Vor 17 Jahren ermordet: Der kämpferische Gewerkschafter Virgil Săhleanu

Der kämpferische Gewerkschafter Virgil Săhleanu.

Mit dem Systemwechsel von dem fälschlich als „Sozialismus“ bezeichneten Staatskapitalismus zum Privatkapitalismus in Rumänien nach 1989, erschienen zahlreiche Millionäre, Konzerne und Investment-Gesellschaften im Land. Ihr Interesse bestand u.a. im Aufkauf von Fabriken, Rechten und Ländereien, die bislang Eigentum des rumänischen Staates waren, und die dieser an finanzkräftige „Investoren“ verkaufen wollte. Diese versprachen sich durch den Übergang in den Privatbesitz hohe finanzielle Profite. Unternehmen sollten entweder aufgelöst oder „modernisiert“ werden. In beiden Fällen führte dies zu zahlreichen Entlassungen der bislang dort arbeitenden Männer und Frauen. Der Wechsel vom Staats- zum Privatkapitalismus hatte dadurch für die Arbeiterinnen und Arbeiter im wirtschaftlichen und sozialen Bereich eine weitere Verarmung sowie eine generelle Unsicherheit über die eigene Gegenwart und Zukunft zur Folge.

Im nord-rumänischen Iași beabsichtigte die Firmenleitung des großen Stahlkombinats Tepro Istat, ehemals Uzină Metalurgica Iași, den Verkauf des Werkes an den tschechischen Konzern Železárny Veselí sowie die vorherige Umwandlung in die Aktiengesellschaft SC TEPRO SA. Das 1962 gegründete Kombinat war bis 1989 Weltmarktführer in der Produktion verschweißter Stahlrohre. Gegen die Privatisierungsabsichten der Firmenleitung entwickelte sich Widerstand unter den mehr als 1.200 Arbeiterinnen und Arbeitern und in zunehmendem Maße auch in der Bevölkerung von Iași und Umgebung. Mit Streiks und mehreren Großdemonstrationen gegen die Privatisierung wurde auch die von der Gewerkschaft Cartel Alfa (Confederatia Naţională Sindicală – Cartel Alfa) aufgestellte Forderung nach der Übernahme aller Beschäftigten und gegen jegliche Entlassung entschlossen vertreten. Für die Gewerkschaft führte der seit den 1980ern im Kombinat arbeitende Ingenieur und als entschiedener Arbeiteraktivist und Privatisierungsgegner bekannte Virgil Săhleanu die Verhandlungen mit der Firmenleitung.

