„… als ob diese Initiativen und Aktionen in Bukarest stattfinden würden“

Nicolas Trifon bei einer Buchvorstellung in Bukarest.

Interview mit Nicolas Trifon

von Mihai Codreanu

Nach der Etablierung kommunistischer Regime stalinistischen Typs in Osteuropa gingen Mitglieder einer der größten anarchistischen Bewegungen, jene aus Bulgarien, ins Exil. Ihre Ideen nahmen sie mit sich und fanden in Frankreich ein Land, das ihnen die Möglichkeit bot, Aufmerksamkeit auf die Situation in den Ländern des “sozialistischen Lagers” zu richten. Die Aktivitäten der bulgarischen Anarchisten beschränkten sich dabei nicht nur auf das Schreiben über ihr Land oder andere osteuropäische Staaten. Einige ihrer Aktivitäten beinhalteten den Guerillakrieg. Nach Spaltungen innerhalb der bulgarischen Anarchisten wurde die Gruppe “Iztok” (zu deutsch “Ost”) gegründet. Dieser schloss sich in den 1980er Jahren ein Emigrant aus Rumänien an – Nicolas Trifon (geboren 1949 in Bukarest) – heute ein französischsprachiger Schriftsteller. Sein aktuelles Interesse gilt der Mazedonischen Minderheit, die auch der Gegenstand seiner letzten Veröffentlichungen ist. In seinen Arbeiten finden sich verschiedene Bezüge wieder: Historische, anthropologische oder sozio-linguistische. In dem folgenden Interview behandeln wir die Situation in den 1980er Jahren bis zum Kollaps des sozialistischen Lagers zum Ende jenes Jahrzehnts und dem Beginn der 1990er Jahre.

Mihai Codreanu: Am 18. April 1978 wurde in Paris eine Pressekonferenz durchgeführt, an welcher Vasile Paraschiv (Rumänien), Viktor Feinberg (Sowjetunion), Aleksander Smolar (Polen) und Jan Letcinski (Tschechoslowakei) teilnahmen. Neben ihnen beteiligten sich Repräsentanten der vier größten französischen Gewerkschaften (F.E.N., F.O., C.F.D.T., C.G.T.) daran. Thema der Konferenz war die Gewerkschaftsfreiheit in Ost-Europa. Sie stellte ein wichtiges Ereignis dar, denn nach 30 Jahren fanden die vier größten französischen Gewerkschaften ein gemeinsames Projekt – den Protest gegen die Situation der Arbeiter im Ostblock. Hat die „Iztok“-Gruppe an diesem Ereignis teilgenommen?

Nicolas Trifon: Die Konferenz von 1978 bedeutete in der Tat einen nachhaltigen Wendepunkt im Verhalten der Gewerkschaften und der französischen Linken im generellen in Bezug auf die Realitäten des Ostens, Realitäten die Teil eines langen historischen Prozesses sind, der direkt mit der Übernahme der Staatsmacht durch die Bolschewisten im November 1917 beginnt und der 1989-1991 mit der Auflösung des “sozialistischen Lagers” und der Zerstückelung der Sowjetunion endet.

