Getagged: Lucian Boia

Ein wichtiges Korrektiv falscher Mehrheitsmeinungen

Buchbesprechung: Wie Rumänien rumänisch wurde

Die wissenschaftliche Studie des Bukarester Geschichtsprofessors Lucian Boia „Wie Rumänien rumänisch wurde“ liegt seit kurzem auch in deutscher Übersetzung vor. In Rumänien hat diese wichtige Arbeit viel Kritik unter den mehrheitlich nationalistisch gesinnten Kreisen in Staat, Wissenschaft und Medien hervorgerufen. Denn Boia widerlegt das heute noch gerne geglaubte politische Geschichtsbild vom „einheitlichen rumänischen Nationalstaat“ und einer einheitlich nationalistisch denkenden rumänischen Volksgruppe anhand zahlreicher Beispiele.

Er erläutert ausführlich, dass dieser „Nationalstaat“ nicht aus der gesellschaftlichen Realität entstand, sondern dem politischen Willen der Nationalliberalen mit Unterstützung konservativer-nationalistischer Professoren und Pädagogen entstammt. Der heute noch im Bewusstsein der Bevölkerung präsente Pädagoge und mehrmalige Bildungsminister Spiru Haret (1851-1912) ist einer ihrer Protagonisten. Weiterhin untersucht Boia die tragende Rolle der Rumänisch-Orthodoxen Kirche und des rumänischen Zentralstaates, sprich – seiner Regierungen und Behörden. Er analysiert ausführlich die Entwicklung des Schulsystem, die Ergebnisse und Erhebungsmethoden bei den staatlichen Volkszählungen und blickt auf die verschiedenen Regionen Rumäniens mit deren unterschiedlichen Volksgruppen. Dabei belegt er, dass es sich bei Rumänien, seit seiner staatlichen Existenz, immer um einen Vielvölkerstaat bzw. eine Vielvölkergesellschaft handelte. Die Nationalisten wollten mit ihren Bestrebungen und Gesetzen von Anfang an diese Vielfalt zerstören und einen ethnisch reinen rumänischen Nationalstaat schaffen. Der rumänischen Geschichtsschreibung attestiert er, dass sie „noch immer ziemlich stark von einem hartnäckigen Mythos der ‚Einheit‘ durchdrungen“ ist. „Es ist eine Art Aberglaube“, so Boia.

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Sommer-Ausgabe 2020 des libertären Rumänien-Magazins BUNĂ erschienen

Liebe Leserinnen und Leser,

nach zwei Jahren Pause erscheint die siebte Ausgabe der BUNĂ. Bedingt durch Lohnarbeit und das Engagement in anderen ebenfalls wichtigen Projekten hat sich das Erscheinen der neuen Ausgabe so lange hingezogen. Beabsichtigt war dies nicht und wir sind bemüht, von nun an wieder mindestens zweimal im Jahr zu erscheinen. Wichtige Themen gibt es wahrlich genug. Wir beleuchten diese nach wie vor von einem anarchistischen und klassenkämpferischen Standpunkt aus. Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht. Aufgrund der deutlich gestiegenen Druck- und Versandkosten mussten wir den Verkaufspreis auf drei Euro pro Heft erhöhen. Ein Abo über vier Ausgaben kostet nun 12,50 Euro.

In der aktuellen Ausgabe berichten wir über den selbstorganisierten Streik von mehrheitlich aus Rumänien stammenden ErntearbeiterInnen auf dem Spargelhof Ritter in Bornheim bei Bonn. Mit Unterstützung der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU konnten Teile des vorenthaltenen Lohns eingetrieben werden. Die Solidarität für die kämpfenden ArbeiterInnen wuchs von Tag zu Tag und konnte die Aufmerksamkeit auf die generell katastrophalen Zustände lenken, unter denen die ErntearbeiterInnen leben und arbeiten müssen. Mit der „Gemeinschaft militanter ArbeiterInnen MAHALA, einer dem Anarcho-Syndikalismus nahe stehenden anti-autoritären Gruppe aus Rumänien führten wir ein interessantes Gespräch über ihre Aktivitäten, die Arbeitsrealitäten und betrieblichen Widerstand. Wir berichten über die großartig editierte Neuausgabe von Bakunins anarchistischem Klassiker „Gott und der Staat“ sowie die anarchistische Utopie „Arimania“ des Anarchisten und Syndikalisten Iuliu Neagu-Negulescu. In Buchbesprechungen nehmen wir uns einer neuen Biographie über den rumänischen Schriftsteller Panait Istrati und dem wissenschaftlichen Werk „Wie Rumänien rumänisch wurde“ des Historikers Lucian Boia an. Abgerundet wird die Ausgabe mit Kurznachrichten zu Südosteuropa und aus der anarchistischen Bewegung sowie einem Reisebericht auf den Spuren von Panait Mușoiu und dem Anarchismus in Bukarest.

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