Der 1946 in dem kleinen Dorf Cacica im Kreis Suceava geborene Virgil Săhleanu organisierte sich nach der „Revolution von 1989“ in der nationalistischen und den Diktator Ceaușescu und den „Nationalkommunismus“ verklärenden Großrumänienpartei (Partidul România Mare) politisch. In Iași war er von 1991 bis 1994 Mitglied des Exekutivbüros der Partei. Sein Widerstand gegen die Privatisierung führte 1995 zu seiner innerbetrieblichen Versetzung von seinem bisherigen Arbeitsplatz als Chefingenieur, der alle Abteilungen des Werkes aufsuchen konnte, zum Ingenieur für Prognosen an einem isolierteren Arbeitsplatz mit gekürztem Lohn. Gegen diese Strafmaßnahme der Firmenleitung klagte Săhleanu vor Gericht. 1996 gewann er das juristische Verfahren. Die Firmenleitung musste ihn schließlich 1997 wieder auf seinem alten Posten einsetzen und Schadenersatz für den entgangenen Lohn entrichten. 1998 verkaufte der Staat das Unternehmen an den tschechischen Konzern Železárny Veselí. Dieser verkündete im Januar 1999 die Entlassung von über 1.278 Beschäftigten, was er beschönigend als „Freistellung“ bezeichnete. Um die Entlassungen zu verhindern traten die Arbeiterinnen und Arbeiter kurz darauf in den Streik und auf einer außerordentlichen Generalversammlung der Betriebsgewerkschaft wählten sie Virgil Săhleanu zum Präsidenten der „Freien Gewerkschaft TEPRO Iași“ (Sindicatul Liber TEPRO Iași). Gleichzeitig erfolgte seine Wahl in das Exekutivbüro der Gebietsleitung der Gewerkschaft „Cartel Alfa“. Um den Widerstand der Beschäftigten zu schwächen und den in Betrieb und Stadt populären Săhleanu kalt zu stellen, verordnete ihm die Firmenleitung Zwangsurlaub. Auf diese Weise dachte sie, ihn aus dem Betrieb und von dem Konflikt fernzuhalten. Doch anders als erwartet berief ihn die Gewerkschaft als ihren Verhandlungsführer gegen die Entlassungspläne. Daraufhin saßen sich die Vertreter des Konzerns, der Firmenleitung und Virgil Săhleanu bei den Verhandlungen gegenüber. In dieser Zeit kam es zu zahlreichen von ihm organisierten Streiks und etlichen Großdemonstrationen gegen die Massenentlassungen. Zudem reichte er drei Klagen gegen die Entlassungen sowie die Privatisierung bei Gericht ein. Eine gelangte bis vor den Europäischen Gerichtshof. Einer der Hauptvorwürfe bestand darin, ein profitables Unternehmen absichtlich in den Bankrott zu führen. Eine Gruppe von Profiteuren der Privatisierung und ideologische Freunde beschlossen den Widerstand Virgil Săhleanus ein für alle mal zu brechen. Sie beschlossen seine Ermordung.

Die Ermordung und die Mörder

Am Morgen des 7. September 2000 wird Virgil Săhleanu beim Verlassen seiner Wohnung in einem Plattenbau (Bloc) von den Auftragskillern Ioan Tofan und Claudiu Irinel Bahnă mit drei Messerstichen nieder gestreckt. Obwohl Passant*innen und Bewohner*innen sofort den Notarzt rufen, kann er nicht mehr gerettet werden. Im Notfall-Krankenhaus von Iași verstirbt er wenig später. Die Nachricht von seiner Ermordung machte sofort die Runde in der Stadt und im ganzen Land. In Iași kam es zu großen Protestdemonstrationen. Gewerkschaften aus ganz Rumänien erklärten ihre Solidarität und verurteilten den feigen Mord. An seiner Beerdigung nahmen mehr als 5.000 Menschen teil. Nach zwei Tagen wurden die Mörder gefasst. Mit ihnen kommen nach und nach Auftraggeber und Hintermänner des Mordes ans Licht. Nach fünf Jahren Ermittlungen und Gerichtsverfahren wurden am 2. Juni 2005 die Urteile verkündet. Hintermann der Ermordung ist der tschechische Investor František Příplata. Seinem Urteil von 8 Jahren Haft entging er durch Flucht nach Tschechien. Als Auftraggeber ermittelt wurden der Direktor des Stahlwerkes, Victor Bălan, (15 Jahre Haft) sowie der Chef der Sicherheitsfirma Paza Protect aus Vaslui, Cătălin Ciubotura (17 Jahre Haft). Jeweils 5 Jahre Haft erhielten als Mittäter die beiden Angestellten von Paza Protect Valentin Blăniță und Gelu Alexandru Spumă. Die Mörder Tofan und Bahnă wurden zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Mord an Virgil Săhleanu veranschaulicht die Niedertracht und den Willen Reicher und Mächtiger ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen. Für ihren Profit, für noch mehr Geld, gehen sie über Leichen. Ihrem destruktiven Handeln wurde durch die Arbeiterinnen und Arbeiter in Iași und Virgil Săhleanu entschlossener Widerstand entgegengesetzt. Entlassungen und Erwerbslosigkeit im Kapitalismus bedeuten große Armut und Perspektivlosigkeit. Sie haben einen Rattenschwanz an Erniedrigungen und Misshandlungen im Gefolge. Virgil Săhleanu wurde ermordet, weil er nicht bereit war sich von den Ellenbogen und Fußtritten der Kapitalisten niederschlagen zu lassen. Er hatte den Mut sich mit den Mächtigen anzulegen. Er starb als unkorrumpierbarer Arbeiter und Gewerkschafter. Doch der Kampf gegen die Privatisierung in Iași ist gescheitert. Heute gehört das Stahlwerk zum Global Player Arcelor Mittal Steel. Aber vergessen ist weder der Widerstand noch Virgil Săhleanu. Schon kurz nach seiner Ermordung wurde die Betriebsgewerkschaft nach ihm benannt. Sie trägt noch heute seinen Namen. Was in Rumänien bis heute fehlt ist ein anarcho-syndikalistischer Kampfverband, eine klassenkämpferische und internationalistische anarcho-syndikalistische Gewerkschaft, die dem Unmut über die Verbrechen des Kapitals eine antikapitalistische Richtung hin zu einer freien Gesellschaft ohne Kapitalismus als Perspektive aufzeigt. 2014 streikten Arbeiterinnen und Arbeiter der Metallindustrie in Iași, darunter Mitglieder der Gewerkschaft, die Săhleanus Namen trägt. Auf einem ihrer Schilder war zu lesen: „Wir fordern angemessene Löhne“. Warum so bescheiden? Wir Arbeiterinnen und Arbeiter produzieren alle Werte! An unserer Arbeit bereichern sich die Konzernchefs und Aktionäre. Doch wir Arbeiterinnen und Arbeiter brauchen sie nicht. Sie sind überflüssig. Und sie haben keinen Nutzen für die Gesellschaft. Das Ziel gewerkschaftlichen Kampfes sollte u.a. ein selbstbestimmtes Arbeiten in betrieblicher und gesellschaftlicher Selbstverwaltung unter den bestmöglichen Arbeitsbedingungen sein. Die Arbeit darf nicht mehr von Kapitalismus und Kapitalisten missbraucht werden. Sie muss den Menschen und der Gesellschaft dienen. Erst dadurch erreichen wir ein würdevolles Leben und den materiellen Wohlstand für alle, nicht nur für wenige Reiche. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Ausbeutung, keine Lohnarbeit, keine Unternehmer, keine Aktionäre und Kapitalisten mehr. In einer freien Gesellschaft wird kein Arbeiter mehr ermordet, weil er den Interessen der Kapitalisten im Weg steht.