Die Eliminierung der politischen Kräfte die sich an der sozialen Revolution Russlands (die später sozialistische genannt wurde) beteiligten, von Kadetten zu Anarchisten, Menschewisten und revolutionären Sozialisten, geschah nicht unbemerkt außerhalb Russlands, auch wenn der Widerhall gegenüber jenen, die die Aufmerksamkeit auf die Monopolisierung der Macht durch die Bolschewisten richteten, begrenzt war. Beispielsweise nahmen die Führer der Machnobewegung, der bäuerlichen anarchistischen Bewegung aus der Ukraine, Zuflucht im Westen, nachdem sie von der von Trotzki geführten Roten Armee besiegt worden waren. Nestor Machno kam durch Rumänien und stoppte endgültig in Frankreich, wo einige seiner alten Genossen (Volin, Peter Arshinov etc.) Dokumente veröffentlicht hatten, welche die Machtübernahme der Revolution durch die Bolschewisten anklagten, deren beständige Repression gegenüber streikenden Arbeitern, gegenüber Bauern, die sich den Misshandlungen der neuen Autoritäten widersetzten sowie gegenüber den politischen Militanten, die sich ablehnend gegenüber den Bolschewisten verhielten. Es ist nicht einfach zu erklären, weshalb es für die Gewerkschaften und die linken politischen Parteien im Westen, sowie generell für die Öffentlichkeit, so lange dauerte, bis sie die Ernsthaftigkeit der Situation im Osten realisierten. Die großen Hoffnungen, die durch den radikalen und historischen Wandel in Russland erzeugt wurden, spielten sicherlich eine wichtige Rolle. Doch diese Erklärung reicht nicht: Entscheidend waren die Reaktionen der westlichen Mächtigen, die durch die Perspektive einer neuen herrschenden Klasse, die sich auf anderer Basis organisierte, Platz machen zu müssen, beängstigt wurde. Der lebendige Anti-Kommunismus des Westens hinderte jene, die es duldeten – die Sozialisten und Revolutionäre die für das sozialistische Ideal kämpften, die wahre Natur des Systems des Ostens zu erkennen, ein System das vorgab, das Ideal zu repräsentieren, für welches diese Gewerkschafter und Revolutionäre kämpften. Gleichgültig den Illusionen, welche Arbeiter und jene, die einen radikalen Wechsel im Westen wollten hatten, führte der Verteidigungsreflex gegen den Druck und die Repression, die im Namen des Anti-Kommunismus geführt wurden, zur Nichtbeachtung der kritischen Auseinandersetzungen über die Realitäten im Osten, gleichgültig wie deutlich und schlüssig sie auch waren. Solange die Spannungen zwischen West und Ost vorherrschten war es für die Opfer des politischen Systems, das den Anti-Kommunismus unterstützte, unausbleiblich die Opfer jenes Systems zu ignorieren, das lautstark und unberechtigt proklamierte kommunistisch zu sein.

Persönlich verweigere ich es immer in dieser Angelegenheit von „Kommunismus“ zu sprechen. Ich kategorisiere dieses System von einem ökonomischen Standpunkt aus als „Staatskapitalismus“ und von einem politischen Standpunkt aus als „Staatskommunismus“. Ich weiß nicht ob ich an die Tatsache erinnern muss, dass es im Westen nur wenige waren, die eine neue Welt schaffen wollten, während im Osten solche Leute gar nicht wirklich existierten. Wie auch immer; es ist wichtig festzuhalten, dass am Ende des Erkenntnisprozesses das gesamte kommunistische Bauwerk – inklusive der Länder in denen sich die kommunistischen Parteien in der Opposition befanden – extrem schnell kollabierte.

Die oben angesprochene Konferenz fand in einem Moment statt (1978, zehn Jahre nach der Invasion der Tschechoslowakei – einer Invasion die für lange Zeit das Ende jeder Reformbemühung innerhalb des Systems bedeutete) in dem der Countdown eingeleitet wurde. Dieser Countdown begann zwei Jahre später, 1980, mit dem Wutausbruch der organisierten Arbeiterklasse auf der politischen Bühne Polens. Der international voranschreitende Verlust der Legitimität der UdSSR und der Staaten des Ostens spielte eine wichtige Rolle in der Implosion des Staatskommunismus, auch wenn diese Implosion tatsächlich durch die Unfähigkeit beider – sowohl der Verwalter als auch der Nutznießer dieses Systems – verursacht wurde, das System von innen zu reformieren ohne es abzuschaffen. Dies erkenne ich rückblickend. Doch zu dieser Zeit waren die Dinge weniger klar.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Das „Iztok“-Kollektiv nahm nicht an der angesprochenen Pressekonferenz teil. Und zwar aus dem einfachen Grund das die Gruppe sich erst ein Jahr später gründete, als die erste Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift in französischer Sprache veröffentlicht wurde.1 Ich erfuhr erst durch die Presseberichterstattung nachträglich von der Konferenz, doch schenkte ich ihr nur wenig Beachtung. Zu dieser Zeit war ich in der anarchistischen und sozialen Bewegung aktiv und organisierte einen kleinen Streik in dem Laden, in dem ich arbeitete.

