strukturen von Macht und Privilegien in irgendeiner Weise beeinträchtigt werden. Die befreiende Lösung erwies sich wie so oft als ein weiterer Weg zur Knechtschaft für viele. Und diejenigen, die sich weigerten zu wählen, die „feuerfesten“, diejenigen, die sich kritisch in den sozialen Kampf einmischten und „an nichts festhielten“ (nach einem berühmten istrischen Wort), blieben so heute wie gestern wenig gehört. Dies ist auch bei Nicolas Trifon der Fall.

Weiterlesen

Kampf um Würde und Lohn

Ein wichtiges Buch zum Kampf der migrantischen Arbeiter der „Mall of Shame“ in Berlin

Von Martin Veith

2014 begann in Berlin ein Arbeitskampf migrantischer Bauarbeiter aus Rumänien, die meisten davon Roma. Olga Schell und Hendrik Lackus dokumentieren mit ihrem Buch „Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn“ diesen selbstorganisierten und von der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union unterstützten langwierigen und schwierigen Kampf. Die beiden HerausgeberInnen haben diesen von Anfang an unterstützt. In der Einleitung fassen sie zusammen: „Der 2014 von den Bauarbeitern begonnene Kampf richtete sich gegen die Arroganz und Ignoranz, mit der Wanderarbeiter*innen und prekär lebende, migrantische Arbeitskräfte im wohlhabenden Deutschland ausgebeutet werden. Mit ihrem Protest machten die kämpferischen Arbeiter die Ausbeutungspraktiken auf (deutschen) Baustellen sichtbar. Sie durchkreuzten rassistische Stereotype von bettelnden Roma und die Debatte um die drohende Armutseinwanderung aus Südosteuropa. Es ging ihnen in ihrem Kampf nicht nur um den Lohn, sondern auch um ihre Würde und Identität! Fast alle am Protest beteiligten Arbeiter waren das erste Mal nach Deutschland zum Arbeiten gekommen. Der Ruf zur Baustelle am Leipziger Platz in Berlin hatte sie über informelle, familiäre Kanäle erreicht. Sie und ihre zurückgelassenen Familien hatten einen Arbeitsvertrag und einen festen Stundenlohn erwartet. Stattdessen erhielten sie zunächst geringe Lohnzahlungen und wurden dann komplett um ihren Lohn geprellt.“

Weiterlesen

Erkenntnis und Bildung – Mit der Editura Pagini Libere wurde ein anarchistischer Verlag in Rumänien gegründet

Erkenntnis und Bildung

Mit der Editura Pagini Libere wurde ein anarchistischer Verlag in Rumänien gegründet

Nach einer mehrere Jahrzehnte andauernden Durststrecke ging im April 2018 endlich ein neuer anarchistischer Verlag in Rumänien an die Öffentlichkeit – die Editura Pagini Libere, der „Verlag die Freien Seiten“.

Seine Entstehungsgeschichte spiegelt das gewachsene Interesse am Anarchismus in Rumänien sowie die gewachsenen anarchistischen Strukturen im Land wieder. Denn relativ zeitgleich bildeten sich zwei voneinander unabhängige Gruppen, die eine anarchistische Verlagstätigkeit anstrebten. Nach inhaltlichen Diskussionen kam es zur Vereinigung der beiden Gruppen und der Bündelung der Kräfte auf den neuen Verlag „Editura Pagini Libere“, dessen Entstehung wir sehr begrüßen.