Der Mord an Virgil Săhleanu ist in Rumänien nicht vergessen. Regelmäßig gibt es in Iași Gedenkveranstaltungen für ihn. Auch in bürgerlichen Medien wird an ihn erinnert. Seine Schwester Valeria Săhleanu veröffentlichte 2004 ein Buch unter dem Titel „Arginții – Istoria primului asasinat sindical din România“ das neben biographischen Angaben den gewerkschaftlichen Kampf und die Ermordung zum Thema hat. Es kann unter folgender Online-Adresse als PDF gelesen werden: http://www.csnmeridian.ro/files/docs/ARGINTII.pdf

Die Betriebsgewerkschaft Virgil Săhleanu führt bei Demonstrationen eine schwarzrote Fahne mit sich, die sonst an der Wand im Gewerkschaftsbüro im Stahlwerk hängt. Mitglieder der Anarchistischen Föderation von Iași suchten die Gewerkschaft im Jahre 2007 auf. In einem Interview mit dem syndikalistischen Blog „Syndikalismus.tk“ erläuterten sie 2009: „Als wir einmal diese Gewerkschaft besuchten, hatten sie eine schwarzrote Fahne. Doch als wir sie fragten, was es mit dieser auf sich hat (in der Hoffnung sie würden sagen, dass es eine anarchistische Fahne ist), erzählte uns der Gewerkschaftsfunktionär, dass diese Farben einfach nur indische Farben seien, eine Form von Symbolik, weil der Chef der Stahl-Fabrik – Arcelor Mittal – ein Inder sei.“

Dieser Artikel erschien in der BUNĂ #5 | Sommer/Vară 2017

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