Ich engagierte mich bei der Koordinierung verschiedener libertärer Initiativen, sozialen und politischen Bewegungen, ich lebte die kulturelle Revolution die in diesen Jahren stattfand, ausgelöst vom Feminismus. Ich nahm an all den verschiedenen Aktionen teil: zur Solidarität, zur Wiederaneignung, an Partys. Ich verfasste Flugblätter, publizierte ein Magazin „Lutter“ („Erkämpfen“), verfasste ein Manifest für die Organisation „Combat Anarchiste“ („Anarchistischer Kampf“) mit dem Titel „Repères pour un antiétatisme militant“ („Orientierung für eine militante Antistaatlichkeit“)… All diese Sachen von denen ich hier spreche, mit Ausnahme des Streiks, machte ich klandestin und unterzeichnte nichts namentlich. Für diejenigen, die nicht Teil unserer Gruppe waren, war ich Bruno, denn zu dieser Zeit (die Linke kam 1981 an die Macht) konnte die Teilnahme von Ausländern an den Aktivitäten der radikalen Linken, nicht zu sprechen von direkten Aktionen, wie dies bei uns der Fall war, zur Ausweisung führen. Es war gang und gäbe unter den Libertären weder individuell zu handeln noch individuelle Erklärungen zu unterzeichnen, dies geschah ausschließlich kollektiv. Die einzige Ausnahme die ich machte war eine kleine Studie über Rumänien: „Fait divers et socialisme“ („Verschiedene Ereignisse und der Sozialismus“). Diese war eine Analyse einer Rubrik aus der Zeitung Scânteia(“Der Funke”), die den Lesern ermöglichte die Gegensätzlichkeiten zwischen der offiziellen Darstellung und der täglichen Realität zu erkennen.2

Diese Studie wurde im April 1977 unter meinem Namen in einem internationalen anarchistischen Magazin – einem Magazin mit den Schwerpunkten auf Analyse und Informationen aus erster Hand, „Interrogations“ („Fragen“) veröffentlicht. Diese Zeitschrift publizierte ein Jahr zuvor zum allerersten Mal einen Text von Václav Havel in französisch. Zu jener Zeit war dies kaum bekannt. Der Text trägt den Titel „Le conformisme par la peur“.

Mihai Codreanu: Wieviele Rumänen waren Teil der „Iztok“-Gruppe? Hatte die Gruppe Kontakte zu den unabhängigen Arbeiteraktivisten in Rumänien? Wenn ja, kannst du uns etwas über sie erzählen?

Nicolas Trifon: Zum Beginn meiner Zeit in Frankreich war ich nicht wirklich in Kontakt mit Rumänen. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich Landsleute traf, verlor ich schnell jedes Interesse an einer Konversation, aus dem Grund, das jene, die schon vor langer Zeit in den Westen emigrierten, ekelhaft reaktionär waren und jene, die aktuell kamen, nur am Geld verdienen sowie an ihrer beruflichen Karriere interessiert waren.

Ich hörte auch von einigen Leuten die sich im Hungerstreik vor der rumänischen Botschaft befanden und von Reportern von „Radio Free Europe“ unterstützt wurden aber nur schwach von französischen Journalisten.3 Das war Tollkühn, doch ihr Verhalten hatte einige deutliche Defizite, denn sie beendeten jegliche Aktion in dem Moment, als sie das bekamen was sie forderten: Ein Visa für ihre Ehefrau/Ehemann, Tochter oder Sohn. Mit der Zeit hatte ich die Freude festzustellen, dass es aber auch Ausnahmen unter den Landsleuten gibt.

