Getagged: Gewerkschaft

Kampf um Würde und Lohn

Ein wichtiges Buch zum Kampf der migrantischen Arbeiter der „Mall of Shame“ in Berlin

Von Martin Veith

2014 begann in Berlin ein Arbeitskampf migrantischer Bauarbeiter aus Rumänien, die meisten davon Roma. Olga Schell und Hendrik Lackus dokumentieren mit ihrem Buch „Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn“ diesen selbstorganisierten und von der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union unterstützten langwierigen und schwierigen Kampf. Die beiden HerausgeberInnen haben diesen von Anfang an unterstützt. In der Einleitung fassen sie zusammen: „Der 2014 von den Bauarbeitern begonnene Kampf richtete sich gegen die Arroganz und Ignoranz, mit der Wanderarbeiter*innen und prekär lebende, migrantische Arbeitskräfte im wohlhabenden Deutschland ausgebeutet werden. Mit ihrem Protest machten die kämpferischen Arbeiter die Ausbeutungspraktiken auf (deutschen) Baustellen sichtbar. Sie durchkreuzten rassistische Stereotype von bettelnden Roma und die Debatte um die drohende Armutseinwanderung aus Südosteuropa. Es ging ihnen in ihrem Kampf nicht nur um den Lohn, sondern auch um ihre Würde und Identität! Fast alle am Protest beteiligten Arbeiter waren das erste Mal nach Deutschland zum Arbeiten gekommen. Der Ruf zur Baustelle am Leipziger Platz in Berlin hatte sie über informelle, familiäre Kanäle erreicht. Sie und ihre zurückgelassenen Familien hatten einen Arbeitsvertrag und einen festen Stundenlohn erwartet. Stattdessen erhielten sie zunächst geringe Lohnzahlungen und wurden dann komplett um ihren Lohn geprellt.“

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Spontane Streiks und gewerkschaftliche Neu-Organisierung bei Astra Rail

Mai 2021: Selbstorganisierte Streiks der Waggonbauer in Caracal, Turnu Sverin und Arad – Geschäftsführung und Justiz erklären Streiks für illegal

Von Martin Veith

Streikende Arbeiter in Arad.

Ein großartiges Zeichen selbständiger Arbeiterinitiative und Solidarität zeigten Arbeiter des rumänischen Waggonbaukonzerns Astra Rail, die in Caracal, Drobeta Turnu Severin und Arad im Mai 2021 in den Streik traten. Die Gründe dafür finden sich in der schlechten Bezahlung, schlechter Arbeitsschutz- und Sanitärbedingungen sowie der gewachsenen Unzufriedenheit mit den unternehmenshörigen Vertretern der traditionellen Betriebsgewerkschaften. Diese Unzufriedenheit mit vorgeblichen Gewerkschaftern, die de facto Karrieristen sind und auf Seiten der Geschäftsführung stehen, führte bereits 2019 zur Gründung der neuen Betriebsgewerkschaft Sindicat Unitas im größten Werk bei Astra Vagoane in Arad. Hier arbeiten mehr als 1.200 Kollegen. Generell sind die Arbeiten bei Astra Rail körperlich anstrengend und gesundheitlich belastend. Berufsgruppen beim Waggonbau sind z.B. Schweißer, Galvaniseure, Schlosser, Dreher, Lackierer, Elektriker, Verzinker. Die Werkhallen sind vom Ruß schmutzig und die Gase und Dämpfe von den Lackier-, Schweiß- und Galvanisierungsarbeiten müssen von den Arbeitern eingeatmet werden.

Lokale und landesweite Medien kamen vor Ort und berichteten über den Streik. Insbesondere die lokale Berichterstattung ging auf Hintergründe ein und ließ die streikenden Arbeiter zu Wort kommen. Diese erklärten, dass seit vielen Jahren nicht in die betriebliche Infrastruktur investiert werde, dass Maschinen und Werkzeuge veraltet, kaputt und reparaturbedürftig seien und an vielen Arbeitsplätzen Lebensgefahr bestehe. Um Schutzausrüstungen müsse man betteln und die sanitären Anlagen seien menschenunwürdig.

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Frühjahrsausgabe 2022 der BUNĂ erschienen

Liebe Leserinnen und Leser,

die vorliegende Ausgabe der BUNĂ beinhaltet wieder ein weites Spektrum an Themen und Informationen. Wir freuen uns sehr, ein tiefgründiges Interview mit den Musikern Christian Asbach und Rummelsnuff veröffentlichen zu können. Wer noch nie von ihnen gehört hat, dem sei eine kleine Sucheingabe auf dem Musik-Portal eigener Wahl empfohlen. Ihre Beziehungen und Erfahrungen mit Rumänien schildern sie in diesem Heft.