Weiterlesen

Heilsversprechen und Terror

Eine Biographie über den rumänischen christlichen Faschistenführer Corneliu Zelea-Codreanu

Der in Wien lehrende Historiker und Geschichtsprofessor Oliver Jens Schmitt veröffentlichte 2016 mit „Căpitan Codreanu – Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers“ eine erste biographische Studie über Leben und Wirken von Corneliu Zelea-Codreanu (1899-1938). Schmitt hat sich bereits in anderen Arbeiten mit dem rumänischen Faschismus auseinandergesetzt. In dem gemeinsam mit Armin Heinen herausgegebenen Sammelband „Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die ‚Legion Erzengel Michael‘ in Rumänien 1918-1938“ veröffentlichte er 2013 die Studie „‘Zum Kampf, Arbeiter‘. Arbeiterfrage und Arbeiterschaft in der Legionärsbewegung (1919-1938)“ die das Verhältnis von faschistischer Legionärsbewegung und Arbeiterschaft thematisiert und wichtige, oftmals neue, Erkenntnisse über die einflussreiche Rolle und die durchaus revolutionären Absichten von Arbeitern in der nationalistisch-faschistischen Massenbewegung Rumäniens publik macht und analysiert. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse aus dieser Studie ist die Tatsache, das viele ideologische Elemente der Legionärsbewegung in der national-kommunistischen Ceaușescu-Diktatur zwischen 1967–1989 Platz fanden.

Weiterlesen

Buchbesprechung: Kischinew. Das Pogrom von 1903

Das grauenvolle antisemitische Pogrom von 1903 im damals zum russischen Zarenreich gehörenden Kischinew (Chișinău, heute Hauptstadt der Republik Moldawien), ist Gegenstand einer von Andreas W. Hohmann und Jürgen Mümken herausgegebenen Textsammlung unter dem Titel „Kischinew. Das Pogrom 1903“. Die beiden haben sich des Pogroms in der bessarabischen Hauptstadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil im Jahr 1903 bei 48% lag, sowie der generellen Judenfeindschaft und des Antisemitismus innerhalb der russischen, rumänischen und deutschen Bevölkerung der Region und des russischen Staatsapparates zu Beginn des 20. Jahrhunderts angenommen. Dabei haben sie eine eindrückliche Fülle von Informationen, Berichten und Dokumenten zusammengetragen. Sie referieren über die von Kirchen und Zaren geschürten antisemitischen gesellschaftlichen Einstellungen und die von den Zaren erlassenen antisemitischen Gesetze und Bestimmungen. Erläuternde Hinweise, z.B. in den Fußnoten, vertiefen gelesenes. Das Buch gliedert sich in drei Bereiche. Der erste behandelt die Pogrome und steht unter der Unterüberschrift „Darstellungen, Einordnung, Reaktionen“, der zweite behandelt den „literarischen Widerhall des Oster-Pogroms“ und der dritte schließlich befasst sich mit den Ereignissen und der Auswanderung der Juden in der US-amerikanischen Literatur.

Weiterlesen

Bessarabiendeutsche: Täter oder Mitläufer?

Bessarabiendeutsche: Täter oder Mitläufer?

Das Buch Die „Rückführung“ der Volksdeutschen am Beispiel der Bessarabiendeutschen von Heinz Fieß ist eine vertane Chance, bessarabiendeutsche Geschichte durch Aktive der Bessarabiendeutschen Gemeinschaft endlich kritisch zu behandeln.

Ende 2015 erschien im Selbstverlag ein Buch des langjährigen Funktionärs der bessarabiendeutschen Landsmannschaft (heute Bessarabiendeutscher Verein e.V.) und Redaktionsleiters deren Mitteilungsblattes, Heinz Fieß. Unter dem Titel „Die ‚Rückführung‘ der Volksdeutschen am Beispiel der Bessarabiendeutschen“ behandelt er die Umsiedlung der ca. 95.000 Bessarabiendeutschen im Jahre 1940. Aufgrund seiner langen Beschäftigung mit den Belangen der Bessarabiendeutschen, seiner Bekanntschaft mit Teilnehmern der Umsiedlung sowie deren Erfahrungsberichten und dem Umstand, dass der Autor selbst aus einer bessarabiendeutschen Familie stammt, sollte man von dem vorliegenden Buch detaillierte Einblicke in den Ablauf der Umsiedlung, aber auch zu den gesellschaftlichen Hintergründen dieser kaum bekannten deutschen Volksgruppe erwarten können.

Weiterlesen