In all diesen Jahren las ich eine Menge von Untersuchungen, oftmals exzellentes Material, über die Geschichte, Struktur und Natur der östlichen Systeme, über die Dissidenten in der Sowjetunion und die Arbeiterbewegung in Polen und ich war erstaunt zu erkennen, wie viele Hinweise mir erlaubt hätten die Dinge besser zu verstehen, die ich in meiner Zeit in Rumänien verloren habe. Ganz zu schweigen natürlich von der Tatsache, das Menschen in Rumänien keinen Zugang zu dieser Art von Materialien hatten. Nach Ceaușescus Wendung zum autoritären Größenwahnsinn sah ich nicht einmal mehr die kleinste Möglichkeit einer Evolution. Die Neuigkeiten über die Bergarbeiterstreiks im Schil Tal und die Goma-Bewegung nahm ich mit Skeptizismus auf, auch wenn mir bewusst war, das sie auf eine Weise zersetzend wirkten und mir Möglichkeiten der Herausforderung des Regimes suggerierten.4

Ein Schlüsselereignis war für mich das Lesen eines Berichts von Amnesty International, der detailliert die Zwangseinweisungen und Misshandlungen von Regime-Gegnern in die Psychiatrien darstellte. Um es einfach zu sagen: Wenn du einen Aspekt des Regimes kritisierst und dagegen protestiert, dann nehmen sie dich nicht fest, sie weisen dich ein. Die Botschaft war klar: „Du musst verrückt sein um das System abzulehnen und der Platz für Verrückte ist die Psychiatrie“. Ich war genügend vertraut mit der Mentalität in Rumänien um mir die Effektivität dieser Botschaft vorstellen zu können. Unter den Opfern dieser neuen Form der Repression befand sich der Arbeiter Vasile Paraschiv. Er wurde mit der Diagnose „Paranoia – systematische delierende Psychose“ zwangseingewiesen für den Umstand, das er formal einige grundlegende gewerkschaftliche Forderungen an seinem Arbeitsplatz erhob. Dies forderte meine Aktivitäten in Bezug auf Rumänien heraus. Um ehrlich zu sein. Ich habe nicht viel Hoffnung. Es änderte sich im Dezember 1989, als ich nicht glauben konnte, das die Berichte über die Demonstrationen in Rumänien tatsächlich wahr waren. Dies war der Grund weshalb ich mit einem humanitären Konvoi sofort nach Bukarest aufbrach um sicherzustellen das dies auch geschah. Ich traf dort zu der Zeit ein, als Ceaușescu exekutiert wurde.

Ich tat dies innerhalb des „ztok“-Kollektivs und gleichzeitig in einer wöchentlichen Radiosendung die sich den östlichen Ländern widmete und zu dieser Zeit sehr populär war; ich machte die Sendung gemeinsam mit einem französischen Genossen bei Radio Libertaire und Radio Solidarność. Die erste Ausgabe der französischen Edition von „Iztok“ erschien im Früjahr 1980 und damit vor dem Höhepunkt der August-Streiks in Polen, die zur Legalisierung der Solidarność-Gewerkschaft im nächsten Monat führten. Es gab eine Menge veröffentlichter Materialien zu diesem Land, bevor und ganz speziell nach dem das Kriegsrecht am 13. Dezember 1981 verhängt wurde. Genauso wie viele andere anarchistische Genossen die nicht zwangsläufig mit „Iztok“ verbunden waren, nahm ich unverzüglich Kontakt mit der neuen Gewerkschaft in Gdańsk (Danzig) und Warschau auf, einige Monate bevor Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte.

So wie ich die Dinge sah, hinsichtlich der kritischen internen Auseinandersetzung, den alternativen Vorstellungen, der gesellschaftlichen Mobilisierung, war die Situation in den anderen sozialistischen und UdSSR-Staaten etwas ermutigender. Dies war der Grund dafür, das ich mich mit der selben Hingabe wie diejenigen, die in Warschau, Moskau, Budapest und Prag rebellierten, kritisierten und kämpften, einbrachte, ganz so, als ob diese Initiativen und Aktionen in Bukarest stattfinden würden.