In vielen Ländern der Welt existieren anarchistische Archive, deren Regale und Ordner oftmals wahre Schätze beinhalten. Sie sorgen u.a. dafür, dass vergessene und unbekannte Ereignisse und Menschen wieder entdeckt werden können und der Forschung zur Verfügung stehen. Sie sind ein Gedächtnis des Anarchismus. In Rumänien haben Aktive nun auch ein solches Archiv auf die Beine gestellt, das sich vornehmlich der anarchistischen Geschichte Rumäniens widmet und digitalisierte Zeit- und Flugschriften für jede und jeden Interessierten zur Verfügung stellt. Wir führten ein aufschlussreiches Gespräch mit den Genossinnen und Genossen des Anarhiva in Cluj.

Und es gibt Grund sich zu erinnern. Denn vor über 130 Jahren begann die Agitation für den anarchistischen Kommunismus in Rumänien. Martin Veith blickt auf die Anfänge zurück und stellt uns Protagonisten, Aktivitäten und die Zeitschrift „Răzvrătirea“ vor.

Wir berichten ausführlich über den selbstorganisierten Streik und die gewerkschaftlichen Organisierungsaktivitäten der Waggonbauer bei Astra-Rail in Arad, Caracal und Turnu-Severin. In ausführlichen Kurzmeldungen informieren wir über Neues aus der europäischen anarchistischen Bewegung. Vorgestellt wird eine Film-Dokumentation des rumänischen Reporter-Netzwerks Recorder über „30 Jahre nach dem Sturz Ceaușescus“, die für alle an Rumänien interessierten mit einem kritischen Blick mit Gewinn gesehen werden kann.

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Rumänische 24h-Betreuer:innen in Österreich – Ausbeutung und Selbstorganisierung

Von KM (Einleitung und Übersetzung)

Foto: Christopher Glanzl

In Österreich wurde vor eineinhalb Jahrzehnten die Ausbeutung von Betreuer:innen pflegebedürftiger Menschen gesetzlich verankert. Damit wurde ein System systematischer Ausbeutung und Diskriminierung von Arbeiter:innen aus Ostmitteleuropa geschaffen, von dem lediglich die österreichischen Vermittlungsagenturen profitieren.

Im Jahr 2018 haben 24h-Betreuer:innen aus Rumänien begonnen, sich in einer Facebook-Gruppe über besonders ausbeuterische Agenturen auszutauschen. Daraus ist DREPT pentru îngrijire (RECHT für die Pflege), ein selbstorganisiertes Netzwerk von 24h-Betreuer:innen und Aktivist:innen entstanden. Im August 2020 gründete DREPT einen Verein und kurz darauf mit der slowakischen Iniciatíva za zlepšenie podmienok v 24h opatrovaní (Initiative zur Verbesserung der Bedingungen in der 24-Stunden-Pflege) den Dachverband IG24.

Dies ist eine deutschsprachige Übersetzung eines auf LeftEast erschienenen englischsprachigen Artikels, in dem eine Betreuerin aus Rumänien über Arbeitsbedingungen, Selbstorganisation und Existenznöte während der Covid19-Pandemie berichtet.

Post(pandemische) Kämpfe in der sozialen Reproduktion: Rumänische 24h-Betreuer:innen in Österreich – Ausbeutung und Selbstorganisierung

Von Cornelia Igas, 13. Januar 2021

Der vorliegende Text wurde gemeinsam von der Redaktion der Internetseite LeftEast und der Plattform Transnational Social Strike herausgeben und ist Teil einer Reihe von Publikationen und Webinaren zu den Themen soziale Reproduktion, (Frauen-)Arbeit und Migration in Ostmitteleuropa und darüber hinaus. Das Ziel der Reihe ist es, das Bewusstsein für die Kämpfe um Arbeits-, Reproduktions- und Migrant:innenrechte zu schärfen, sowie für die Situation von Frauen in der Gesellschaft und wie diese durch den Ausbruch der COVID-19-Pandemie beeinträchtigt wurde. Die Publikationen und Webinare werden in Zusammenarbeit zwischen dem bulgarischen linken feministischen Kollektiv LevFem und der Plattform Transnational Social Strike koordiniert und von der Friedrich Ebert Stiftung – Bulgarien gefördert. Die meisten Teilnehmer:innen der Reihe sind Teil des neu entstandenen Netzwerks EAST (Essential Autonomous Struggles Transnational), das Aktivist:innen und Arbeiter:innen in/aus Ostmitteleuropa vereint. Für weitere Informationen kannst du das Netzwerk unter essentialstruggles@gmail.com kontaktieren. Das Verbreiten von Artikeln aus dieser Serie ist unter der Bedingung erlaubt, dass auf die ursprüngliche Publikationsquelle verwiesen wird.

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