Die Stimmung war euphorisch und ich war einer der wenigen, welche die Möglichkeit hatten zu realisieren, das diese nicht zu lange andauern würde. An der Grenze zur Tschechoslowakei wurde ich festgenommen und für 18-Stunden eingesperrt, weil ich mich in Wroclaw mit dem vormaligen Sprecher der Gewerkschaft, dem Historiker Karol Modzelewski getroffen hatte, der einige Monate zuvor Lech Walesas Autoritarismus scharf kritisiert hatte. Ich hatte gerade eben erst meinen französischen Pass erhalten und glücklicherweise war es während eines Wochenendes, wodurch sie nicht herausfinden konnten, ob ich nicht auch Rumäne war, was sie vermuteten. Ansonsten wäre dies ein Anlass gewesen am eigenen Leib die Untaten der Geheimdienste zu spüren, die Untaten die ich anprangerte.

Ich war der einzige Rumäne im Herausgeberkreis, doch gab es einige weitere Landsleute die sich im Umfeld des Kollektivs bewegten, konkret dann, aber nicht nur, wenn es um direkte oder indirekte Initiativen bezüglich Rumäniens ging. Wir hatten keine Informationen über wirklich anarchistische Initiativen in Rumänien. Andererseits; der Anarchismus war historisch betrachtet wenig Präsent in Rumänien im Vergleich zu Russland, Bulgarien, Ungarn oder Polen, in welchen, trotz des Fehlens der Meinungsfreiheit während des Kommunismus, der Anarchismus in einigen Situationen wieder hochaktuell wurde. So etwa im Zusammenhang mit der Entstalinisierung und der Systemgegnerschaft in der UdSSR, in Ungarn im Zusammenhang mit der Rolle der Arbeiterräte der Revolution von 1956 oder in Polen, als Ergebnis einer anti-autoritären Entwicklung einiger marxistischer Theoretiker in Reaktion auf das Tandem des katholischen Konservativismus und der liberalen Sozialdemokratie.5 Die Artikel die wir veröffentlichten wurden oftmals übersetzt und in der internationalen anarchistischen Presse veröffentlicht und manchmal auch in spezialisierten französischen Zeitschriften nachgedruckt, wie beispielsweise von „La Documentation française“, die unser langes Interview mit G. Danciu (das damalige Pseudonym von Nicolae Gheorghe) über die Probleme der Roma in Rumänien wiederveröffentlichten. Vasile Paraschivs Bemühungen betrachteten wir von Anfang an in jeglicher Hinsicht als vorbildlich und nachahmenswert.

Mihai Codreanu: Die Repression gegen Arbeiter und unabhängige Arbeiterorganisationen in den Ländern, die den so genannten “wissenschaftlichen Sozialismus” darstellten, war eine Angelegenheit auf Leben und Tod. Beispielsweise wurde Vasile Paraschiv mehrere male von der Securitate entführt und gefoltert. Hat die “Iztok”-Gruppe Vasile Paraschiv unterstützt? Ich weiss das 1981 eine Ausgabe von “Iztok” in rumänisch herausgegeben wurde, die auch Informationen über Paraschivs Initiative für den Aufbau einer unabhängigen Arbeitergewerkschaft enthielt. Was war der Grund das diese Ausgabe erschien und wurde sie auch in Rumänien verbreitet?

Nicolas Trifon: 1968, das Jahr des Triumphs für den National-Kommunismus, einer der raren Momente, in denen Ceaușescu sogar in freien Wahlen gewählt worden wäre, machte Vasile Paraschiv die Einstellung der Zahlungen seines Parteibeitrages öffentlich. (Im gleichen Jahr übrigens, in welchem der 1959 verhaftete und deportierte Paul Goma in die Partei eintrat – auch wenn es nur für ein paar Monate war). Paraschiv verfasste einen Protestbrief an das Zentralkommitee in welchem er die Misshandlungen durch die Partei und den Staat öffentlich machte. Im März 1971, weniger als zwei Monate nach dem einen Aufstand auslösenden Streik gegen die Preiserhöhungen von Grundnahrungsmitteln in Nord-Polen mit dutzenden von toten Arbeitern, versandte Vasile Paraschiv an das Zentralkommitee der Gewerkschaften Rumäniens und das der Rumänischen Kommunistischen Partei ein wirkliches Programm zur Reorganisation der gewerkschaftlichen Struktur. 1977 unterzeichnete er den Aufruf von Goma und zwei Jahre später, nach der zuvor angesprochenen Konferenz, insistierte er nach Rumänien zurückzukehren und trat dort der gerade eben gegründeten Gewerkschaft “Sindicatul Liber” (“Freie Gewerkschaft”) bei. Kurz darauf war er verschwunden.

Das war der Grund, weshalb das Komitee, das seinen Namen trug, im Februar 1981 gegründet wurde, zwei Jahre nach dem Verschwinden von Paraschiv. Im Vorhinein hatte ich die “Liga pentru Apărarea Drepturilor Omului în Romania” (die Liga für den Schutz der Menschenrechte in Rumänien) kontaktiert, die kurz zuvor von Leuten gegründet worden war, welche Paraschiv in ihre Obhut genommen hatten, als er zu der angesprochenen Konferenz erschien. Die ersten Kontakte waren bizarr. Ich stellte mich ohne jeden Komplex als Anarchist vor, während sich in dieser Art von Situation Menschen bemühen, ihre politische Einstellung zu verstecken. Und in dieser Situation fragte ich nach Informationen über Vasile Paraschiv. Meine Gesprächspartner hatten eher rechte Positionen als liberale (später, als die Sozialistische Partei an die Macht kam, näherten sich einigen von ihnen dieser an) und sie legten den Schwerpunkt auf die Menschenrechte, was grundsätzlich nicht schlecht ist. Doch sie waren nicht in der Lage zu verstehen, weshalb wir darauf insistierten, für einen Arbeiter wie Paraschiv zu moblisieren, der zudem noch darauf bestand nach Rumänien zurückzukehren, anstatt Pater Calciu zu unterstützen, einen ehemals gefangenen Legionär, auch im Umerziehungslager von Pitești, der nach Jahren von Haft und Deportation unter der Überwachung der politischen Polizei aufgrund einiger mystisch-nationalistischer Predigten stand. Am Ende erreichte ich alles das ich wollte und hatte eine besondere Sympathie für die Hingabe, welche der Historiker Mircea Berindei in diesen Jahren unter Beweis stellte – dem maßgeblichen Inspirator der Aktionen, welche die Legion in Bezug auf Rumänien unternahm. Rumänen bzw. Franzosen rumänischer Herkunft waren weniger als die Franzosen, die Teil des Komitees waren oder als jene, die an den Aktionen dieser Struktur teilnahmen, die konkret arbeitete und die weniger als zwei Jahre agierte. Neben mir gab es einen weiteren Rumänen, den ich später aus den Augen verloren habe – er war Anarchist. Ich erinnere mich, das Alain Paruit, der Rumänisch-Übersetzer von Goma und Eliade vom Galimard Verlag, der mit unseren Ideen sympathisierte, mir vom Schriftsteller Dumitru Țepeneag erzählte, der eine Schlüsselrolle in der öffentlichen Kampagne für Goma einnahm und ebenfalls ein Libertärer war. Später las ich eine diesbezügliche Erklärung von Dumitru Țepeneag, doch hatte ich nie die Chance ihn zu treffen.

Die Aktivitäten des Komitees waren zahlreich und effektiv. Es organisierte den Boykott der touristischen Werbekampagne für Rumänien. Zwei Drittel der Werbeplakate in der Pariser Metro, angemietet vom rumänischen Staat, wurden durch Plakate des Komitees überklebt und mit Aufschriften versehen, die Auskunft über Vasile Paraschiv forderten und die Repression in Rumänien öffentlich machten. Die für ihn eingegebene Petition erhielt Unterschriften bekannter Gewerkschafter, Politiker und Künstler und der Überfall auf den Journalisten Bernard Poulet, den ich bat während seiner Reportage in Bukarest mit Vasile Paraschiv in Kontakt zu treten. Der Überfall brachte Vasile Paraschiv in die Nachrichten. Der Bote der Tageszeitung Le Matin wurde beim Eintreffen der entsprechenden Ausgabe in Bukarest schwarz und blau geschlagen. Von Leuten, die der rumänische Staat als “Zigeuner” präsentierte.

Zum Ende der Kampagne wurde im Februar 1982 eine denkwürdige Demonstration durch das Komitee direkt vor rumänischen Botschaft durchgeführt. Etwas neues war, das auf dieser Demonstration politische Parolen zu hören waren – und zwar für die kürzlich gegründete freie Gewerkschaft. Am Megaphone wurde ein kritischer Diskurs geführt. Schlüssiger und objektiver als die sonstigen antikommunistischen Litaneien, die so harmlos wie bösartig waren.

Es war amüsant den Enthusiasmus einer Person wie Monica Lovinescu während dieser Demonstration unter schwarzen Fahnen und revolutionären Losungen zu sehen, welcher nur schwerlich Sympathien für Syndikalisten oder Anarchisten unterstellt werden können. Zum ersten mal hatte auch der Korrespondent der nordamerikanischen Radiostation über ein etwas gehaltvolleres Ereignis zu berichten. Es ist auch nicht weniger wahr, das ihre Reportage ein Echo in Rumänien auslöste, ohne dieses mit dem um einiges kleineren nach dem Erscheinen unsere Publikation “Iztok” in rumänisch vergleichen zu wollen, in dem wir, neben anderem, das gewerkschaftliche Programm Vasile Paraschivs darlegten.

In Wahrheit erreichten nur einige wenige Exemplare das Land und wir hatten kein wirkliches Echo darauf. An der Demonstration nahmen unter anderem auch zwei Personen teil, die das Komitee bei jeder öffentlichen Aktivität unterstützten – unabhängig von jeder Diskussion über Gegensätzlichkeiten die wir haben konnten: Paul Goma und Victor Fainberg. Letzterer war bei der erwähnten Zusammenkunft neben Vasile Paraschiv zugegen als Repräsentant der Freien Gewerkschaften aus der UdSSR. Er war in Frankreich innerhalb der libertären Bewegung sehr aktiv. Doch jene Zeit ist lange her: Paul Goma hat jeden Rekord gebrochen in der Darstellung von schlechtem Geschmack und Victor Fainberg habe ich für lange Zeit aus den Augen verloren. Ich fand aber heraus, das er einen Spezial-Orden in Prag verliehen bekam. In der Tat war er unter denjenigen acht Leuten, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz in Moskau gegen die Invasion der Tschechoslowakei demonstrierten.

Mihai Codreanu: Hab vielen Dank für das Interview.

Fußnoten

1. Alle Artikel der Zeitschrift „Iztok“ sind online verfügbar unter: http://www.la-presse-anarchiste.net/spip.php?rubrique78

2. Sie war das täglich erscheinende offizielle Organ der Rumänischen KP.

3. Radio Freies Europa/Radio Liberty. Nord-Amerikanisches Propaganda Radio.

4. Am 9. Februar wurde in Radio Freies Europa Paul Gomas offener Brief zur Solidarität mit den anti-kommunistischen Protesten der Charta 77 in der Tschechoslowakei verlesen. Mit diesem Brief begann die “Goma-Bewegung” für die Menschenrechte.

5. “Eine sozialistische Arbeiterbewegung, kommunistisch oder nicht kommunistisch, hat niemals in Rumänien existiert”, antwortete Georges Haupt in einer Universitäts-Lektion auf die Frage ob es möglich sei, die nicht kommunistische sozialistische Bewegung Rumäniens in der Zwischenkriegszeit zu erforschen. Jeder der Anwesenden blieb verblüfft zurück, denn dieser Ex-Stalinist, der Tag und Nacht neben Roller [Mihail Roller, Stalinistischer Chef-Historiker der rumänischen KP bis zur Mitte der 1950er Jahre] zwischen 1953 und 1958, als er das Land verließ, in der historischen Fakultät der rumänischen Akademie zu Gange war, wurde alles andere, aber kein Dogmatiker. Er war dem Marxismus gegenüber sehr kritisch und wurde in Frankreich sehr populär. Es fällt schwer solch eine Aussage von einer Person, die so eng mit Rumänien verbunden war, zu vergessen, auch wenn sie polemisch gemeint war.

Dieses Interview ist erschienen in BUNĂ #2

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